Eine Anleitung von Life-Coach Silvia Fauck
Patchwork klingt nach moderner Familie, nach zweiter Chance, nach neuem Glück. In der Realität ist es oft ein hochkomplexes Gefüge aus alten Verletzungen, Loyalitätskonflikten und unausgesprochenen Erwartungen. Besonders für Kinder bedeutet eine neue Familienkonstellation nicht selten Stress, Unsicherheit und emotionale Zerrissenheit.
Woran scheitert Patchwork am häufigsten? Und was braucht es wirklich, damit es funktionieren kann? Wir setzen jetzt mal da an, wenn Kind und Kegel bereits in den Brunnen gefallen sind. Ein Gespräch mit Coach Silvia Fauck über unbequeme Wahrheiten, typische Fehler – und klare Lösungen.

Silvia, was sind die größten Konflikte in Patchwork-Familien?
Der allergrößte Konflikt ist, dass die Eltern sich nicht zusammenreißen, sondern in der Wut auf den anderen verharren. Und das wird mitgenommen in die neue Familie. Das andere Elternteil mischt ja trotzdem immer noch mi. Für die Kinder ist dieses Gefühl extrem belastend, zwischen Mama und Papa zu stehen und innerlich eine Entscheidung treffen zu müssen. Sie fühlen sich hin- und hergerissen.
Ein weiterer großer Punkt ist: Wenn ein neuer Partner ins Spiel kommt, muss der sich erstmal zurückhalten. Vertrauen entsteht nicht sofort. Und was überhaupt nicht geht, ist, wenn das Kind emotional bedrängt wird, das andere Elternteil bitte zu vergessen.
Was man auch nicht vergessen darf: Wenn auf beiden Seiten Kinder sind, prallen komplett neue Welten aufeinander. Für ein Kind, das vorher vielleicht allein mit einem Elternteil gelebt hat, ist das eine massive Umstellung – plötzlich neuer Partner, neue Geschwister, neue Regeln. Da gilt es vor allem, klare Strukturen zu schaffen.
Was wird dabei am meisten unterschätzt?
Patchwork ist kein Selbstläufer. Die Kinder sind sowieso schon traurig, weil sich ihre Eltern getrennt haben. Und dann wird häufig zu wenig Rücksicht auf sie genommen – von beiden Seiten. Kleine Kinder werden schnell bevormundet und können sich kein eigenes Bild machen. Dabei stecken sie emotional mitten im Konflikt.
Idealerweise setzt man sich zusammen und klärt: Wer ist für was zuständig? Welche Regeln wollen wir aufstellen? Für was ist wer der Ansprechpartner? Auch fürs Kind. Entscheidet der neue Partner mit oder nur Mama? All das fängt bei den Erwachsenen an.
Wichtig ist auch, dass die neuen Partner ihre Rolle kennen, denn sie müssen aufpassen, dass sie nicht übergriffig werden. Es gibt auch immer so schöne Situationen, die dafür prädestiniert sind, wie etwa die Einschulung: Plötzlich kommt da ein Kind mit einem neuen Ranzen- und dann konnte die Mutter keinen mehr kaufen. Hatte die „neue“ Mama schon gemacht! Die Folge: Verletzungen auf beiden Seiten! Deshalb: Klare Regeln schaffen! Und wenn man nicht sicher ist, ruft man sich an oder schickt eine Whatsapp: „Ist es in Ordnung, wenn wir schon mal einen Ranzen kaufen?“ Das tut nicht weh. Über Geschenke und Urlaube muss man sich austauschen.
Was sind die wichtigsten Voraussetzungen, damit Patchwork funktioniert?
Eine eigene coole Haltung ist nicht über den anderen zu lästern. Vor gemeinsamen Kindern oder auch mit dem neuen Partner sollte man solche Dinge nicht sagen. Sätze wie „Dieser Idiot“ gehen gar nicht. Man muss sich vor den Kindern zusammenreißen, genauso vor den Großeltern. Man muss sich einfach zügeln.
