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2026 geht es um Dich und alle

Statt nur ein paar Wochen weg zu sein, war ich fast ein halbes Jahr abgetaucht. Es war nicht nur eine Auszeit, ein Retreat. Irgendwie ging es damit los und dann immer tiefer; mit den Fragen, mit den Antworten.

Eine Teilnehmerin des Retreats, eine Frau mit palästinensischen Wurzeln, die in Mexiko lebt, hat an uns Westler:innen gerichtet mehrfach gesagt: “Ihr lebt im Imperium.” Ich habe das nicht als Vorwurf , sondern als nützliche Analyse gehört, denn es ist wahr – wir leben in paradoxen Doppelrollen, wie nur Imperien sie produzieren. 

Wir sind Täter und Opfer, das heißt, wir beuten aus und werden ausgebeutet. Wir sind unendlich reich und seelisch verarmt, eine Gesellschaft voller Depression und Einsamkeit. Wir sind größtenteils frei von materieller Unterdrückung und doch Ziel der raffiniertesten Manipulation, die es je gab – die Stasi hätte geträumt von den Möglichkeiten zur Beeinflussung und Überwachung, die Social Media und KI bieten. Und: Wir werden immer kränker und feiern das auch noch als Fortschritt. 

Doch damit enden die Paradoxien nicht. 

Das Paradigma, das uns groß gemacht hat, zerstört sich gerade selbst. Weiße Männer haben die Vernunft in den Mittelpunkt gestellt, die immer alles in noch kleinere Einheiten, alles in Subjekt und Objekt unterteilt. So haben wir uns von der Natur abgespalten, aber nicht nur das: Wir haben uns auch von den anderen Menschen abgespalten. Im Prinzip gibt’s nur einen selbst, und dann die Welt da draußen. Wobei wir auch uns selbst abspalten, unsere Gefühle und unseren Körper, bis nur noch die nackten, kalten Gedanken übrig sind. Und wir kreisen.

So überrascht es vielleicht nicht, dass diese Prinzipien auch die Politik dominieren, und was ich begriffen habe: Ich bin davon nicht frei. Ich mache das jeden Tag. Ich schreibe das gleiche System fort, das unsere Erde zerstört, in fast allen Bereichen meines Lebens, und vor allem auch in meinem politischen Engagement. 

Dass wir alle Brüder und Schwestern sind, das hat in Popsongs von den Beatles Platz, ist Material für die Kirche. Aber würde ich das öffentlich sagen?

Ich habe schon ein paar mal geschrieben, wie Dominanz und Hierarchie unsere Gesellschaft durchwirken, wie sich selbst Kolleg:innen auf der Arbeit in Wahrheit als Bedrohung ansehen. Aber damit habe ich ja auch von mir weg gezeigt: Die anderen machen das. Aber ich mache das auch. Ich glaube, die Linke als Ganze macht das viel zu oft.

Deshalb verliert sie. 

Wenn ich als politischer Mensch sage: “AfDler sind scheisse.” Oder: “Die CDU ist ein Verein von korrupten Schweinen.” Oder: “All Cops are Bastards”, dann spiele ich genau das gleiche Spiel, dass ich den Rechten zum Vorwurf mache. 

Dabei muss das nicht so direkt formuliert sein. Die Art und Weise, wie wir AfDler:innen für dumm halten. CDU-Wähler:innen für schlechte Menschen. Christian Lindner? Einfach ein Egoist!

Ich weiß, ich mache mich hier super angreifbar. Ich merke, wie ich mit Worten ringe. Aber ich glaube, was ich versuche zu sagen, ist essentiell; essentiell um eine Chance zu haben: auf die friedliche Revolution, von der wir träumen. 

Trennen, abwerten, dominieren – das ist die Strategie des Patriarchats und des Kapitalismus. Es ist die Mainstream-Kultur, die uns in den Abgrund führt. Es ist das, was ich, was wir alle, von Kindesbeinen an gelernt haben.

Es ist Margret Thatcher's: “There is no such thing as society.” Es ist dieses Gefühl, das mich manchmal beschleicht, dass es “schlau” auf mein eigenes Fortkommen zu schauen, und dumm, anderen zu helfen. Es ist dieser Anteil in mir, der sagt, es ist wichtiger erfolgreich zu sein, als glückliche Beziehungen zu haben. Es ist diese Stimme, die mir sagt, dass es okay ist, andere zu benutzen und auszubeuten, wenn es mir nutzt. Und das lernen wir jeden Tag.

Mit jedem Blick auf Social Media wird uns das ins Gehirn gepumpt, denn da geht’s meist darum, das Ego in gutes Licht zu rücken. In den vergangenen Wochen habe ich angefangen mich intensiv mit dem Thema Künstlicher Intelligenz zu beschäftigen, und da ist mir auch nochmal aufgefallen, wie perfide das ist.

Es sind die gleichen Männer, die erst mit Social Media unsere Gesellschaften polarisiert haben, die jetzt auch diese Technologie entwickeln und kontrollieren. Doch während Social Media bloß unsere Aufmerksamkeit wollte, wollen die KI-Konzerne mehr: Begleiter entwickeln, zu denen wir “menschliche” Bindung aufbauen.

