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Tel Aviv ist nicht Berlin

Ich erinnere mich noch gut an mein erstes großes Missverständnis mit Israel. 2005 kam ich nach Tel Aviv und hielt es für wahnsinnig europäisch.

Eigentlich, sagte ich danach in Interviews gerne, ist Tel Aviv, als würde man die Berliner Stadtteile Mitte, Kreuzberg, P‘Berg und Neukölln zu einer Stadt zusammensetzen und dann ans Meer verlegen. Lange dachte ich das wirklich. Dann zog ich 2010 fest hierher und merkte, wie sehr ich mich geirrt hatte. Ja, Tel Aviv hatte viele europäische Färbungen, an vielen Ecken, in manchen Cafés, fühlte es sich an wie das Berlin der frühen 2000-er Jahre, in dem ich gelebt hatte - wild, frei und immer noch im Aufbau befindlich. Aber dann war es doch vor allem eine Stadt im Nahen Osten. Mit dem Chaos, Geruch und Lärm, der damit einherging. Und mit Denkmälern, vernarbten Wunden überall in der Stadt, die von schlimmen Terroranschlägen berichteten, die gerade einmal ein paar Jahre zurücklagen.

Dass Tel Aviv wirklich nicht Berlin war, wurde endgültig klar, als 2012 die ersten Raketen (seit den 90er Jahren) auf unsere Häuser flogen. Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal im Treppenhaus hockte und draußen die Booms hörte, die für die nächsten 14 Jahre immer wieder mein Leben bestimmen würden. Erst das Heulen der Sirene. Dann gespenstische Stille. Dann Boom. Boom. Boom. Und dazu ein Herz das einem bis zum Hals schlägt. Baboom.

Aber anders als in den meisten Kriegsgebieten hörten wir Raketen explodieren und gingen dann in Restaurants, die für 25 Euro Cerviche servierten und in denen coole DJs auflegten. Anders als in anderen Kriegsgebieten hörten wir Raketen explodieren und gingen dann zu Kunstausstellungen oder auf Dates am Strand. Das ist ein Leben, dass es sonst in dieser Kombination nirgendwo gibt. Nirgendwo auf der ganzen Welt.

Und mit dieser Tatsache geht eine gewisse Einsamkeit einher.

Wenn ich lese, wie Menschen in Deutschland mit Migrationshintergrund von Fluchterfahrung sprechen, fühle ich mich eher zu ihnen zugehörig, als zu Deutschen, die überhaupt nicht wissen, was es heißt, wenn dieses existenzielle Gefühl von Sicherheit, diese Basis der Bedürfnispyramide, keine Selbstverständlichkeit ist. Wenn ich dann aber darüber nachdenke, dass meine Fluchterfahrung daraus besteht, mit einem Auto, das uns gehört, aus einer Wohnung, die nicht zerstört wird, durch Israel zu fahren, um in der Wüste für viel Geld (wirklich viel Geld!) wochenlang sicher in Hotels zu leben, dann hat das eben auch nichts mit der Fluchterfahrung der meisten Kriegsflüchtlinge zu tun. Natürlich habe ich im letzten Krieg mit meinem fünf Tage jungen Baby am Straßenrand gelegen, während Raketen über unsere flogen. Natürlich war das absolut furchtbar. Aber ich habe -trotz aller Angst - ein Land im Rücken gehabt, das über die modernsten Schutzschilde zur Raketenabwehr verfügt. Ein Land, in dem auch Wohnungen zerstört werden, in dem auch längst nicht alle Menschen Zugang zu Bunkern haben, aber in dem während eines sechswöchigen Krieges eben 48 Menschen sterben und nicht tausende. In dem Krieg zwar auch Krieg ist. Aber keine Obdachlosigkeit. Kein Hunger. Keine Armut.

