Zum Hauptinhalt springen

Was zur Hölle habe ich dieses Jahr eigentlich geschrieben?

Rückblickend betrachtet – und mit dem gebotenen intellektuellen Sicherheitsabstand – lässt sich dieses Schreibjahr wie folgt zusammenfassen:

Ich habe mich nicht verzettelt.

Ich habe mich systematisch verausgabt.

Denn was nach außen wie ein lose gefügter Reigen aus Essays, Alltagsminiaturen, Hörtexten, Krankheitsreflexionen, Wiesel-Eskapaden und sprachlich ambitionierten Instagram-Sätzen wirkte, war in Wahrheit ein hochkomplexes literarisches Großprojekt mit dem Arbeitstitel:

„Wie viel Wirklichkeit hält ein Mensch aus, ohne sprachlich zu eskalieren?“

Kapitel I – Ich schrieb über Hören. Überraschung.

Ja. Ich weiß.

Niemand hätte damit rechnen können.

Ich schrieb über Popoatmung und Hören, weil Hören eben nicht einfach ein Sinn ist, sondern ein kognitives Hochleistungsmanöver mit sozialer Anschlussverpflichtung. Über Cochlea-Implantate, Hörtraining, akustische Überforderung, über diese charmante Alltagsdisziplin namens Dauerrekonstruktion von Sprache unter widrigen Umständen.

Ich schrieb darüber, weil „Ich höre schlecht“ eine glatte Lüge ist.

Die Wahrheit lautet:

Ich höre hochkomplex, energieintensiv, kontextabhängig und mit gelegentlichem neuronalen Flächenbrand. Gerade wenn ich meine ein Metalfestival muss nun sein, oder der Teenager im Auto auf Porenatmung umstellt….

Dass das nicht instagramtauglich klingt, war mir bewusst.

Ich tat es trotzdem.

Kapitel II – Ich schrieb über Krankheit, ohne gefällig zu sein

Chronische Erkrankung kam vor. Häufig.

Aber nicht als dramaturgisches Elend, sondern als strukturelle Realität.

Ich schrieb über:

Ärzte, die psychisch sagen, wenn sie nicht weiterwissen.

Sätze wie „Aber gestern ging es doch noch“, die ich innerlich archivierte unter verbale Mikroaggressionen mit Bildungsauftrag.

Körper, die nicht kollaborieren, sondern eigene Agenden verfolgen.

Ich schrieb nicht, um Mitleid zu erzeugen.

Ich schrieb, um die moralische Überhöhung von Gesundheit zu demontieren.

Nebenbei. Mit Stil.

Kapitel III – Das Wiesel hatte erstaunlich viel Redezeit. Sehr sehr viel Redezeit

Ein nicht unerheblicher Teil meiner Texte wurde von einem inneren Wesen begleitet, das man höflich als neurokognitiv wach bezeichnen könnte.

Das Wiesel kommentierte:

Überforderung

gesellschaftliche Absurditäten

gut gemeinte Ratschläge mit Haltbarkeitsdatum

Es insistierte. Es überbordete. Es nagte metaphorisch an Tischbeinen

Und es erfüllte eine wichtige Funktion:

Es verhinderte, dass diese Texte in wohltemperierter Ernsthaftigkeit erstickten.

Dem Wiesel gegenüber stand – zum Glück – die Wasserbüffelin.

Sie sagte selten etwas.

Aber wenn, dann Sätze wie:

„Du musst nicht.“

Literarisch betrachtet: eine Offenbarung.

Und den Drang Menschen zu beißen verspürt sie auch nicht. Perfekt

Kapitel IV – Beziehungen, aber bitte ohne Kitsch

Ich schrieb über Nähe. Über Freundschaften. Über Sororisation – dieses leise, tragfähige Konzept gegenseitiger Solidarität ohne Besitzanspruch.

Ich schrieb über Menschen, die bleiben.

Und über jene, die gehen, wenn Komplexität unbequem wird.

Romantisierung? Fehlanzeige.

Stattdessen: eine nüchterne Bestandsaufnahme von Verbindung als gegenseitiger Zumutung auf Augenhöhe.

Manche nannten das mutig.

Andere „anstrengend“.

Ich werte das als Erfolg.

Kapitel V – Sprache als letzte Bastion

Vielleicht schrieb ich in Wahrheit über nichts anderes als Sprache.

Über Fremdwörter nicht als Angeberei, sondern als Präzisionsinstrumente.

Über Satire als Erkenntnismethode.

Über den Akt des Schreibens als Weigerung, sich vereinfachen zu lassen.

Diese Texte wollten nicht gefallen.

Sie wollten standhalten.

Gegen Verkürzung.

Gegen falsche Freundlichkeit.

Gegen die Erwartung, dass Betroffene bitteschön dankbar, leise und erklärbereit zu sein hätten.

Instagram & Facebook – oder: Aggregatzustände desselben Wahnsinns

Instagram bekam die kondensierte Version:

Gedanken in Espressoform. Stark. Kurz. Mit Nachhall.

Facebook bekam die dialogische Variante:

Kommentare, Reibung, gelegentlich überraschend kluge Resonanz.

Steady bekam – wie immer – die Langfassung.

Mit Fußnoten im Kopf. Und Haltung im Rücken.

Schlussbemerkung – Habe ich

0 Kommentare

Möchtest du den ersten Kommentar schreiben?
Werde Mitglied von Frau_Kruemelkuchen, Diana - hört! Oder doch nicht? - und starte die Unterhaltung.
Mitglied werden