Gofigramm
Nicht alle GOFIZINE-Leser*innen sind christlich oder religiös gläubig. Ich versuche deshalb, diesen Newsletter so zu schreiben, dass Ihr Euch alle angesprochen fühlen könnt. Manchmal jedoch finde ich es notwendig, auf den christlichen Glauben zu sprechen zu kommen. Das liegt z. B. daran, dass die derzeitige Regierung der Vereinigten Staaten christlich nationalistisch ist (manche Fachleute sprechen sogar von christlichem Faschismus) und deshalb eine bestimmte Version des Christentums Weltpolitik macht.
Wie überzeugt christlich die Mitglieder der Regierung dabei sind, lässt sich schwer beurteilen. Ob etwa der Präsident einem anderen Gott dient als dem Mammon? Darauf deutet eigentlich nichts hin. Auch die religiösen Überzeugungen seines Chefideologen Stephen Miller sind für Außenstehende nicht so klar ersichtlich. Miller stammt aus einer liberal-jüdischen Familie, die sich, so heißt es, von ihm distanziert hat. Auf der Gedenkfeier des ultrarechten Agitatoren Charlie Kirk hat er eine Rede gehalten, die einerseits sehr religiös klang, andererseits eine eklige Nähe zu einer Rede von Joseph Goebbels aufwies, wie Menschen feststellten, die beide Reden direkt miteinander verglichen. Der Verteidigungsminister Pete Hegseth dagegen, der sich neuerdings als Kriegsminister bezeichnet, ist ein waschechter christlicher Nationalist, so wie andere Mitglieder des Kabinetts auch: Russel Vought zum Beispiel, der Chefarchitekt des ‚Project 25‘, das den Abbau der demokratischen Institutionen konsequent vorantreibt. Oder Kristi Noem, die Beauftragte für den Heimatschutz, die ihre maskierten Truppen vor allem Menschen mit brauner Hautfarbe zusammentreiben und in Lager pferchen lässt, aus denen sie stellenweise nie wieder auftauchen.
Hegseth jedenfalls hat sich DEUS VULT auf den Körper tätowieren lassen, GOTT WILL ES, den Leitspruch der christlichen Kreuzfahrer des Mittelalters, den sie ausriefen, bevor sie die vermeintlichen Feinde Gottes niedermetzelten. Für ihn scheinen die Feinde Gottes identisch zu sein mit den Feinden Amerikas, oder besser gesagt: die Feinde Amerikas mit den Feinden Gottes, oder vielleicht präziser: die Feinde dieser Administration und ihrer Anhänger mit den Feinden Gottes. Jedenfalls hat das amerikanische Kriegsministerium neulich ein Propagandavideo veröffentlicht, in dem der Kriegsminister, umringt von seinen Generälen, den Kopf senkt und das ‚Vater Unser‘ betet. Und während er im Hintergrund Bitte für Bitte formuliert, zeigt das Video aufsteigende ballistische Raketen, Kriegsschiffe, die durch das Wasser pflügen, rollende Panzer und kniende Soldaten. Bei „Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit“ weht die Flagge der Vereinigten Staaten von Amerika im Wind.
Diese Bilder kommentieren das Gebet. Sie schreiben es um, ohne auch nur eine Silbe zu verändern. Die Worte sind die, die auch in unseren Bibeln stehen (je nach Übersetzung). Aber ihre Aussage wird auf den Kopf gestellt wie ein satanistisches Kreuz. Es ist keine Demutsgeste mehr, sondern ein Credo der eigenen Macht und Stärke. Deus Vult. Gott ist auf unserer Seite, hat Stephen Miller während der christofaschistischen Propaganda-Veranstaltung anlässlich der Ermordung von Charlie Kirk gesagt. Unsere Feinde sind seine Feinde. „Und“, wie Donald Trump auf derselben Feier sagte, auf der auch Lobpreislieder gesungen wurden, „ich hasse sie.“
Christentum ist eben nicht gleich Christentum. Und ein Gebet bleibt nicht dasselbe, nur weil man seine Worte nicht verändert. Es kommt darauf an, wer das Gebet spricht, unter welchen Umständen die Person es tut und was sie sonst noch von sich gibt. Der Kontext spielt eine Rolle. Worte können gekapert werden. Deshalb kann es notwendig sein, die Worte zu verändern, um den eigentlichen Sinn des Gebets zu erhalten.
Ich habe das in den vergangenen Monaten versucht: Ich habe das ‚Vater Unser‘ umgeschrieben. Natürlich weiß ich, dass das ein unmögliches Unterfangen ist. Ich kann nicht wissen, was Jesus durch den Kopf ging, als er diese Worte formulierte. Und die Umstände, unter denen ich mich mit seinen tiefgründigen Formulierungen beschäftige, sind andere als die von vor 2000 Jahren. Deshalb trage ich mein Verständnis der Wirklichkeit und meine Überzeugungen in das Gebet hinein, wenn ich es neu formuliere. Das weiß ich. Ich habe es dennoch getan.