Dann gibt es noch das Thema Bett. Das passiert oft, wenn die Kinder beim Vater zu Gast sind und er eine neue Frau hat. Die Kinder dürfen dann nicht mehr kuscheln und bekommen sofort ein eigenes Zimmer. Normalerweise sollte man den neuen Partner nicht zu früh vorstellen und trotzdem immer noch Zeit alleine mit dem Kind verbringen. Wenn Männer eine neue Partnerin haben, ist die oft immer mit dabei. Viele Frauen wollen dann gleich überall integriert sein. Frauen sind in dem Punkt übrigens häufig übergriffiger als Männer.
Eifersucht ist immer ein Thema, weil beide Seiten alten Schmerz mitbringen. Diese Eifersucht muss man ablegen und dafür braucht es wieder die klaren Regeln. Man fühlt sich als neue Partnerin oft wie die „Neue“ und hat Angst, dass die Alte besser war. Aber mit der Vergangenheit kann man nicht konkurrieren.
Deshalb passiert es auch oft, dass schnell wieder ein neues Kind kommt. Gerade ältere Männer werden dann nochmal Vater, weil die neue Partnerin jünger ist und man sie halten will.
Wie viel Anpassung kann man von Kindern erwarten?
Jedes Kind hat einen anderen Charakter, ist individuell und braucht seine eigene Zeit, die man ihm lassen muss. Wenn es merkt, dass die neue Mama oder der neue Papa dem ganzen Familienkonstrukt guttun, kann sich das Ganze positiv entwickeln.
Erstmal muss man Geduld mit dem Kind haben, weil es ja immer zu seinem Elternteil stehen will. Das muss man verstehen. Für Kinder ist das furchtbar. Sie stellen sich die Frage: Bedeutet das jetzt, wenn ich den Neuen oder die Neue mag, dass ich den leiblichen nicht mehr lieb habe? Kinder sind in einem sehr großen Konflikt.
Wenn es schwierig wird, sollte man auch mal zur Beratung gehen, einen Ort finden, wo sich das Kind alleine auskotzen kann. Eine dritte Person, zu der es Vertrauen hat, ohne dass ein Elternteil daneben sitzt. Kinder sitzen immer zwischen den Stühlen.
Was, wenn ein Kind den neuen Partner komplett ablehnt?
Da kann ich nur sagen: Dann ist meistens vorher schon etwas schiefgelaufen. Das Kind hat sich nicht gesehen oder übergangen gefühlt. Grundsätzlich gilt: Man entscheidet sich immer für sein Kind.
Und wenn ein Kind sagt: „Du bist nicht mein Vater“?
Das steht dem Kind zu, das darf es sagen. Aber man muss dem Kind in Ruhe erklären: Das ist mein neuer Partner, der gibt sich Mühe, hoffentlich. Lass uns mal schauen, was du brauchst und was deine Wünsche sind. Man sollte das Gespräch führen wie eine Art Interview: Warum bist du so dagegen? Was stört dich genau? Hat Papa etwas gesagt? Magst du es nicht, wenn er mir nahe ist oder mich anfasst?
Was tun, wenn der Ex-Partner gegen die neue Familie arbeitet?
Oft steckt da noch Verletzung dahinter. Das wird so schnell nicht aufhören. Hier braucht es Geduld. Man muss auch Dinge aushalten und vieles schlucken. Dem Kind kann man erklären: „Ich will nichts Böses sagen, aber Papa oder Mama ist traurig, dass ich glücklich bin, deshalb sagt er oder sie solche Dinge. Er oder sie meint das nicht so. “Wichtig ist, das Kind nicht in den Konflikt hineinzuziehen und individuell auf die Situation einzugehen.
Was, wenn gar keine Kommunikation mehr möglich ist?
Dann hilft es manchmal, Dinge erstmal nicht weiter eskalieren zu lassen. Direkt offizielle Stellen wie das Jugendamt einzuschalten, kann die Situation verschärfen und noch mehr durcheinander bringen. Ich rate davon ab. Besser ist es oft, sich punktuell Unterstützung zu holen – zum Beispiel durch einen Coach –, um wieder klarer zu sehen und handlungsfähig zu werden. Und dann kommt man auch wieder in seine Kraft und kann positiv nach vorne sehen. Dann fällt die coole Haltung auch nicht mehr so schwer!
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