Mark Zuckerberg sagt öffentlich: Er will, dass jede:r einen KI-Freund hat. Die Zuckerbergs wollen noch tiefer in unser Inneres vordringen, wie ein Computervirus, der in die reale Welt überspringt, und ich habe das Gefühl: unser kollektives Immunsystem ist da sehr schlecht aufgestellt. Im Gegenteil scheinen wir da unendlich empfänglich dafür. 

Ich glaube, das wir fast alle nach diesen Prinzipien leben. Aber vielleicht auch nicht. Vielleicht mache ich mich gerade öffentlich nackig und oute mich als jahrelanger Heuchler. Aber ich glaube, dass wir als “Linke” oder “Progressive”, das eigentlich auch die ganze Zeit machen. Auch wir streben nach Dominanz und Kontrolle. Auch wir haben diese Pille geschluckt, bloß, dass wir es kaum merken, weil uns diese Kultur so umgibt wie Luft: Sie ist überall, aber wir sehen sie nicht. Die Kultur von Dominanz und Hierarchie. 

Es gibt dieses Bonmot: “Frag mal einen Fisch, was Wasser ist.” Er wird es dir nicht beschreiben können, weil es so selbstverständlich ist, dass er es nicht wahrnimmt. Und ich glaube, so ist es auch für uns mit dieser Kultur. Nur dass sie – anders als Luft für den Menschen und Wasser für die Fische – uns langsam erstickt. 

Und ich glaube, dass wir auch deshalb gerade die rasende Entsolidarisierung unserer Gesellschaft erleben und die AfD Wahlen gewinnt.

Und manchmal denke ich, es gibt eine Partei deren Politik ich noch mehr verabscheue, als die der AfD. Es ist die SPD, und manchmal denke ich: Keine ist stärker verantwortlich ist für den Aufstieg der Rechten. 

Warum? 

Weil die SPD-Führung sagt, dass sie “sozial” sei, aber Tag für Tag mehr neoliberales Gift in unsere Gesellschaft pumpen, angefangen mit Hartz4 über Bürgergeld und jetzt zur Grundsicherung. Ganz abgesehen von CumEx, FRONTEX und Waffendeals. Das ist Heuchelei. Und niemand mag Heuchelei. Aber auch ich habe viel zu oft geheuchelt, und viele Menschen spüren diese Verarsche, diese Doppelzüngigkeit.

“Keine Toleranz für die Intoleranten”, sagen viele von uns, und ich glaube das ist falsch – es braucht noch viel mehr als Toleranz. 

Klar, sind viele von uns vegan geworden und fliegen nicht mehr. Aber das reicht nicht. Es reicht nicht, nur ein bisschen den Schaden zu begrenzen, und gleichzeitig den Versuch zu machen, die anderen mit ihren eigenen Waffen zu schlagen. Ich glaube, wir müssen einsehen, dass es kein “sie” gibt.

Vom Quantenlevel, auf dem sich Subjekt-Objekt-Beziehungen auflösen und es Teilchenverschränkungen gibt, über die Tatsache, dass unsere Körper aus Milliarden von Symbiosen bestehen, über Bäume, die kilometerweit miteinander kommunizieren.

Die Gesundheit des Amazonas bestimmt unsere Ernten, unser Konsum das Sterben australischer Korallenriffe, meine Emotionen werden durch deine Synapsen gespiegelt.

Alle eins – das war immer der Kern jeder linker Politik. Über die Jahrtausende hatte das unterschiedliche Namen – Nächstenliebe, Solidarität, Universalismus – aber es meint das gleiche, und ich will das wieder lernen. Ich will mich befreien aus diesem System, in dem der Mensch dem Menschen ein Wolf ist – um der Welt willen und meiner selbst, denn wir hat Gandhi gesagt: Jeder Mensch repräsentiert einen Anteil von dir, und wenn du einen anderen Menschen hasst, hasst du auch einen Teil von dir. Er wollte, dass die Briten Indien verlassen, aber er wollte, dass sie als Freunde gehen. 

Ich will versuchen zu lernen, allen das Beste zu wünschen, auch Menschen, deren politische Handlungen mir zuwider sind, denn das ist doch die Welt, die ich will: eine, in der wir uns gegenseitig das Beste wünschen.

Das heißt nicht, dass ich nicht dagegenhalte und für meine Werte kämpfe. Es heißt nicht, dass ich jede Handlung gutheiße. Aber es heißt, dass ich jeden Menschen gutheiße.

Das ist Arbeit am eigenen Selbst, aber keine Arbeit, die ich alleine tun kann. Sie gelingt nur im Kollektiv, und vor allem: in der Auseinandersetzung und Reibung mit unserer Welt. Es ist der Versuch, sie besser zu machen, und zwar für alle, wirklich alle – auch für jene, die es mir schwer machen, sie zu lieben. 

2026 wird für mich unter diesem Stern stehen.

Für Dich vielleicht auch?

Ich glaube, sich aus dem alten System zu befreien, geht nur gemeinsam. Alleine geht man unter. Je größer unsere Resonanzräume werden, desto besser geht es. Deshalb: Wenn du mir helfen möchtest, schick diese Mail an fünf Menschen, die dir einfallen.

Das würde mir viel bedeuten.



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