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“Liebgemeinte” Aussagen aus der Hölle – oder: Bullshit-Bingo

Es gibt Sätze, die klingen zunächst wie Zuwendung, wie Trost, wie ein wohlgemeinter Faden der Empathie. Doch kaum ausgesprochen, wirken sie wie ein rhetorischer Flammenwerfer. Willkommen also zu meiner neuen Rubrik: Bullshit-Bingo.

Jeder von uns kennt sie, diese kleinen verbalen Stolperdrähte, die eine Brücke zum Einsturz bringen, bevor überhaupt das Fundament gegossen ist.

Und ja, ich gestehe: Auch mir sind schon solche Sätze entwichen, leichtfüßig hingeflötet, und hinterher tat es mir schrecklich leid. Deshalb: Satire statt Schweigen. Wir lachen – und wir lernen.

Runde 1: „Aber was machen denn dein Mann und deine Kinder, jetzt wo du taub bist? Und Mei, wenn du immer auf Reha bist, sinds ja allein“

Als ob mein Hörverlust eine Familienapokalypse einleite. Überraschung: Die Kinder haben einen Vater. Einen älteren sogar, durchaus fähig, eine Brotdose zu öffnen, Wäsche zu waschen und die Welt nicht gleich untergehen zu lassen. Meine Ertaubung ist keine weibliche Tragödie. Sie ist schlicht eine Ertaubung. Punkt.

Runde 2: „Sei froh, dass du dich nicht verletzt hast“ – und die Steigerung: „Sei froh, dass du nicht blind bist.“

Manchmal denke ich, solche Sätze sind heimliche Anwärter für den Literaturnobelpreis der Ignoranz. Zuerst der Klassiker: „Sei froh, dass du dich nicht verletzt hast.“ Schon das klint, als wäre mein Schmerz ein kleiner Betriebsunfall, den man mit einem Pflaster auf der Seele überklebt.

Doch dann kam die Steigerung: „Sei froh, dass du nicht blind bist.“

Das saß. Denn plötzlich wird nicht nur relativiert, sondern verglichen, abgewogen, gewertet: Hörverlust hier, Blindheit dort. Als gäbe es ein olympisches Podest des Leids, auf dem mein Platz immerhin noch „erträglich“ ist.

Ich sollte also dankbar sein, dass mein Unglück nicht das schlimmste Unglück ist. Ein großartiger Trost, fast schon mathematisch: Minus mal Minus ergibt Plus. Nur leider nicht in der Realität. Denn Leid lässt sich nicht verrechnen. Es ist nicht kommensurabel. Es wiegt auf je eigene, unberechenbare Weise.

Und am Ende bleibt: kein Trost, keine Hilfe, sondern eine hohle Vergleichsrechnung, die weder Verständnis schenkt noch Nähe erzeugt. Höchstens Distanz.

Runde 3: „Sieh doch das Gute daran…“

Leid ist kein Wettbewerb. „Andere haben es schlimmer“ ist keine Trostformel, sondern ein rhetorisches Abräumen. Wenn schon positiv, dann bitte ehrlich: die Menschen, die bleiben; das Lachen, das trägt. Alles andere ist ein trojanisches Kompliment – hübsch verpackt, innen hohl.

Runde 4: „Du hörst nicht zu.“

Wirklich? Ich höre nicht zu? Ich habe mich operieren lassen, implantieren lassen, trainieren lassen – alles für dieses „Zuhören“. Es ist mein tägliches Ringen, meine Konzentrationsdisziplin. Zuhören ist Arbeit. Dieser Satz streicht mit einem Handgriff die Mühe ganzer Jahre aus. Ein Dolchstoß im Tarnmantel der Alltäglichkeit.

Runde 5: „Schalt halt deine Ohren ein, dann verstehst schon was.“

Ach ja, der Humor. Nur leider hier so subtil wie ein Holzhammer. Nein, meine Ohren sind kein Lichtschalter. Sie waren eingeschaltet, sie waren nur nicht nach den Wünschen des Gegenübers justiert. Sarkasmus ersetzt keine Frequenzanpassung.

Runde 6: „Dann musst du halt um mich herumhüpfen.“

Mein Lieblingsbild: Ich, in der Innenstadt, springend wie ein Spatz, immer dem wandernden Mundbild hinterher. Passanten hätten sicher applaudiert. Nur: Kommunikation ist kein Zirkusakt. Alles, was es braucht, ist ein erhobener Blick. Kein Hampelmann. Kein Vogelhüpfen.

Runde 7: „Dann komm halt her, wenn du was verstehen willst.“

Ein Satz, so bequem wie kurzsichtig. Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Wenn du willst, dass ich verstehe, dann musst auch du mir entgegenkommen. Sonst wird dein Monolog nicht dadurch besser, dass ich quer durch den Raum stolpere.

