Liebe Leserinnen und Leser,
in der Nacht zum Dienstag drosselte Frankreichs Stromkonzern EDF das Kernkraftwerk Golfech. Nicht wegen einer Panne, sondern wegen der Hitze: Die Garonne war zu warm, um die Reaktoren noch sicher zu kühlen. Drei weitere Meiler folgten mit Einschränkungen, in der Schweiz halbierte das AKW Beznau seine Leistung. Ausgerechnet jene "Grundlast", die uns angeblich vor der Wetterabhängigkeit der Erneuerbaren schützt, fiel aus, als die Hitzeglocke über Europa am dichtesten war.
Die Hitze treibt die Preise, nicht die Erneuerbaren
Die Folge ließ sich an der Strombörse ablesen. Am Mittwoch kletterte der Großhandelspreis in Deutschland in der Spitze auf über 700 Euro je Megawattstunde, in Belgien über 1.000 Euro, in den Niederlanden und Dänemark lag er nicht weit darunter. Treiber war ein Dreiklang: hohe Kühllast, schwacher Wind und der Einbruch der Solarleistung nach Sonnenuntergang.
Statt 12 Gigawatt Atomstrom exportierte Frankreich lediglich noch 3 Gigawatt - auch, weil Klimaanlagen den eigenen Verbrauch erhöhten. Trotzdem liegen die Strompreis-Kapriolen in Deutschland auch am hiesigen Stromsystem. Es fehlt an Flexibilität.
Tagsüber drückt die Photovoltaik die Preise, abends übernehmen Gaskraftwerke und setzen den Takt. Wer in dieser Lücke Strom einspeichern und abends ausspeisen kann, verdient Geld und stabilisiert das Netz. Es ist das Lehrbuchargument für Batteriespeicher.
Wer die Vorgeschichte kennt: Leserinnen und Leser dieses Briefings haben die gedrosselten Reaktoren schon Anfang der Woche bei uns gelesen. Die laufende Hitzewelle und die Einordnung zum Mythos Grundlast (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gibt es bei Cleanthinking.
Und die Rechnung geht über die Strombörse hinaus
Wie teuer Hitze insgesamt wird, hat der Kreditversicherer Allianz Trade gerade vorgerechnet. Würden die stärksten Hitzewellen der Jahre 2014 bis 2024 zwischen 2026 und 2030 erneut auftreten, summieren sich die Wachstumsverluste für Deutschland in diesem Szenario auf rund 131 Milliarden US-Dollar. Der Effekt ist nicht linear: Jenseits eines Kipppunkts von etwa 30 Grad sinkt die Stundenproduktivität um rund 3 Prozent je zusätzlichem Grad, während der Energiebedarf um 1,2 Prozent steigt. Also genau dann, wenn die Betriebe mehr kühlen müssen.
Bemerkenswert ist, dass die Allianz-Analyse exakt den Mechanismus beschreibt, der diese Woche an der Börse sichtbar wurde: Hitze drosselt thermische Kraftwerke in dem Moment, in dem die kühlungsgetriebene Stromnachfrage anschwillt. Und der Schaden frisst sich in die Substanz. Die Investitionen könnten im Mittel der betroffenen Länder um 8 Prozent zurückgehen, die Fiskalbilanzen um rund 0,5 Prozent des BIP pro Jahr.
Die Studienautoren warnen vor stagflationären Dynamiken, also steigenden Preisen bei steigender Arbeitslosigkeit. Europa trifft das härter als die USA, schon weil hier nur 19 Prozent der Haushalte eine Klimaanlage haben, jenseits des Atlantiks rund 90 Prozent. Die Zahlen im Detail stehen in der Allianz-Trade-Studie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
Was Fraunhofer für 2045 durchrechnet
Pünktlich zur Leitmesse The smarter E in München hat das Fraunhofer ISE eine Studie vorgelegt, die genau diese Frage beantwortet: Wie sieht ein technologieoffenes, zuverlässiges, klimaneutrales Stromsystem rund um die Uhr aus, und was kostet es? Auftraggeber sind die Messeveranstalter, also die Solar- und Speicherbranche. Die Rechnung der Freiburger Forschenden Charlotte Senkpiel und Christoph Kost ist deshalb interessengeleitet im Anlass, aber methodisch transparent und in den Annahmen erfreulich nüchtern.
Der kostengünstigste Pfad ist konsequent elektrisch. Die Strombereitstellung steigt von 443 Terawattstunden heute auf 1.607 im Jahr 2045, mehr als die Hälfte der Primärenergie kommt dann aus Wind und Sonne. Zuverlässigkeit entsteht nicht mehr aus großen Blöcken, sondern aus dem Zusammenspiel: Speicher, flexible Lasten, Wärmepumpen mit Wärmespeichern, der europäische Netzverbund und ergänzende steuerbare Kraftwerke auf Basis von Biomasse und Wasserstoff. Dunkelflauten, so die Studie, lassen sich damit zuverlässig überbrücken.

Der entscheidende Satz steht im Kostenkapitel. Die Mehrkosten gegenüber einem Weiterso liegen im Mittel bei rund 54 Milliarden Euro pro Jahr, kumuliert 1,3 Billionen Euro über 25 Jahre. Bis 2050 aber ist die Transformation laut Modell kostenneutral, weil eingesparte fossile Importe und vermiedene Klimafolgen gegenrechnen. Schon heute ist Solarstrom vom Acker mit 4,2 bis 6,9 Cent je Kilowattstunde die günstigste Erzeugung überhaupt, während Strom aus modernen Gaskraftwerken 8,9 bis 15,6 Cent kostet und aus Gasturbinen bis zu 32,6 Cent.
„Die Transformation des Energiesystems [bietet] nicht nur die Möglichkeit, eine zuverlässige und resiliente Energieversorgung sicherzustellen, sondern [kann] gleichzeitig kosteneffizient gestaltet werden [...]. Entscheidend für deren Realisierung sind jedoch die richtigen politischen Weichenstellungen sowie ein breiter gesellschaftlicher Konsens und der kollektive Wille zur Umsetzung der notwendigen Maßnahmen."
Charlotte Senkpiel und Christoph Kost, Fraunhofer ISE
Die Studie verschweigt die Herausforderungen nicht. Der Investitionsbedarf von 210 bis 270 Milliarden Euro jährlich trifft auf einen Fachkräftemangel, die Lieferketten für Batterien und Photovoltaik bleiben verwundbar, und mit den heutigen Maßnahmen klafft bis zur Klimaneutralität eine Emissionslücke von 212 Millionen Tonnen CO2.
Resilienz ist trotzdem das stärkste Argument: Deutschland importiert heute 67 Prozent seiner Primärenergie, die Transformation senkt die fossile Importabhängigkeit um rund 80 Prozent. Die Energiekrise 2022/23 kostete den Staat zwischen 71 und 187 Milliarden Euro an Entlastungen. So teuer ist Abhängigkeit. Die Studie steht hier zum Download zur Verfügung.
Schluss
74,7 Cent je Kilowattstunde an einem Hitzetag im Juni. 4,2 Cent aus dem Solarpark. Dazwischen liegt längst keine Frage der Physik mehr, sondern eine der Weichenstellung. Fraunhofer hat den günstigsten Weg durchgerechnet. Die Hitze dieser Woche hat vorgeführt, was das Warten kostet.
In diesem Sinne,
Ihr Martin Jendrischik
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