
So wird es mir zumindest nachgesagt – meist in jenem Tonfall, der vorgibt, wohlmeinend zu sein, dabei aber bereits eine leise Abrechnung enthält. Ein Tonfall zwischen ach Gottchen und wie anstrengend, kunstvoll verpackt in ein Lächeln, das um Nachsicht bemüht ist und doch Irritation verrät.
Denn nein:
Ich esse deinen Kuchen nicht.
Auch nicht „nur ein kleines Stück“.
Auch nicht „wenigstens zum Probieren“.
Danke. Trotzdem echt lieb von dir….
Fettarme Milch zum Kaffee?
Danke, dann lieber schwarz. Pur. Unverhandelt.
Oder – ja, ich gestehe es freimütig – ich habe mein eigenes „Material“ dabei. Diskret. Unauffällig. OK - nein, ich habe einen Korb dabei, eine Tasche oder Schubkarre. Sicher ist sicher.
Fast schon apologetisch, obwohl es keinerlei Entschuldigung bedürfte.
„Du sollst doch mitessen!“
Puh. Eher nicht. Bitte entschuldige!
Nicht, weil ich dein Essen nicht mögen würde.
Nicht, weil ich glaube, es besser zu wissen.
Sondern weil ich nicht weiß, wie es zubereitet wurde – und mein Körper in diesen Fragen eine bemerkenswerte Kompromisslosigkeit entwickelt hat. Eine Art inneres Audit, das keine Kulanz kennt.
Ich verzichte daher vollständig auf Kohlenhydrate.
Auf Honig.
Auf Zucker.
Auf Säfte.
Obst und viele Gemüsesorten sind ebenfalls tabu. (Guckt nicht so, ich find das auch nicht immer lustig)
Mehl, Stärke, Reis, Nudeln, Kartoffeln: obsolet. Historisch interessant, gegenwärtig jedoch ausgeschlossen.
Was bleibt, ist eine Ernährungsweise, die gesellschaftlich betrachtet irgendwo zwischen asketischer Selbstkasteiung und subtiler Provokation verortet wird. (Fun fact: es trifft beides nicht zu)
Ein kulinarischer Sonderweg, der weniger mit Lifestyle zu tun hat als mit schlichter physiologischer Notwendigkeit.
Also bringe ich mein Essen oft selbst mit.
Und nicht selten auch die Getränke.
Nicht demonstrativ. Nicht belehrend.
Eher wie jemand, der weiß, dass Selbstfürsorge manchmal aussieht wie eine gut gepackte Tasche.
Und dennoch – hier beginnt der eigentliche Reigen – höre ich sie dann:
„Aber Kandis zum Tee magst du?“
Äh nein, danke.
Eine kleine Pause.
Ein irritiertes Blinzeln. Das rechte Auge zuckt…
Kandis – dieses romantisierte Zuckerkristallwesen, das sich gern als harmloser Begleiter tarnt, dabei aber biochemisch ebenso unmissverständlich ist wie jeder andere raffinierte Zucker.
„Banane auch nicht?“
Nein.
Ich sehe, das linke Auge zuckt nun auch…. Noch ein Nein von mir und ich werde wohl gebissen…. In mir macht sich Unbehagen breit.
Die Banane liegt da, gelb, geschniegelt, zutiefst beleidigt.
Ein Symbol frühkindlicher Fürsorge, plötzlich zurückgewiesen.
„Kann ich dir sonst was anbieten? Limo?“
Nein, danke, sage ich ängstlich. Und ich sehe in den Augenwinkeln, wie die Gastgeberin sich hysterisch umblickt. Gut. Ich wurde nicht gebissen. Das ist was Gutes.
Das Einatmen wird aber deutlich hörbarer.
Die Gastgeberin beginnt, im Raum zu suchen – nach einer rettenden Option, nach einem Kompromiss, nach mir zuliebe vielleicht sogar nach einem Argument.
„Äpfel?“
Auch nein. Tut mir leid.
Und dann, fast schon mit einem Hauch von Resignation, dieser Satz:
„Mei… du willst ja immer nix.“
Nix….
Dieses kleine Wort.
So endgültig. So bequem. So falsch.
Denn ich will sehr viel.
Ich will, kann und darf nur das meiste nicht.
Nicht aus Trotz.
Nicht aus Prinzipienreiterei.
Nicht um soziale Rituale zu sabotieren oder Gespräche in Verlegenheit zu bringen.
Sondern weil mein Körper insistiert.
Leise, aber nachdrücklich.
Weil Zucker keine Freude bedeutet, sondern Eskalation.
Weil Kohlenhydrate kein Trost sind, sondern ein physiologisches Glücksspiel.
Weil mein System Präzision verlangt – nicht Improvisation, nicht „wird schon gehen“.
Was für manche eine Marotte ist, ist für mich Regulation.
Was als Ablehnung gelesen wird, ist in Wahrheit Achtsamkeit.
Und was oft als Undankbarkeit