Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Dein Gehirn braucht Geschichten.
(Öffnet in neuem Fenster)Hi!
Ich habe meine erste große Liebe verraten. Ich weiß, das klingt dramatisch. Aber neulich habe ich einen ganzen Samstagabend mit dieser Liebe verbracht. Es ist einfach passiert, ich saß auf dem Sofa und habe mich in ihre Arme geworfen. Als ich Stunden später aufstand, war mir klar, wie sehr sie mir gefehlt hatte.
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Ich rede von meiner Liebe zum Lesen. Ich habe vergessen, wie schön das ist. Was für jeden, der mich kennt, erst mal absurd wirken muss. Ich bin Journalistin, ich lese ständig. Studien, Nachrichten, E-Mails, DMs, Artikel. Auf meinem Schreibtisch steht ein Turm aus Sachbüchern. Dank geräuschunterdrückender Kopfhörer höre ich sogar im Fitnessstudio Hörbücher, was den Selbstoptimierungs-Sound aus krachenden Maschinen, Gym-Musik und dem allgemeinen Keuchen angenehm ausblendet. Aber es ist lange, sehr lange her, dass ich wirklich im Lesen einer Geschichte versunken bin.
Stattdessen habe ich mir angewöhnt, zweckmäßig zu lesen. Ich las vor allem Sachbücher, und die auch noch möglichst schnell. So geht es außer mir noch vielen, sonst gäbe es keinen Markt für Apps, die Sachbücher auf 15 Minuten komprimieren. Oder bei Hörbüchern die Option, alles in doppelter Geschwindigkeit vorlesen zu lassen.
Klar, beides kann sehr praktisch sein, wenn man schnell Informationen braucht oder die Chefin beim Mittagessen beeindrucken will, weil man aus “Die Kunst des Krieges” zitieren kann. Aber Geschichten zu lesen ist nicht reiner Luxus, den man einfach wegoptimieren kann. Die Forschung zeigt: Wer nur zweckmäßig liest, lässt vielleicht eine zutiefst menschliche Eigenschaft verkümmern.
Bücherwürmer vs. Nerds
Forschende in Kanada wollten in einer 2006 erschienenen Studie (Öffnet in neuem Fenster) ein bekanntes Klischee überprüfen: Nämlich, dass typische Bücherwürmer sozial unbeholfene Einzelgänger sind, die sich in Fantasiewelten flüchten, weil sie im echten Leben keine Freunde finden (ich möchte an dieser Stelle mein 9-jähriges Selbst grüßen, das im Wald auf einem Baum sitzt und Der satanarchäolügenialkohöllische Wunschpunsch von Michael Ende liest). Die Forschenden vermuteten, dass nicht das Lesen an sich isoliert, sondern die Art des Textes entscheidend ist.
Der Psychologe Raymond Mar und sein Team betrachteten für die Studie das Leseverhalten von 94 Teilnehmenden. Sie überprüften deren soziale Fähigkeiten mit zwei standardisierten Tests. Außerdem kontrollierten die Forschenden das Alter der Teilnehmenden, ihre allgemeine Intelligenz und wie gut sie die englische Sprache beherrschten.
Die Ergebnisse waren eindeutig: Wer viel Belletristik las, schnitt beim Empathie-Test klar besser ab. Bei denen, die ausschließlich Sachbücher lasen, war es genau umgekehrt: Sie hatten schlechtere Empathie-Ergebnisse.
Was die Forschenden an diesem Punkt allerdings nicht wussten: wie sehr die Persönlichkeit der Teilnehmenden in dieses Ergebnis hineinspielte. Konkret: Trainieren Menschen, die Belletristik lesen, damit ihre Empathie – oder lesen Menschen, die ohnehin einfühlsamer sind, besonders gern Romane?
Tagträumen und Einsamkeit
Um das zu verstehen, führten Mar und sein Team drei Jahre später eine weitere Studie (Öffnet in neuem Fenster) mit 225 Teilnehmenden durch. Das Setting war ähnlich, aber diesmal schlossen die Forschenden einige wichtige Faktoren aus, die das Empathie-Ergebnis hätten beeinflussen können:
das Geschlecht. Frauen schnitten beim Empathie-Test signifikant besser ab als Männer
die Neigung zum Tagträumen und zur Fantasie – um sicherzugehen, dass Vielleser nicht nur deshalb empathischer sind, weil sie von Natur aus eine stärkere Gabe haben, sich Dinge lebhaft vorzustellen.
bestimmte Persönlichkeitsmerkmale. Diese fragten die Forschenden mit dem sogenannten “Big-Five”-Persönlichkeitstest ab. Sie wollten zum Beispiel ausschließen, dass Menschen, die offen für neue Erfahrungen sind, zufällig auch empathisch sind und gerne lesen.
Ein bemerkenswertes Nebenergebnis dieser zweiten Untersuchung: Je mehr Sachbücher Männer lasen, desto eher fühlten sie sich einsam, hatten ein geringeres Selbstwertgefühl und neigten zu Depressionen.