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Ostersonntag, zwischen Erwartung und Wirklichkeit

Es gibt jene Tage, die sich im Rückblick wie kleine Parabeln lesen – nicht laut, nicht dramatisch, und doch von einer leisen, insistierenden Wahrhaftigkeit durchzogen.

Ostersonntag also. Familie. Ein gutbürgerliches Wirtshaus, dessen Gasträume überquollen vor Stimmen, vor Leben, vor jener wohltemperierten Kakophonie aus klirrendem Geschirr, halb gehörten Anekdoten und herzhaftem Gelächter, das sich zwischen Suppentellern und Sonntagsbraten entfaltet. Ein Ort, an dem das Leben nicht fragt, ob man bereit ist – es findet schlicht statt.

Ostersonntag, zwischen Erwartung und Wirklichkeit

Eine Zeit der Zusammenkunft, der familialen Nähe, der kleinen Rituale, die sich über Generationen hinweg eingeschrieben haben: Kinderlachen, lebendige Gespräche mit Eltern, Tanten, Onkeln – ein polyphones Geflecht aus Stimmen, Erinnerungen und Gegenwart. Eine Zeit auch der inneren Einkehr, jener stilleren Momente, in denen man sich selbst wieder ein wenig näherkommt.

Und ich war vorbereitet.

Vorbildlich beinahe.

Mit einer Sorgfalt, die fast schon an eine kleine Zeremonie erinnerte, legte ich meine Technik auf die Ladestation – wohlwissend, dass wir in ein Wirtshaus eingeladen waren, ein Ort also, der akustisch selten zur Zurückhaltung neigt. Ich wollte gewappnet sein. Auf alles.

Gesagt, getan.

Und dann – fuhren wir los.

Die Technik blieb zurück.

Auf der Ladestation.

Wie ein stummer, aber folgenschwerer Kommentar zu meiner vermeintlichen Vorbereitung.

In mir erhob sich augenblicklich ein Sturm.

Mein inneres Wiesel – sonst schon nicht eben für seine Gelassenheit bekannt – verlor jegliche Contenance. Es tobte, es insistierte, es biss. In die Wade, das Knie, das Schulterblatt – metaphorisch gesprochen, aber nicht minder eindringlich. Es zeterte mit einer Vehemenz, die kaum zu ignorieren war, kommentierte jeden Kilometer dieser Fahrt mit wachsender Empörung.

Während ich also versuchte, die Szenerie zu retten, die Kinder auf die vorbeiziehende Landschaft aufmerksam machte, die Natur in ihrer frühlingshaften Pracht pries, fand das Wiesel all das – erwartungsgemäß – völlig obsolet.

Was kümmerte es die blühende Welt, wenn wir doch das Wesentliche vergessen hatten?

Die Büffelin hingegen – majestätisch in ihrer stoischen Ruhe – hob nur langsam den Blick.

„Lass es auf uns zukommen“, schien sie zu sagen, mit jener ruhigen Selbstverständlichkeit, die mich manchmal zugleich beruhigt und ein klein wenig irritiert. „Es wird schon gehen. Es wird nicht so schlimm.“

Ein leiser Kontrapunkt im inneren Aufruhr.

Spoiler: Es kam, wie es kommen musste – und vielleicht noch ein wenig gravierender, als ich es mir im Vorfeld eingestehen wollte.

Am Tisch geriet selbst das wohlmeinende Gesprächsangebot meiner Mutter zu einer leisen, fast flüchtigen Erscheinung. Worte kamen an – fragmentarisch, bruchstückhaft, wie durch ein feinmaschiges Netz gesiebt, in dem Bedeutung hängen blieb und nur Klangreste zu mir durchdrangen.

So wurde dieses Essen im Restaurant zu einer eigentümlichen, beinahe kafkaesken Odyssee im Kleinen: ein tastendes Vorankommen von Getränk zu Hauptspeise, vom Buffet zurück an den Platz – und wieder von vorn. Ein Kreislauf, der weniger von Genuss als von Anstrengung getragen war.

