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Was wollte ich hier nochmal?

Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Warum du manchmal im Alltag Blackouts erlebst. Und was dagegen hilft.

Hi!

Eigentlich verstehen mein Gehirn und ich uns in letzter Zeit ganz gut. Aber manchmal macht es mir Sorgen. Zum Beispiel hatte ich in letzter Zeit zunehmend das Gefühl, dass mein Gedächtnis schlechter wird.

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Damit bin ich nicht allein. Laut einer nationalen Umfrage (Öffnet in neuem Fenster) in Australien sind jüngere Frauen dort deutlich häufiger besorgt über ihre Aufmerksamkeitsspanne und ihr Kurzzeitgedächtnis als ältere Frauen.

Deswegen war ich ziemlich erleichtert, als mein Kollege Bent Freiwald in seinem immer lesenswerten Newsletter Das Leben des Brain (Öffnet in neuem Fenster) ein besonders bizarres Gedächtnisverhalten erklärt hat: Die sogenannte „Türschwellen-Amnesie“. Das ist der Fachbegriff für den Moment, wenn du auf einmal nicht mehr weißt, was du gerade eben noch vorhattest. Und schon stehst du vor deiner Kollegin und denkst: „Was wollte ich gerade noch sagen?“

Bent hat sich mit der Forschung dazu beschäftigt, die zeigt: Du bist gar nicht so schusselig, wie du denkst. Hinter diesen Alltags-Blackouts steckt ein eigentlich smartes Feature des Gehirns. Nur kommt es dir manchmal versehentlich in die Quere. Es gibt aber konkrete Tricks, die dagegen helfen. Viel Spaß beim Lesen!

Du stehst in der Küche. In deiner Hand der Griff des Kühlschranks, vor deinen Augen das grelle Licht, das auf Joghurtbecher, Käse und Senftube fällt. Du bist zielstrebig hier hergekommen, mit einer Mission. Doch jetzt ist da nur noch Leere.

Dein Blick wandert über die Fächer, als könnte er die verlorene Absicht dort wiederfinden, eingeklemmt zwischen dem Parmesan und den Oliven. Aber da ist nichts. Was wolltest du hier nochmal?

Du schlenderst zurück in dein Arbeitszimmer, setzt dich wieder vor deinen Laptop, und ha! Das war es! Du wolltest dein Glas Wasser auffüllen. Du seufzt, stehst wieder auf, und gehst zurück in die Küche.

Ganz ehrlich? Das kennen wir alle. Aber ist das bloß die kleine, alltägliche Schusseligkeit? Oder steckt dahinter nicht doch vielleicht ein Phänomen namens „Türschwellen-Amnesie“, das eine bisher nicht sonderlich bekannte, aber wichtige Funktionsweise unseres Gedächtnisses beschreibt? Natürlich ist das so. Und das schauen wir uns heute mal genauer an. Und auch, wie du die Türschwellen-Amnesie austricksen kannst, damit du etwas seltener ratlos in der Küche rumstehst.

Dein Gehirn ist ein Filmregisseur

Ich habe es schon öfter mal betont: Dein Gehirn zeichnet dein Leben nicht auf wie eine Überwachungskamera. Dein Gehirn ist ein Filmregisseur. Es nimmt den ununterbrochenen Fluss deiner Erfahrungen und zerlegt (Öffnet in neuem Fenster) ihn dabei in handliche Szenen, in einzelne Kapitel mit Anfang und Ende.

Kognitionswissenschaftler:innen nennen diesen Prozess, dessen Wurzeln bis in die Gestaltpsychologie zurückreichen, heute „Ereignis-Segmentierung“. Diese Schnitte, die das Gehirn setzt, werden „Ereignisgrenzen“ (oder: event boundaries) genannt, und sie passieren immer dann, wenn sich die Szenerie deines Lebens entscheidend verändert: wenn du einen Ort verlässt, eine neue Aufgabe beginnst – oder andere Menschen die Bühne betreten (Öffnet in neuem Fenster):

Huch, Jens, was machst du denn hier? Ehm, was wollte ich gerade sagen? Wo war ich?

Dieser unbewusste Akt des Sortierens macht aus dem Chaos der Reize eine geordnete Erfahrung (Öffnet in neuem Fenster). Es ist die unsichtbare Grammatik deines Erlebens.

Wieso sind ausgerechnet Türschwellen so fies?

Zurück zum Beispiel von oben: Man steht vom Schreibtisch auf, weiß, was man will, geht über mindestens eine Türschwelle, und weiß nichts mehr. Entscheidend hier ist tatsächlich die Türschwelle. Sie ist die berühmteste aller Ereignisgrenzen.