Das ist ein merkwürdiges Leben zwischen allen Stühlen. Ich bin nicht wie die Privilegierten ohne Krieg. Aber ich bin eine Privilegierte im Krieg. Ich gehöre nirgendwo dazu. Ich lebe nicht das sorgenfreie Leben vieler Freunde von mir aus Deutschland, Portugal oder den USA. Aber ich fühle mich auch schlecht, wenn ich von Kriegs- und Fluchterfahrung spreche, weil das direkt um mich herum, im Libanon, in Gaza, in Syrien, eben noch einmal etwas völlig anderes bedeutet.

Dieses unsere Leben grenzt an die Unerklärbarkeit. Manchmal würde ich es gerne einfach abstreifen, um mich nicht damit beschäftigen zu müssen.

Ich denke dieser Tage viel über einen neuen Roman nach. Bin in dieser Phase, in der ich tausend Ideen habe, aber keine davon sitzt bisher so richtig im Herzen fest. Ich würde gerne mal wieder ein Buch schreiben, dass nichts mit Israel zu tun hat, aber wenn ich dann über mögliche Geschichten nachdenke, dann merke ich, dass dann etwas fehlt. Eine Ebene der Tiefe, ein Kellergeschoss meiner Seele, wenn man so will. Warum denn überhaupt ohne Israel schreiben fragt ihr? Weil es manchmal so eine Last ist, diese Schwere immer mit sich herumzutragen. Und weil ich manchmal auch aus marketingtechnischer Perspektive denke, Mensch, du bist doch auch deutsch. Schreib doch einfach einen tollen Coming-of-Age-Roman, in dem von Rostock nach Italien gefahren wird und dann ist gut.

Aber die Wahrheit ist natürlich, ich lebe seit mehr als 16 Jahren nicht mehr in Deutschland. Also wirklich überhaupt nicht. Nicht „zwischen Berlin und Tel Aviv“, wie soviele andere (wovon die meisten Israel eigentlich eher als Touristen besuchen und nicht einmal Hebräisch sprechen). Ich besuche Deutschland zwei, dreimal im Jahr. Bin nie länger als drei Wochen am Stück da (Ausnahme war nach dem 7. Oktober, als wir 5 Wochen in Deutschland verharrten und das in einem Gefühl absoluter Entfremdung von allem) - ich denke nicht mehr deutsch, ich fühle es nicht mehr, ich bin es einfach nicht mehr. Ich wähle nicht einmal mehr in Deutschland, weil ich finde, dass es mir nicht zusteht, über die politische Zukunft eines Landes mitzuentscheiden, wenn ich dort immer nur kurz zu Besuch bin.

Zwischen mir und meiner Herkunft liegt ein Graben, der Israel heißt und der noch dazu angefüllt ist mit Erfahrungen, die man in meinem Geburtsland kaum nachvollziehen kann. Es ist eben diese seltsame Mischung von der ich eingehens sprach. Zur Hälfte lebe ich wie viele andere in Berlin oder London oder New York, zur Hälfte in brutaler Totalheit überhaupt nicht. Niemand von meinen Freunden in Berlin weiß, wie sich das anfühlt, seit 3 1/2 Jahren im Krieg zu leben. Niemand weiß, wie es sich anfühlt, ständig fürchten zu müssen, dass der Raketenalarm wieder losgeht. Niemand weiß, wie es sich anfühlt, in einem dunklen Bunkerzimmer zu liegen und draußen explodiert die Stadt. Kracht. Wummt. Wackelt. Boom. Baboom.

Ich fürchte aber, dieser Konflikt wird immer in mir bleiben, nicht hier, nicht dort, sondern immer dazwischen. Meine Muttersprache ist nicht Hebräisch. Meine gelebte Wirklichkeit ist nicht deutsch. Ich bin ein Zentaur, eine Sphinx, ein Minotaurus. Halb dies, halb das. Und so schwierig das oft ist, so Isolierend, so einsam - es ist gleichzeitig auch das Besondere an meinem Leben. Es ist der Teil, der mir Geschichte und Geschichten bringt. Aber es zu umarmen und nicht daran zu leiden, das wird die ewige Herausforderung sein.

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