Ich will wissen, was sie für uns bedeuten können, angesichts der großen und ziemlich sicher auch teilweise katastrophalen Umwälzungen, die uns als Gesellschaften bevorstehen. Was bedeuten diese Worte in Zeiten, in denen sich alles verändert, was wir bisher für selbstverständlich gehalten haben?
Ganz schön viele Leute haben sich bei mir für diese Version und meine Erklärungen dazu bedankt. Das freut mich. Aber ich weiß, dass nicht alle glücklich darüber sind, weil ihnen die Worte heilig sind und sie sie deshalb unverändert lassen wollen. Das verstehe ich. Ich möchte den originalen Wortlaut auch gar nicht ersetzen. Ich möchte ein alternatives Verständnis anbieten in Zeiten, in denen Menschen das Gebet für sich reklamieren, während sie gleichzeitig die Gesellschaft spalten, die Reichen reicher machen und arme Menschen ausbeuten.
Unten stelle ich Dir noch einmal meine Version des Gebetes zur Verfügung, liste alle meine Vorträge zu den einzelnen Abschnitten auf und verlinke das jeweilige Transkript. Außerdem verlinke ich zusätzlich die zwei Hossa Talks, die Jay, Marco und ich zu meiner alternativen Version des ‚Vater Unser‘ geführt haben.
Ich wünsche Dir eine tolle Woche.
Dein Gofi
P. S.: Am kommenden Montag wird kein GOFIZINE erscheinen. In dieser Woche werde ich mal wieder in Bremen sein, um dort an den letzten Abschnitten meines neuen Romans zu arbeiten.
Danke für Dein Interesse! Ich bin Gofi, Künstler, lebe in Marburg und engagiere mich für den Erhalt von Kunst, Kreativität, Gemeinschaft und einer menschenfreundlichen Spiritualität. Das GOFIZINE veröffentliche ich bewusst kostenlos für alle, weil ich möchte, dass jede/r Zugang zu guten Inhalten hat, unabhängig von Einkommen und finanziellen Möglichkeiten. Wenn Du mir bei meiner Arbeit helfen möchtest, bin ich Dir sehr dankbar.
Das Original
Das Gebet hat Jesus auf Aramäisch formuliert. Im Neuen Testament findet es sich in zwei Versionen. Matthäus und Lukas haben es ins Griechische übersetzt oder eine griechische Version benutzt, die bereits existierte. Außerdem hat entweder der Autor Matthäus weitere Worte zum Original hinzugefügt, oder der Autor Lukas hat einzelne Formulierungen daraus entfernt.
Die letzten Zeilen der Matthäus-Version stammen nicht von Jesus, sie wurden von der frühen Kirche ergänzt.
DAS Original des Gebets gibt es also in Wirklichkeit gar nicht.
Matthäus 6, 9-13:
Unser Vater im Himmel!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
[Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.]
Lukas 11, 2-4
Vater!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag
und vergib uns unsre Sünden; denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird. Und führe uns nicht in Versuchung.

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Meine Version
Schöpferin, Kraft, Mutter und Vater,
mit allem, was wir sind,
Wenden wir uns Dir zu,
so wie auch Du Dich uns zuwendest.
Das, was Du bist und
wofür Du stehst,
erwarten wir hier,
in unserer Welt,
denn Du bist gut
und schenkst das Leben.
Ernähre unseren Geist und Körper,
lass uns aufatmen und Hoffnung schöpfen.
Wir bitten um Verzeihung
und gewähren sie auch.
Denn wir alle machen Fehler
und haben es nötig,
dass man uns verzeiht.
Hilf uns, richtig zu genießen,
das Leben zu feiern und zu teilen,
aber auch zu verzichten,
wenn es notwendig ist.
Hilf uns, gegen Ungerechtigkeit
und Verachtung aufzustehen
und uns nicht gemein zu machen mit denen,
die Menschen, Tiere und Natur erniedrigen und ausbeuten.
Denn Du bist das Maß aller Dinge.
Und was vor Dir nicht bestehen kann,
wird keinen Bestand haben.
Amen.
Die Vorträge zur Neuformulierung
Schöpferin, Kraft, Mutter und Vater
Transkript des Vortrages. (Öffnet in neuem Fenster)
Denn Du bist gut & schenkst das Leben
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Mach Dir keine Sorgen
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Vergeben, aber richtig
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Und führe uns nicht in Versuchung
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Wir sind Familie, Geschwister
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Du bist das Maß aller Dinge
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Die Hossa Talks zum Thema
#265 Schöpferin, Kraft, Mutter und Vater – Eine Neuformulierung des „Vater Unser“ Teil 1
#266 Und führe uns nicht in Versuchung – Eine Neuformulierung des „Vater unser“ Teil 2
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