Um diesen „Türschwellen-Effekt“ zu beweisen, lassen Forscher:innen Versuchspersonen durch virtuelle und reale Räume navigieren (Öffnet in neuem Fenster). Sie sollen Objekte aufheben, sie mit sich tragen und sich merken, was sie bei sich haben. Das Ergebnis ist verblüffend und eindeutig: Sobald eine Person durch eine Tür geht, ist ihr Zugriff auf die Erinnerung an das mitgeführte Objekt merklich beeinträchtigt; sie braucht länger (Öffnet in neuem Fenster), um die Erinnerung abzurufen, als Personen, die dieselbe Strecke und Zeit innerhalb eines einzigen, großen Raumes zurücklegen.

Das mentale Drehbuch wird neu geschrieben

Für jede Szene, in der du dich gerade befindest, unterhält dein Gehirn ein aktives mentales Skript, ein sogenanntes Arbeits-Ereignismodell (Öffnet in neuem Fenster). Es enthält alle relevanten Informationen für den Moment: wer da ist, was dein Ziel ist, und was als Nächstes wahrscheinlich passieren wird. Dein Gehirn ist nämlich, das habe ich auch schon öfter gesagt, eine Vorhersagemaschine. Es nutzt das aktuelle Ereignismodell, um permanent Vorhersagen über die unmittelbare Zukunft zu treffen. Solange diese Vorhersagen zutreffen, bleibt das Skript aktiv.

Betrittst du aber einen neuen Raum, explodiert der Vorhersagefehler. Die neue Szenerie passt nicht mehr zum alten Drehbuch. Dieser abrupte Anstieg des Vorhersagefehlers ist das Signal für das Gehirn, das alte Skript zu schließen und ein neues für die Szene „Küche“ zu laden (Öffnet in neuem Fenster). Dieser Update-Prozess ist kognitiv aufwendig. Es ist, als würde dein Gehirn einen alten Browser-Tab schließen, der für die letzte Aufgabe relevant war, um Arbeitsspeicher für den neuen freizugeben. Die Absicht, die du im alten Tab noch hattest, wird dabei manchmal mitgeschlossen.

Die neuronalen Akteure (Öffnet in neuem Fenster) bei diesem Szenenwechsel sind vor allem der Hippocampus und das Posterior-Mediale Netzwerk, die dem Rest des Gehirns signalisieren, dass eine Szene endet und eine neue beginnt.

Nicht, dass du die Türschwelle zu früh antizipierst

Die vielleicht überraschendste Wendung in der Geschichte der Türschwellen-Amnesie ist, dass das Vergessen gar nicht erst an der Schwelle selbst stattfindet. In einem smarten Experiment (Öffnet in neuem Fenster) ließen Forscher:innen Versuchspersonen durch eine simulierte Umgebung gehen, stoppten sie aber kurz vor einer Tür und testeten dort ihr Gedächtnis. Ihre Erinnerung war nicht erst beeinträchtigt, nachdem sie durch die Tür gegangen waren, sondern bereits unmittelbar davor. Das bedeutet, dein Gehirn spült den Zwischenspeicher nicht erst beim Grenzübergang aktiv leer, sondern bereits in weiser Voraussicht auf den neuen Kontext. Es ist ein proaktiver Prozess, ein vorausschauendes „Flushing“ der Gedächtnisinhalte, um Platz für Neues zu schaffen. Das Gehirn sieht die Tür und weiß: Gleich beginnt etwas Neues, also räumen wir schon mal auf.

Ist diese plötzliche Leere im Kopf also ein Fehler im System, ein peinlicher Bug unserer kognitiven Software? Wahrscheinlich nicht. Vielmehr scheint es sich um eine nützliche Funktion zu handeln. Das gezielte Leeren des Caches hilft deinem Gehirn, potenziell veraltete und irrelevante Informationen loszuwerden, um sich mit voller Kapazität auf die Anforderungen der neuen Situation konzentrieren zu können.

Es ist wie das Aufräumen deines Schreibtisches, bevor du dich einer neuen, wichtigen Aufgabe widmest. Du schaffst physischen und mentalen Raum für das, was jetzt zählt. Das Vergessen an der Türschwelle ist also kein Versagen, sondern der Preis für einen wachen und anpassungsfähigen Geist.

Dieses Wissen über die inneren Schnittstellen unseres Gedächtnisses ist aber mehr als nur eine verblüffende Erkenntnis. Wenn wir verstehen, wie unser Gehirn die Welt durch event boundaries zerlegt, können wir ihm auch dabei helfen, wichtige Fäden nicht zu verlieren. Ich habe drei einfache Techniken zusammengetragen, mit denen du der Türschwellen-Amnesie im Alltag entkommst.

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