
Die Reeperbahn und ihre sonst so lauten Seitenstraßen wirken an diesem Montagabend fast wie ein „Lost Place“. Geschlossene Läden, umherflatternder Müll und ganz am Rande eine einsame Stadtteilführung. Doch diese Melancholie, die durch die Straßen St. Paulis weht, passt perfekt zum Vorhaben, ein Konzert von Matt Berninger in der „Großen Freiheit“ zu besuchen.

Der Musiker ist vor allem als Sänger der legendären Band The National bekannt, hat aber in diesem Jahr mit „Get Sunk“ bereits sein zweites Soloalbum herausgebracht. Auch dieses vereinbart Traurigkeit mit Tanzbarkeit, vom Künstler oft mit einer Flasche Chardonnay in der Hand dargeboten. Berninger deshalb als „verkörperte Midlife-Crisis“ zu bezeichnen, wie es jüngst eine Hamburger Lokalzeitung tat, geht dann aber doch ein wenig zu weit.
Plötzlich geschieht alles ganz schnell. Schon während des Auftritts der Vorband Ronboy, ein tolles Projekt der Musikerin Julia Laws, betritt überraschend Matt Berninger die Bühne. Gemeinsam singen sie den Song „Disaster (Öffnet in neuem Fenster)“, dann verschwindet Berninger wieder und Ronboy spielen weiter, als wäre nichts passiert.
Dann die nächste Überraschung. Das Konzert von Matt Berninger startet mit einem Intro der Hamburger HipHop-Truppe Absolute Beginner. „Hammerhart“ sind dann auch die Texte, überwiegen hier doch Einsamkeit und Düsternis. Das wunderbare „Frozen Oranges (Öffnet in neuem Fenster)“ stimmt da noch am positivsten. An den Keyboards taucht auch Julia Laws wieder auf, bei einigen Stücken begleitet sie Berninger sogar als Duettpartnerin.
Das Publikum, überwiegend im gleichen schwierigen Alter wie der 54-jährige Matt, lauscht andächtig, am Tresen warten derweil große Mengen voller Bierbecher auf Abholung, doch da tut sich kaum was. Erst mit der Überraschung Nummer drei wendet sich das Blatt. Zwei The-National-Songs bringen die Menge zum Tanzen. Und als auf „Gospel“ und „Terrible Love“ auch noch das großartige „Bonnet of Pins (Öffnet in neuem Fenster)“ folgt, erleben die Fans doch noch ihre wilde Indie-Party – Matt Berninger mittendrin, irgendwo in den ersten Reihen.
Auch die Biere am Tresen sind mittlerweile ausgetrunken. Was soll nun noch folgen? Eine letzte Überraschung – als Zugabe covert Matt Berninger „Blue Monday“ in einer launigen Version. Das dürfte nicht nur den Träger des New-Order-T-Shirts (gute Wahl) gefreut haben, ziemlich beseelt verschwindet das Publikum in den spät gewordenen Montagabend. Und siehe da, mittlerweile haben einige Kneipen geöffnet, auf St. Pauli brennt doch noch Licht.