TV-KRITIK (Öffnet in neuem Fenster)
Blutleere Kunst scheint wenig wert. So dachten wohl schon Caravaggio, Shakespeare, Wes Craven (Öffnet in neuem Fenster) und diverse Macher*innen der deutschen Krimi-Tradition, die die Tatort-Reihe bedeutet. Warum also nicht tödlich-blutiges Theater mit einem Mords-Sonntagskrimi verbinden, ein wenig Meta-Ebenen-Spiel betreiben und das künstliche der Bühnen- wie Kamera-Welt herauskitzeln? Gerade mit dem Altherren-Team Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) aus München passt das doch.

Zunächst einmal glänzten sie bereits 2022 mit dem unterschätzten, herrlich kunstvollen Weihnachts-Tatort: Mord unter Misteln und zum anderen befindet sich in München das altehrwürdige Residenz Theater aka das Bayerische Staatsschauspiel (nebenan wird der Bayerische Buchpreis verliehen). Mensch, toll, dachte mensch sich da. Vor allem wohl der Tatort und Polizeiruf 110 geschulte Regisseur Andreas Kleinert (u. a. auch Lieber Thomas), der plante Anton Tschechows Die Möwe zu verfilmen. Diesem Vorhaben machte die Corona-Pandemie einen Strich durchs Stück. „Da kam die großzügige Möglichkeit der BR-Redaktion einen Tatort komplett im Theater spielen zu lassen“, so Kleinert im Pressestatement.
Mit an Bord die Autoren Norbert Baumgarten und Holger Joos, so sei eine „tragikomische Kriminalgeschichte, die auch eine Hommage an die legendäre Agatha Christie“ sein könne, entstanden. In der Tat lässt die mit Ursina Lardi, Robert Kuchenbuch, Liliane Amuat, Lukas T. Sperber, Thiemo Strutzenberger, Luzia Oppermann, Anna Stieblich (Öffnet in neuem Fenster), Giulia Goldammer, Stephanie Schönfeld, Vassilissa Reznikoff sowie Lukas Rüppel in Episodenrollen wirklich stark besetzte Geschichte hier und da an die Queen of Ensemble-Crime denken.

Allein mag der Funke bei der doch mit zu vielen Klischees um Schauspiel und Wahrheit, Fortbestand und Vergänglichkeit (Öffnet in neuem Fenster), psychischer Gewalt und physischer Grenzenlosigkeit (Öffnet in neuem Fenster) gespickten Revue nie so recht überspringen. Während einer Vorstellung besagter Möwe bricht die aufstrebende Schauspielerin Nora Nielsen (Giulia Goldammer) auf offener Bühne tot zusammen. Batic, Leitmayr und Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) begeben sich hinter die Kulissen der Theaterwelt, denn sie vermuten den Mörder inmitten des Ensembles (duh). Im halb-hektischen Theateralltag stoßen die Kommissare auf Eifersucht, Affären und Abgründe (...). Jeder könnte ein Motiv haben (!).

So weit, so okay. Was den Tatort: Das Verlangen, den Das Erste am 26. Dezember um 20:15 Uhr zeigt, vor allem über die teils zähen neunzig Stunden, äh Minuten, trägt, sind die Schauspieler*innen, die selbst Sätze, die jedem Schreiber-Studenten um die Ohren gehauen würden, mit einer gewissen ironischen Verve vortragen. Ebenso die Bilder Johann Feindts, der das Szenenbild Franziska Ganzers bestens einzubinden versteht. Die Faszination, dass wir uns nahezu ausschließlich im und um das Theater bewegen, hält also einigermaßen bei Laune. Ebenso manch ein Insider zwischen den Ermittelnden und dass das Veggie-Essen einmal nicht typisch Söder-bairisch verschmäht wird, freut ebenso. Wer hier warum getötet hat, interessiert hingegen irgendwie so gar nicht. Die Auflösung ist schließlich... moralisch aufgeladen und doch so fad wie manch weihnachtlicher Kartoffelsalat.

Kurzum: Ein recht betulicher Tatort, der trotz oder gerade wegen zahlreicher Figuren kaum mehr Tiefe als eine flachgedrückte Plastik-Möwe bietet. Dafür tut er nicht weh, ärgert nicht und darf einfach da sein. Die Bedeutung allerdings, die er sich selbst zuzuschreiben zu wollen scheint, darf als verlangt doch nicht erfüllt angesehen werden.
AS [mit Pressematerial]
PS: Am 28. Dezember geht es schon weiter mit dem Tatort: Murot und der Elefant im Raum, der Neujahrs-Tatort kommt aus Dresden (und fühlt sich an wie ein langer Kater, mehr dazu in Kürze) und am 4. Januar 2026 sehen wir uns im Schwarzwald.
PPS: Da wir zum Doppel-Tatort mit Falke nichts geschrieben haben, nun in aller Kürze: 180 Minuten Lebenszeitverschwendung – wenn auch gut gespielte (zu finden in der ARD-Mediathek (Öffnet in neuem Fenster)). Allerdings hängen wir uns nicht an Untertiteln auf, wie so mancher. Wer Filme durch Authentizität jedenfalls in der Sprache geschmälert sieht, hat den Schuss wohl nicht gehört.
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/2f41347b-50e3-4f67-8a60-8bc60120768d (Öffnet in neuem Fenster)PPPS: Für Nerds: Das Verlangen ist offiziell Fall Nummer 97 für Leitmayr und Batic, er wird aber als 98. ausgestrahlt, da Zugzwang und Das Verlangen die Ausstrahlungs-Reihenfolge getauscht haben (was zu merken ist, spielt Zugzwang eher im Winter, ist hier nun am frühlingshaften Ende noch schnell ein wenig Kunstschnee am Start). Nummer 98, der sehenswerte und relevante Zugzwang wurde am 27. April 2025 ausgestrahlt (zu finden ist der Film hier (Öffnet in neuem Fenster)). Die Abschieds-Fälle 99 und 100 sind 2026 zu sehen.
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Das Erste zeigt den Tatort: Das Verlangen am Freitag, 26. Dezember 2025, um 20:15 Uhr, one um 21:45 Uhr; anschließend ist der Film für zwölf Monate in der ARD-Mediathek verfügbar (Öffnet in neuem Fenster).
https://steady.page/de/thelittlequeerreview/posts/656be43c-e075-49ad-a0e5-39187a603b94 (Öffnet in neuem Fenster)