Ohne diese Frau gäbe es diesen Newsletter wahrscheinlich nicht. Genauso wenig wie unsere Podcasts.
Sarah Koenig ist die Erfinderin der Doku-Serie. Mit dem Podcast Serial (Öffnet in neuem Fenster)hat sie 2014 den ersten Podcast-Mega-Hit gelandet. Eine Serie über einen Mord an einer High School-Schülerin, so gut wie die besten Fernsehserien. Nebenbei hat Serial auch noch ein ganzes Genre groß gemacht: True Crime.
Der Erfolg von “Serial” hat eine Welle von Podcast-Serien ausgelöst, auch in Deutschland. Als Podcast-Macher:innen stehen wir alle auf den Schultern von Sarah Koenig.
Umso überraschter waren mein Kollege Benedikt Dietsch und ich, als die Erfinderin der Doku-Serie uns erzählt hat: Sie hat gar nicht mehr so viel Lust auf Serien. Ihr nächstes Projekt wird eine Radio-Show. Die Frau, die die Podcast-Serie erfunden hat, als alle noch Radio gemacht haben, macht jetzt also wieder: Radio.
Warum Sarah Koenig der Meinung ist, dass zu viele Doku-Podcasts austauschbar und langweilig sind – und welche sechs Regeln sie hat, um es besser zu machen: Das erfahrt ihr in diesem Newsletter.

Ali Gutsfeld ist freier Journalist und Podcaster (Nicht mehr mein Land, Das Lederhosen Kartell, Narcoland). Zusammen mit Benedikt Dietsch berät er Podcasts und gibt Workshops. (Öffnet in neuem Fenster)
Kurz & knapp
🎯 Wofür? Damit wir alle Doku-Podcasts machen, die herausstechen und originell erzählt sind.
⚙️ Wie? Finde die Form, die wirklich zu deiner Geschichte passt.
❗Merken: Nicht jeder Stoff hat das Potenzial für einen Podcast. Und nicht jeder Podcast ist auch eine siebenteilige Serie.
Die sechs goldenen Podcast-Regeln von Sarah Koenig
1. Nicht jeder Stoff taugt für einen Podcast
Überleg dir: Hab ich wirklich eine Geschichte mit starken Wendepunkten? Und Protagonist:innen, denen man gerne zuhört?
Sarah: “Du brauchst Plot und Figuren, die spannend sind und gut erzählen können. Wenn wir beim ersten Interview merken: Okay, diese Person kann keine halbe Folge tragen, dann killen wir bei Serial solche Stoffe oft sofort.”
2. Mach weniger Folgen!
Stell dir die ehrliche Frage: Taugt mein Stoff wirklich für acht Folgen? Oder tun es auch vier?
Sarah: “Oft steig ich bei Podcasts nach der ersten oder zweiten Folge aus, weil ich denke: Das sollte keine Serie sein. Das wäre eine gute Einzelfolge gewesen. Oder vielleicht ein Zweiteiler. Aber weil alle eine lange Serie wollen, strecken sie das Material. Ich finde das unerträglich langweilig."
3. Nicht jede Staffel ist auch eine Serie
Welche Struktur passt zu meinem Podcast? Nicht jede Staffel muss seriell sein. Es gibt tolle Podcasts, in denen jede Folge eine eigene Geschichte erzählt. Zusammengehalten werden sie durch ein Thema, eine Frage oder die Haltung des Hosts.
4. Nimm dir genug Zeit fürs Schreiben
Doku-Podcasts leben nicht nur von der Recherche, den Interviews oder dem Sound. Sie leben auch davon, dass sie gut geschrieben sind.
Sarah: „Ich bin nicht die beste Reporterin der Welt, auch nicht die beste Interviewerin. Meine große Stärke ist das Schreiben. Und gerade das wird bei Podcasts oft am wenigsten ernst genommen. Und das hört man dann auch. Natürlich ist nicht jeder ein guter Autor, manche haben andere Stärken. Aber wir bei Serial tun ganz viel dafür, dass der Podcast so gut wie möglich geschrieben ist.”
5. Vermeide Klischees
Die große Aufblase am Anfang (“In diesem Podcast tauche ich in die dunkelsten Ecken des Internets ein…), die einfallslose Vorstellung der Protagonistin (“Das ist Silke”) oder der lahme Cliffhanger am Ende der Folge: Viele Podcasts sind voller Klischees und werden so selbst zum Klischee.
Sarah: “Eigentlich kann man ja alles machen: jede Länge, jedes Thema, jede Struktur. Also warum nicht experimentieren? Warum nicht mal weird sein, verschiedene Dinge ausprobieren?”
6. Mach den Podcast, den du selbst gerne hören würdest!
Deine Zeit ist zu kostbar für mittelspannende Projekte. Gibt es in deinem Stoff eine Frage, die dich wirklich fasziniert? So sehr, dass du bereit bist, daran viele Monate zu arbeiten? Wenn dich dein eigenes Thema irgendwann langweilt, wirst du die Lust verlieren. Und das merken am Ende auch die Hörer:innen.
Sarah: “Ganz ehrlich: Ich mache meine Arbeit nicht für die Hörer. Wenn ich ständig darüber nachdenken würde, was sie mögen oder nicht mögen, würde ich gar nichts mehr machen. Ich muss an etwas arbeiten, das mich selbst wirklich interessiert. Sonst wird der Podcast am Ende auch nicht gut.“

