Du liest Wie du nicht den Verstand verlierst – der Newsletter gegen mentalen Dauerlärm. Heute: Alleinsein verändert das Gehirn. Deshalb sollten selbst Introvertierte wie ich es damit nicht übertreiben.

Hi!
Als Kind hatte ich große Angst vor fremden Menschen. Ich weiß nicht, warum, ich war einfach so. Meine älteren Schwestern rennen in meiner Erinnerung selbstbewusst und mit wildem Haar durch das Dorf, in dem wir aufgewachsen sind. Sie klingeln bei fremden Menschen und laufen lachend davon, sie fragen den Eismann frech nach einer Extra-Kugel, obwohl sie das Geld nicht haben. Ich stehe hinter ihnen mit klopfendem Herzen.
Heute bin ich sehr viel geselliger. Das habe ich mir über die Jahre mühsam antrainiert. Trotzdem fällt mir oft ein kleiner Stein vom Herzen, wenn ein Event ausfällt oder jemand eine Verabredung absagt. Es gibt einen gewissen Kreis an Menschen, bei denen ich völlig entspannt bin. Ansonsten ist Alleinsein für mich fast immer weniger anstrengend als Gesellschaft.
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Die Kontaktbeschränkungen damals in der Pandemie habe ich, ehrlich gesagt, ein bisschen genossen. Auch, dass es seither möglich ist, das Haus viel weniger zu verlassen, weil alle sich daran gewöhnt haben, dass man vieles per Videocall erledigen kann. Aber ich habe zunehmend das Gefühl, dass diese Bequemlichkeit ihren Preis hat. So sehr mir das Alleinsein Energie gibt, so sehr erkenne ich inzwischen, wie leicht unsere Gesellschaft es macht, sich zu isolieren. Und das tut selbst mir nicht gut.
Eine, die das sehr deutlich zeigt, ist Sarah Stein Lubrano. Sie forscht seit Jahren an der Schnittstelle zwischen Psychologie und Politik und hat eines der erhellendsten Bücher geschrieben, die ich dieses Jahr gelesen habe. Es heißt „Don’t Talk About Politics” (Öffnet in neuem Fenster) (über das Buch habe ich hier (Öffnet in neuem Fenster)geschrieben, Artikel mit Paywall). Sarah schreibt außerdem einen sehr lesenswerten Newsletter (Öffnet in neuem Fenster) auf Englisch bei Substack.
Eine Ausgabe daraus durfte ich für meinen Newsletter heute übersetzen. Sarah zeigt darin: Was ich an mir selbst spüre – dieses kleine Aufatmen, wenn soziale Verpflichtungen wegfallen– ist kein rein persönliches Muster. Es ist Teil eines größeren Trends, den viele Menschen erleben und den Forschende inzwischen beschreiben: Wir verlernen das Zusammensein. Und die Schwelle, sich zurückzuziehen, wird immer niedriger. Das hat nicht nur persönliche, sondern auch soziale und politische Folgen.
Wie sich das konkret äußert – und was wir dem entgegensetzen können – zeigt Sarah im folgenden Text. Ich habe mich dabei auf die bestmögliche Weise ertappt und verstanden gefühlt.
„In letzter Zeit geht es mir nicht so gut“, sagte meine Freundin. Ich nickte. So geht es gerade vielen. Neulich hatte sie endlich mal wieder genug Energie, um sich bei anderen zu melden. Aber die reagierten kaum. Sie antworteten nicht, wollten keine Pläne machen. Sie tauchten bei Events nicht auf und fragten nicht, wie es ihr ging. Meine Freundin ärgerte das. Kapierten die anderen nicht, wie schlecht es ihr ging? Bis vor kurzem allerdings war sie selbst so drauf gewesen. Es ging ihr zu mies, um sich bei anderen zu zurückzumelden.
Die meisten Menschen, die ich kenne, sind seit den Jahren nach der Pandemie weniger gesellig – und ehrlich gesagt auch weniger in der Lage, Zeit mit anderen zu verbringen. Das ging sogar mir so zuletzt (und ich bin eigentlich gnadenlos extrovertiert). Es gibt einen Begriff dafür, was mit uns los ist. Er lautet: soziale Atrophie.
Nähe kann man verlernen
Man kann unsere schwindenden sozialen Verbindungen mit Muskelabbau vergleichen. Der Vergleich mag auf den ersten Blick übertrieben oder etwas flapsig klingen. Aber die Neurowissenschaften belegen genau das: Menschen, die sozial isoliert sind, verlieren einen Teil der Energie und der Fähigkeiten, die für soziale Interaktion nötig sind. Ihre Amygdalae sind kleiner (ein Bereich des Gehirns, der für Emotionen, Denken und Erinnern wichtig ist), und ihre Stresswerte sind höher.
Je isolierter jemand ist, desto negativer und misstrauischer wird er, und desto schlechter funktionieren sein Gedächtnis und die Fähigkeit, sich sprachlich zu erinnern. Was es schwieriger macht, auf Fragen wie „Was gibt’s Neues?“, „Wie läuft die Arbeit?“ oder „Triffst du dich noch mit dem Typen mit dem Schnurrbart?“ zu antworten.
Miteinander in Kontakt zu treten ist die komplexeste und schwierigste Aufgabe unseres Gehirns. Gleichzeitig sind wir als Spezies darin besonders stark. Wenn Kontakte seltener werden, verlieren wir schnell an Sicherheit. Alles fühlt sich belastender an. Wenn wir dann doch Menschen treffen, geben uns diese Begegnungen weniger, und wir reagieren schneller verbittert, gereizt oder ängstlich auf das Verhalten und die Motive anderer. Selbst dort, wo wir anderen vertrauten, verlangt uns gemeinsame Zeit mehr mentale Kraft ab.
So kam es auch, dass ältere Menschen im Lockdown rascher eine Demenz entwickelten: Ihre Gehirne schrumpften im wahrsten Sinne des Wortes. Aus dem gleichen Grund wurde ich während der Arbeit an meiner Promotion plötzlich zu einer Introvertierten. Natürlich brauchte ich die Zeit allein, um mich aufs Schreiben zu konzentrieren. Aber nach nur wenigen Wochen Alleinsein verschob sich etwas: Begegnungen kosteten mich plötzlich mehr Kraft, als sie mir gaben. Menschen fühlten sich mehr wie eine Bürde an als wie etwas, aus dem ich Energie ziehen konnte.
Einsamkeit ist politisch
Kein Wunder, dass viele von uns erleichtert aufatmen, wenn jemand absagt. Wirklich, schon okay.
Aber ganz so harmlos ist es eben nicht.