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Über die Allgegenwart des Geräuschs – eine akustische Betrachtung zwischen Kaffee und Kakophonie

Überall begegnen sie uns – die Geräusche.

Sie sind die unsichtbaren Begleiter unserer Tage, jene klanggewordenen Konstanten, die unablässig an die Pforten unseres Bewusstseins klopfen. Manche lassen wir bereitwillig herein – das Zwitschern der Amsel im Morgengrauen, das Rauschen des Windes in den Blättern, das sanfte Klacken einer Tastatur im Rhythmus des Denkens. Andere drängen sich auf, ungebeten, unbarmherzig: der Mixer, der Staubsauger, die Dunstabzugshaube, das penetrante Piepen der Mikrowelle – und natürlich der Wasserkocher, der sich, kaum dass man das erste Koffein ersehnt, in dampfendem Zorn Gehör verschafft.

Wir nennen das Fortschritt.

Wir nennen das Komfort.

Wir nennen das Alltag.

Doch in Wahrheit leben wir inmitten eines akustischen Dauerrauschens, eines Hintergrundsymphoniums aus Surren, Piepen, Brummen und Klackern, das kaum mehr jemand hinterfragt. Unser Gehirn hat gelernt, zu ignorieren. Es filtert, tilgt, blendet aus. Es lässt die Kakophonie zum Grundrauschen werden, zum weißen Lärm des Lebens.

Doch wer – wie ich – mit Cochlea-Implantaten hört, erfährt die Welt nicht als Rauschen, sondern als Serie präziser, teils schmerzhafter Einzelereignisse.

Geräusche treten nicht „auf“, sie erscheinen – plötzlich, klar, unerbittlich. Ein Gabelklirren klingt wie ein Aufschrei aus Edelstahl. Das Zuschlagen einer Tür gleicht einem akustischen Faustschlag. Die Stimmen in einem Café – so lebendig, so bunt, so normal – verschmelzen zu einem auditiven Mahlstrom, in dem das Gehirn verzweifelt versucht, Ordnung zu schaffen, während das Herz einfach nur flüchten will.

Und doch, ich gestehe es, liebe ich Klänge.

Ich liebe das Rascheln von Papier, das leise Tropfen von Regen auf dem Dach, das metallische klick beim Einsetzen meiner Prozessoren. Ich liebe, wie Musik in Schichten hörbar wird, wenn ich übe, trainiere, vergleiche, wiederhole.

Aber ich habe auch gelernt, dass Hören kein Selbstzweck ist, sondern ein energetischer Akt – ein Vollzeitgeschehen der Synapsen.

Vom Klang zum Krach – und zurück zur Achtsamkeit

Unsere Zeit hat die Stille verloren. Wir haben sie verdrängt, überspielt, übertönt. Selbst die Ruhe wird in Loops vermarktet: „Relaxing Sounds“, „White Noise“, „Ocean Vibes“ – Stille als synthetisches Produkt, als Simulation des Unverfügbaren.

Doch das Ohr, so hochspezialisiert, so empfindlich, braucht Pausen.

Es ist kein Muskel, aber es ermüdet wie einer.

Hörhygiene – ein Wort, das im Sprachgebrauch fast belächelt wird, verdient in Wahrheit denselben Stellenwert wie Zahnpflege oder Sonnenschutz. Denn Lärm schadet nicht nur dem Ohr, sondern dem gesamten Nervensystem. Wer ständig beschallt wird, lebt im Zustand latenter Alarmbereitschaft.

Ich merke das besonders in lauten Umgebungen:

Ein Einkaufszentrum, eine Mensa, ein Bahnhof – all das ist kein „Ort des Lebens“, sondern ein Testgelände für meine Resilienz. Jeder Hall, jedes Klirren, jedes Brummen trifft direkt in die neuronale Schaltzentrale. Während andere gelassen plaudern, jongliere ich mit Frequenzen, filtere, kompensiere, verliere. Und mein inneres Wiesel – jener hyperaktive Teil meiner Seele – zappelt panisch zwischen allen Eindrücken, während die Wasserbüffelin in mir, stoisch und tief atmend, versucht, dem Ganzen ein Stück Gelassenheit abzuringen.

Ich habe gelernt, mich selbst akustisch zu schützen.

Ich trage Stille, wenn andere Musik hören.

Ich gönne mir Pausen, wo andere Unterhaltung suchen.

Ich gehe aus Räumen, wenn der Lärm zu dicht wird – nicht aus Unhöflichkeit, sondern aus Selbstachtung.

Kleine Rituale der Stille

Meine Hörhygiene besteht aus winzigen Gesten:

Dem Moment, in dem ich morgens meine CI-Prozessoren noch nicht einsetze, sondern erst einen Schluck Tee in vollkommener Stille nehme.

Dem bewussten Ausschalten sämtlicher Küchengeräte, bevor ich schreibe.

Dem Spaziergang, bei dem nur der Wind hörbar ist – oder gar nichts.

Und manchmal, wenn ich sehr erschöpft bin, drücke ich tatsächlich den Knopf und schalte die Welt ab. Nicht aus Flucht, sondern aus Zärtlichkeit mir selbst gegenüber.

Denn Stille ist kein Mangel.

Stille ist Regeneration.

Stille ist eine Form von Nähe – zu sich selbst.

Nachklang

Vielleicht sollten wir alle, Hörende und Hörende auf Umwegen, wieder lernen, Stille als Wert zu begreifen.

Nicht als Abwesenheit von Leben, sondern als Voraussetzung für es.

Denn wer in Stille verweilt, hört anders. Tiefer. Wahrhaftiger.

Die Welt klingt dann nicht lauter, sondern echter – wie ein sorgfältig gestimmtes Instrument, das endlich den richtigen Ton findet.

Und wenn es ganz still wird, dann ist das kein Verlust, sondern ein Geschenk: das leise Wissen, dass Hören kein Besitz ist, sondern eine Form von Bewusstsein.

Bleibt's xund - eure Frau Kruemelkuchen

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