Lass uns gemeinsam was starten! Wir geben Workshops, begleiten Produktionen dramaturgisch und haben Bock auf neue Formate. Schreib uns gerne (Öffnet in neuem Fenster).
Werkstattgespräch mit Sarah Koenig
Sarah Koenig ist die Godmother of Doku-Podcasts und Host der erfolgreichsten Podcast-Serie “Serial” (Öffnet in neuem Fenster) (über 300 Millionen Downloads). Sie lebt in Baltimore.

Du giltst als die Erfinderin der Podcast-Serie. Wie kamst du auf die Idee?
Die Ehre gebührt eigentlich meiner Redakteurin Julie Snyder. Sie wollte unbedingt einen Podcast machen, der sich anfühlt wie eine TV-Serie. Und dann bin ich auf diesen Mordfall einer High School-Schülerin gestoßen. Ich dachte: Könnte das unsere Geschichte sein? Irgendwann hatte ich das Gefühl: Ja, das könnte funktionieren. So ist Serial entstanden.
Was uns aufgefallen ist: Die dritte und vierte Staffel von Serial sind ganz anders erzählt als die ersten beiden. Kein True Crime, keine durchgehende Geschichte, weniger Cliffhanger. Warum?
Ich will mich einfach nicht wiederholen. Und ich will nichts machen, was mich nicht interessiert. Dann fallen viele Stoffe sofort raus. Zum Beispiel alles, was zu sehr nach Mordfall und Crime klingt. Für mich persönlich ist es wichtig, dass ich neugierig bleibe. Sonst kann ich die Arbeit nicht mit der Energie machen, die sie braucht.
Und warum hat sich die Form ab Staffel 3 geändert?
In der dritten Staffel geht es um das Justizsystem in den USA. Da haben wir schnell gemerkt: Das ist keine klassische Serie mit einem großen Plot, der von Anfang bis Ende durchläuft. Wir hatten einfach viele Geschichten, die uns interessiert haben. Also haben wir sie alle erzählt und versucht, sie thematisch zusammenzuhalten.
Haben sich die Hörer:innen nicht beschwert?
Denen ist natürlich aufgefallen, dass Staffel 3 und 4 keine klassischen Serial-Staffeln sind. Aber irgendwie sind wir damit durchgekommen… Seit meiner ersten Staffel Serial sind es übrigens mit jeder Staffel immer weniger Folgen geworden. Erst 12, dann 11, dann 10, dann 9. Wollt ihr wissen, an was ich gerade arbeite?
Na klar!
An einer Radio Show!
Kann es etwa sein, dass die Erfinderin der Podcast-Serie keinen Bock mehr auf Serien hat?
Das war keine bewusste Entscheidung. Aber ich habe gemerkt: Als Reporterin weiß ich gerade nicht, wie ich eine lange Serie machen soll, ohne das Gefühl zu haben, dass ich etwas künstlich strecke. Ich habe den Eindruck: Es hat sich sehr schnell eine bestimmte Vorstellung festgesetzt, wie ein Podcast zu klingen hat. Aber wenn alle Podcasts genau gleich klingen, dann ist die Form doch schon wieder tot.
Wenn dir der Newsletter gefallen hat, empfiehl Podcast-Hacks gerne weiter! Wenn du auch einen Hack hast oder einen Vorschlag, wen wir mal interviewen sollten, schreib uns gerne (Öffnet in neuem Fenster).