Ich bemühte mich. Mit einer Beharrlichkeit, die fast schon an Insistieren grenzte, hielt ich innerlich dagegen: verstehen wollen, dranbleiben, aufnehmen, einordnen. Doch genau dieses permanente Bemühen wurde zur eigentlichen Last. Denn wo andere mühelos in Gespräche eintauchten, ruderte ich – leise erschöpfend – gegen eine akustische Strömung an, die keine Rücksicht kannte.

Der Saal selbst schien dabei zum Komplizen dieser Überforderung zu werden: groß, übervoll, akustisch unbarmherzig. Jeder Tisch besetzt, jede Stimme ein weiterer Faden im ohnehin schon dichten Gewebe aus Klang. Menschen drängten, schoben sich zwischen Stühlen und Gesprächen hindurch, als gäbe es keine Grenzen mehr – weder räumlich noch auditiv.

Und irgendwo darin saß ich.

Nicht ausgeschlossen – aber auch nicht wirklich Teil des Ganzen.

Es ist ja keineswegs so, dass ich gar nichts verstanden hätte – das wäre beinahe die einfachere, klarere Konstellation gewesen. Nein, ich verstand. Aber eben nur partiell, selektiv, in einer Dosis, die nicht ausreichte, um jenes leise Gefühl von Souveränität zu erzeugen, das man sich in zwischenmenschlichen Begegnungen so sehr wünscht.

Ich konnte mich unterhalten, gewiss. Worte austauschen, reagieren, lächeln an den richtigen Stellen – zumindest hoffte ich das. Doch viele Sätze glitten an mir vorbei wie flüchtige Schatten, blieben im Verborgenen, ungreifbar, als hätten sie sich bewusst meiner Wahrnehmung entzogen.

Und genau darin liegt diese feine, aber insistierende Unzufriedenheit:

Wenn man immer wieder nachfragen muss.

Wenn man es irgendwann lässt, um nicht permanent den Gesprächsfluss zu unterbrechen.

Wenn Themen sich verschieben, ohne dass man den Übergang wirklich mitvollzogen hat.

Dann sitzt man nicht nur am Tisch – man oszilliert gewissermaßen zwischen Teilnahme und Beobachtung, zwischen Dazugehören und einem leisen Abseits. Und diese Ambivalenz ist es, die erschöpft.

Aber nun gut – selbst die längste, akustisch herausfordernde Mahlzeit findet irgendwann ihr Ende. Und so zog sich unsere kleine Gesellschaft schließlich zurück in die vertraute Topografie des elterlichen Zuhauses: Wohnzimmer und Küche meiner Mama.

Und hier – im vertrauten Gefüge – wurde es spürbar leichter.

Nicht, weil die Akustik plötzlich eine wundersame Metamorphose durchlaufen hätte. Nein, sie war nicht grundlegend besser, nicht signifikant optimiert. Und doch: Sie war bekannt. Berechenbar. Ein Raum, dessen klangliche Eigenheiten mir nicht mehr fremd waren.

Vor allem aber war da eines: weniger Menschen.

Weniger Stimmen. Weniger Überlagerungen.

Gespräche wurden wieder greifbarer. Nicht vollkommen klar, nicht mühelos – aber zugänglich genug, um Verbindung zu stiften. Ich musste mich nicht mehr in jeder Sekunde exponiert anstrengen, nicht mehr jede Nuance mit beinahe verbissener Konzentration festhalten.

Es entstand Raum.

Zum Zuhören.

Zum Antworten.

Und so geschah es – beinahe leise –, dass sich der Nachmittag doch noch wendete.

Wir lachten.

Ehrlich, ungefiltert, vielleicht ein wenig lauter als nötig – als wolle dieses Lachen all das kompensieren, was zuvor verloren gegangen war.

Gespräche entfalteten sich wieder, nahbarer, zugänglicher. Gedanken durften sich ausformulieren, ohne permanent gegen ein Übermaß an Geräuschen insistieren zu müssen.

Und ich war wieder Teil davon. Es war so schön.

Nicht perfekt.

Nicht mühelos.

Aber da.

Und manchmal – so scheint es mir – ist genau dieses „Da-Sein“ bereits ein kleines, stilles Osterwunder.

Was so ein kleines Mikrofon doch ausmacht, wenn man es daheim vergisst…..

Bleibt's xund, eure Frau Kruemelkuchen

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