Runde 8: „Jetzt hast du dieses Ding schon – und verstehst immer noch nix?“

Das ist die Königsklasse. Ein CI ist keine Brille, kein „draufsetzen und zack!“ – schon ist die Welt klar. Die Operation war nicht das Ziel, sondern der Startschuss.

Und damit spreche ich nicht nur für mich, sondern für viele, die mir in der Selbsthilfegruppe davon erzählen: Wir alle hören diesen Satz. Und er trifft uns alle. Denn er verkennt, wie groß die Hürden tatsächlich sind, wie lange der Weg dauert.

Ein Cochlea-Implantat einzuschalten, bedeutet nicht, dass Sprachverständnis über Nacht erwacht. Es bedeutet monatelanges, oft jahrelanges Training. Es heißt, Laute dechiffrieren, Klangreste sortieren, das Gehirn neu verkabeln, Geduld haben, Rückschläge aushalten. Für manche ist es ein Marathon ohne Ziellinie – für alle eine ständige Arbeit.

Darum ist der Satz so verletzend: Er macht aus einer mühevollen Leistung ein vermeintliches Versagen. Er verwandelt die Hoffnung in eine Schuldzuweisung. Dabei bräuchte es nur eines: Verständnis dafür, dass Technik allein noch kein Gespräch garantiert, sondern erst das Zusammenspiel von Übung, Umfeld und Geduld.

Runde 9: „Und, was hat der Spaß gekostet?“

Es klingt wie ein launiger Kneipenspruch nach dem dritten Bier – war aber bitterer Ernst. „Und, was hat der Spaß gekostet?“

Nun ja: Mein Hörvermögen, meine Energie, meine Nerven, ein paar OP-Narben und eine nicht enden wollende Reha.

Wenn wir von „Spaß“ sprechen, dann in etwa so, wie man von einer Wurzelbehandlung als Wellness spricht.

Und damit kein Missverständnis bleibt: Ein Cochlea-Implantat ist kein „medizinisches Hilfsmittel“ wie eine Brille oder ein Hörgerät. Es ist eine Prothese – eine Hörprothese, die eine verlorene Funktion teilweise ersetzt. Kein Accessoire, kein Luxusartikel, sondern ein chirurgisch eingesetztes Stück Hightech, das buchstäblich mit dem Nervensystem verschaltet ist.

Doch als wäre der Begriff „Spaß“ nicht schon zynisch genug, kam die Steigerung: „Ist aber ganz schön viel für das bisschen Hören, was wir als Allgemeinheit für dich bezahlen müssen.“

Das ist nicht nur verletzend, sondern entlarvend: Es stellt meine Teilhabe ins Preisschild-Regal, als wäre sie ein Sonderangebot, das sich die Gesellschaft gerade noch leisten „dürfte“.

Der Preis wird aber nicht in Euro gemessen, sondern in Geduld, Schweiß, Tränen – und in der Bereitschaft, das eigene Gehirn neu auf Empfang zu trimmen.

Wer so fragt, offenbart vor allem eins: dass er das Prinzip nicht verstanden hat. Denn dieser „Spaß“ ist keine Shoppingtour, sondern eine existenzielle Entscheidung – für Teilhabe, für Sprache, für Miteinander.

Miteinander statt Monolog

Das also, meine Damen und Herren, ist das satirische Tableau der „liebgemeinten Aussagen aus der Hölle“. Es ist ein Spiel ohne Gewinner, dafür mit reichlich Kopfschütteln. Ich könnte noch viel mehr aufzählen, aber das hier waren die “best of“ der sinnlosesten Aussagen.

Aber die Pointe liegt nicht im Sarkasmus, sondern im Appell: Kommunikation gelingt nur, wenn wir beide Seiten in Bewegung setzen. Fifty-Fifty. Aufeinander zugehen, sich füreinander öffnen, nicht erwarten, dass alle Lasten auf einer Schulter liegen.

Das bedeutet auch: Wir, die Betroffenen, dürfen nicht jedes Wort sofort als Angriff verbuchen. Manchmal steckt Unwissen dahinter, manchmal ein schiefer Versuch von Trost. Dann braucht es Aufklärung, nicht Groll. Ein „Das war jetzt nicht so glücklich formuliert, darf ich dir erklären, warum?“ kann Türen öffnen.

Und genauso darf die andere Seite den Spiegel annehmen, darf nachdenken, darf Fehler eingestehen, statt beleidigt zurückzuweichen.

Denn, wie ich eingangs erwähnte: Auch ich bin schneller im Sprechen als im Denken, und nicht selten muss ich mich später entschuldigen. Es ist ein Lernprozess – für uns alle.

Inklusion bedeutet nicht: einer trägt, die anderen lassen sich tragen. Inklusion bedeutet: wir gehen gemeinsam. Wir hören einander, auch wenn es manchmal schwerfällt. Und wir bleiben im Gespräch – mit allen Sinnen, die uns zur Verfügung stehen.

Alles andere? Bingo.

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