
Frühstücksbuffets sind ein faszinierendes sozialpsychologisches Experiment.
Kaum betreten wir den Saal, verwandeln sich vernünftige Erwachsene binnen weniger Sekunden in strategische Vorratssammler. Plötzlich scheint die unterschwellige Angst zu erwachen, der Speck könne in den nächsten drei Minuten aussterben, die letzten Rühreier könnten unter Artenschutz gestellt werden und die Marmelade nur noch gegen Vorlage eines behördlichen Antrags erhältlich sein.
Dabei wissen wir alle, dass das Buffet noch drei oder vier Stunden geöffnet hat.
Und dennoch werden Teller beladen, als stünde eine Polarexpedition bevor.
Brötchen auf Ei. Ei auf Speck. Speck auf Würstchen. Dazwischen etwas Obst für das gute Gewissen und ein Croissant, das sich verzweifelt an den Rand des Konstrukts klammert. Man betrachtet diese Gebilde mit ehrfürchtigem Staunen. Manche gleichen kleinen Gebirgszügen, andere erinnern an avantgardistische Architekturprojekte, deren Statik jeden Bauingenieur in eine existentielle Krise stürzen würde.
Tatsächlich bin ich inzwischen überzeugt, dass hier ein bislang völlig unterschätztes Forschungsfeld brachliegt. Das Statikparadoxon des Frühstücksbuffets verdient dringend wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Wie es möglich ist, dass drei Brötchenhälften, acht Scheiben Käse, ein Berg Rührei, Speck, Würstchen, Obstsalat und ein Croissant in einer Schräglage von gefühlten 47 Grad übereinanderliegen, ohne augenblicklich zu kollabieren, widerspricht allem, was ich über Physik zu wissen glaube.
Eigentlich müsste es dafür einen eigenen Lehrstuhl an der Universität geben.
Angewandte Buffetstatik und kulinarische Lastverteilung.
Mit Forschungsprojekten wie: „Die Tragfähigkeit von Croissants unter Wurstlast“, „Horizontale Instabilitäten bei überbelegten Frühstückstellern“ oder „Rührei als unterschätztes Bindemittel komplexer Buffetkonstruktionen“.
Es ist bemerkenswert, wie schnell man vergisst, dass der menschliche Magen ungefähr die Größe einer Faust besitzt.
Offenbar existiert am Buffet eine eigene Mathematik:
Was auf dem Teller liegt, zählt nicht zur Sättigung. Nur das, was man nicht genommen hat, gilt als Verlust.
Und so entstehen diese kulinarischen Monumente menschlicher Hybris.
Nun denn.
Ich sitze hier mit meinem Kaffee, betrachte die architektonischen Meisterwerke meiner Mitmenschen und wünsche ihnen von Herzen guten Appetit.
Eines muss man den Hoteliers lassen:
Am Hungertuch nagen musste ich an einem Frühstücksbuffet jedenfalls noch nie. Dafür gelegentlich an meiner Selbstbeherrschung.
Bleibt's xund eure Frau Kruemelkuchen