Was neue Forschungsergebnisse verraten – und was Klimaforscher wie Johan Rockström zunehmend nervös mach
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Die klimastabile Epoche ist vorbei. Das zeigen neue Daten der Weltorganisation für Meteorologie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (WMO):
Mit 80 % Wahrscheinlichkeit wird mindestens eines der kommenden fünf Jahre das Rekordjahr 2024 als wärmstes Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen übertreffen.
Laut WMO besteht zudem eine 70 % Wahrscheinlichkeit, dass wir in dieser Dekade dauerhaft Werte oberhalb von 1,5 °C erleben – der kritischen Schwelle, über die hinaus das Risiko schwerwiegender Kipppunkte deutlich steigt.
2024 selbst war bereits das erste Jahr mit einer durchschnittlichen Erwärmung von 1,5 °C – der höchste Wert seit mindestens 100.000 Jahren (IPCC).
WMO-Vizegeneralsekretärin Ko Barrett (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) bringt es auf den Punkt:
„Nach den 10 wärmsten Jahren seit Beginn der Aufzeichnungen gibt es keine Anzeichen für eine Atempause in den kommenden Jahren, und das bedeutet, dass es wachsende negative Auswirkungen auf unsere Wirtschaft, unser tägliches Leben, unsere Ökosysteme und unseren Planeten geben wird.“
Wissenschaftler wie Johan Rockström (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK), sprechen Klartext:
"Wir stehen an einem entscheidenden Moment für die Zukunft der Menschheit auf dem Planeten Erde."
Globale Dynamik: Modell und Realität driften auseinander
Rockström analysiert im Rahmen der re:publica 2025 in Berlin: Die Wissenschaft hat viele Veränderungen erwartet – aber nicht diese Geschwindigkeit. Er spricht von „schockierenden Beobachtungen“, die in Modellen nie vorhersehbar waren. Die Jahresmitteltemperatur ist 2023 plötzlich um 0,3 Grad gestiegen – statt wie bisher um 0,03. "Hier stimmt etwas nicht."
"Wir müssen ernsthaft in Betracht ziehen, dass das gesamte System sich destabilisiert."

Auch der Ozean zeigt Ungewöhnliches: Die Meeresoberflächentemperaturen bewegen sich außerhalb aller bisher bekannten Bandbreiten. Selbst im Übergang zu einer kühlenden La-Niña-Phase bleiben die globalen Temperaturen hoch.
"Die ehrliche Antwort ist: Wir wissen (noch) nicht, was genau passiert."

Tiefergehende Einordnung bietet Johan Rockström selbst in seinem Vortrag von der re:publica 2025. Das Video ist hier abrufbar:
https://youtu.be/Nq2QAVA32NM (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Planetarischer Kontext: Grenzen und Kipppunkte
Rockström verweist auf den sogenannten „Korridor des Lebens“ – den Bereich stabiler planetarer Bedingungen im Holozän, innerhalb dessen sich das Leben auf der Erde und menschliche Zivilisation entwickeln konnten. Doch inzwischen sind 6 von 9 planetaren Grenzen überschritten. Besonders kritisch: der Regenwald im brasilianischen Amazonasgebiet hat seine Rolle als CO2-Senke bereits verloren.
"Wir sind sehr nahe daran, Kipppunkte zu erreichen, an denen wir ein unumkehrbares Abdriften von den lebenserhaltenden Systemen verursachen."
Gleichzeitig könnte die Klimasensitivität – also die Temperatursteigerung pro CO2-Verdopplung – höher liegen als gedacht: statt 3 °C vielleicht 4 oder 5 °C. Das würde das verbleibende CO2-Budget drastisch verkleinern.
Ein Rückgang auf eine durchschnittliche Erwärmung von 1,5 °C sei laut aktuellem Forschungsstand nur noch realistisch, wenn die globale Temperatur nach einem Überschießen langfristig wieder zurückgeführt wird – in einem Szenario mit massiver Emissionsminderung, CO2-Entnahme und globaler Netto-Null bis spätestens 2050.
„Es gibt keinen linearen Pfad mehr, um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen. Wir müssen Lösungen einsetzen, die exponentiell wachsen."
Rockström verweist in diesem Zusammenhang auf die Hockey-Stick-Kurven, die den Wandel der letzten Jahrzehnte zeigen: Anfangs führte exponentielles Wachstum zu positiven Effekten wie besserer Gesundheit und steigender Lebenserwartung. Doch seit den 1950er-Jahren schlägt der Trend um – mit zunehmend negativen Umweltauswirkungen wie Artensterben, Luftverschmutzung oder Hitzerekorden.
Produktivität, Gesundheit, Wirtschaft
Extremwetter, Dürre, Hitze: 2023 war ein Jahr der Superlative. Die Hitzewellen in Europa führten nicht nur zu zehntausenden Toten, sondern beeinträchtigen zunehmend auch die Arbeitsproduktivität – insbesondere im Bausektor, in der Landwirtschaft und im städtischen Raum.
PIK-Studien zeigen, dass die Verluste beim globalen Bruttosozialprodukt bis 2050 bei 19 Prozent liegen könnten, würde alles so weitergehen, wie bisher. Rockström verdeutlicht: Es braucht die Reduzierung von Emissionen im Umfang von 5 bis 10 Prozent pro Jahr - und gleichzeitig den Erhalt der natürlichen Reservoirs als CO2-Senken (Ozeane, Wälder, insbes. Amazonas).
Und: zusätzlich braucht es Direct Air Capture and Storage im Umfang von fünf bis sieben Gigatonnen. Hierzu muss, wie es Climeworks, Neustark oder Carbon Engineering versuchen, eine gewaltige Industrie aufgebaut werden. Und: Carbon Capture and Storage muss sich auf wirklich die allerletzten unvermeidbaren Emissionen konzentrieren - nicht auf solche, die etwa durch Elektrifizierung leicht vermieden werden können.
Politischer Realitätsschock: Falsche Anreize
Während die Wissenschaft alarmiert, werden in Deutschland weiterhin Milliarden in umweltschädliche Strukturen gelenkt. Eine neue Studie des FÖS zeigt: Bis zu 15 Milliarden Euro jährlich fließen laut Koalitionsvertrag in klimaschädliche Subventionen – etwa für Dieselprivilegien, Dienstwagen oder fossile Infrastruktur.
Was folgt?
Die Analyse ist eindeutig: Wir verlassen das Zeitalter der Stabilität. Doch Johan Rockström betont:
"Das Spiel ist nicht vorbei. Das Fenster ist offen – aber es schließt sich schnell."
In der nächsten Ausgabe zeigen wir: Welche Lösungen existieren? Was funktioniert wirklich unter Bedingungen von Speed & Scale? Und: Wie schaffen wir die Transformation auf allen Ebenen?
Speed & Scale ist die einzige Währung, die heute noch zählt, sagt Rockström. Aber welche Technologien und Entscheidungen bringen uns in Richtung einer resilienten Zukunft? Als Cleanthinking-Unterstützer*in direkt bei Steady erhalten Sie frühzeitigen Zugang zu Analysen, die Orientierung geben.
Quellen: IPCC, WMO, PIK / Rockström, FÖS / Germanwatch, Climate Reanalyzer, Financial Times