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Zugänge zum Berg

Alan Hovhaness: 2. Sinfonie „Mysterious Mountain“ (1955)

In den Schleichwegen zur Klassik stelle ich Musik vor, die du vielleicht noch nicht kennst. Und gebe Tipps, worauf du konkret hören könntest. All dies in der Hoffnung, die Musik besser zu verstehen und dadurch mehr genießen zu können.

Schneebedecktes Bergmassiv mit scharfkantigen, fast geometrischen Formen vor tiefblauem Himmel. Im Vordergrund liegen stille Wasserflächen und Eisschollen; dunklere Hügel rahmen die hell leuchtenden Berge ein. Das Bild wirkt ruhig, monumental und beinahe abstrakt. (Öffnet in neuem Fenster)
Lawren Harris Baffin: Island Mountains (via Wikimedia Commons)

In seiner „Alpensinfonie (Öffnet in neuem Fenster)“ vertonte Richard Strauss 1915 eine Bergwanderung inklusive Erklimmung des Gipfels und Abstieg bei aufziehender Schlechtwetterfront. Diese Sinfonie ist klassische Programmmusik, man kann also immer ziemlich genau sagen: Das hier ist der Sonnenaufgang, das hier ist der Gipfel, hier kommt eine Regenwolke und so weiter. So weit, so Musikunterricht. Strauss’ Musik war zwar schon zum Zeitpunkt ihrer Entstehung ästhetisch hinter der Zeit mit ihrer spätromantischen Opulenz, aber das finde ich egal, denn kaum jemand instrumentiert so gut wie Strauss. Das Stück wird zu Recht oft gespielt:

https://www.youtube.com/watch?v=zsTo7QxxgYg&list=RDzsTo7QxxgYg&start_radio=1 (Öffnet in neuem Fenster)

Deshalb braucht Strauss auch keinen Schleichweg. In Deutschland praktisch nie gespielt wird eine andere Bergmusik, die noch mehr aus der Zeit gefallen ist, nämlich die 2. Sinfonie von Alan Hovhaness, „Mysterious Mountain“, von 1955. Der armenisch-amerikanische Komponist interessierte sich nicht für eine 1:1-Abbildung irgendwelcher Bergmotive, sondern wollte den Berg als mythisches Symbol und als spirituelle Erfahrung in Musik gießen. Herauskam eine sehr merkwürdige Musik, die gleichermaßen fremd und völlig vertraut klingt. Sie ist tonal und steht damit im krassen Kontrast zu der extrem experimentellen sonst in den 1950ern komponierten Orchestermusik. Sie könnte geistliche Renaissancemusik sein oder armenische Volksmusik – allerdings gespielt von einem modernen Orchester. Und kurz ist sie auch, nach einer Viertelstunde ist es auch schon wieder vorbei.

Der erste Satz beginnt unvermittelt mit einem fast naiven Thema, das gleichermaßen Meditation und Fanfare sein kann. Alleine das ist schon eine, wenn auch absurde Leistung.

Der zweite der drei kurzen Sätze ist eine Doppelfuge, die mindestens eine göttliche Ordnung der Dinge darstellen soll. Dort werden zwei unterschiedliche musikalischen Motive nacheinander vorgestellt und verarbeitet. Am Ende folgt eine prächtige Synthese, in der beide Themen gleichzeitig gespielt werden. Der Schluss des zweiten Satzes ist so ernst und festlich, dass danach eigentlich nichts mehr kommen kann.

Es kommt aber ein dritter Satz, in dem wenig musikalisches Material vorzufinden ist, eher merkwürdig-modale schwebende Klangflächen aus Streichern, über die die Harfe frei glitzert und in denen armenische Musik anklingt oder anklingen soll. Es folgt ein längerer Abschnitt aus Bläsern und Glockenspiel. Mit einer Art Choral geht diese kurze zeitübergreifende Andacht zu Ende.

Hovhaness hat bei der Kritik einen schweren Stand, auch weil er sein musikalisches Vokabular erstaunlich konsequent wiederholte. So brachte er es auf sage und schreibe 67 Sinfonien mit Opus-Zahl, anscheinend gibt es sogar noch mehr.

Man kann es auch anders betrachten: Wenn man Musik als Meditation über das Leben und die Natur begreift, und nicht nur das Anhören, sondern auch das Komponieren, dann darf man auch immer wieder das Gleiche schreiben. Es ist dann wie ein Gebet, das man wiederholt. Und das ist ja nicht nur erlaubt, sondern auch nötig.

Mein Freund Ivo sagte mal, das Stück klinge nach „Funktionsmusik“, also Musik, die nicht einfach als „absolute Musik“ existiert, sondern (wie Tanz-, Fahrstuhl- und Filmmusik) eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen hat. Das ist nicht nett gemeint, aber ich glaube, es stimmt. Die klassische Symphonie will einen Konflikt entfalten und auf diese Weise etwas erzählen. Hovhaness’ Musik will eher einen Raum herstellen, und auf diese Weise ist sie dann doch wieder modern.

Als Hovhaness’ Hauptwerk gilt „Mysterious Mountain“, auch weil es unter dem legendären Dirigenten Fritz Reiner mit dem Chicago Symphony Orchestra uraufgeführt und aufgenommen wurde. Das ist immer noch die Aufnahme der Wahl. Wenn ihr wenig Zeit habt, springt gleich zur Doppelfuge (Öffnet in neuem Fenster), ansonsten: Hört euch das gesamte Stück an, das keinen Berg zeigen, sondern einer sein will.

https://www.youtube.com/watch?v=zQZBrJmzsrc (Öffnet in neuem Fenster)

Streamt das Stück bei Spotify (Öffnet in neuem Fenster), Qobuz (Öffnet in neuem Fenster), Apple Music und anderen Diensten (Öffnet in neuem Fenster).

Schöne Grüße!
Gabriel

Kategorie Moderne

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