
Dear fellow Powerpurchaser,
– auf Deutsch: Liebe kollegiale Kaufkraft,
Das erste Mal Papier geshreddert habe ich beruflich, in meiner letzten Anstellung in Wien. Sensible Daten in das silbern glänzende Gerät zu schieben, um sie darin zerraspeln zu lassen, machte mir auf Anhieb Spaß. Zumindest solange, bis ich einmal einen viel zu klobigen Packen in den Schlitz des circa siebzig Zentimeter hohen Aktenvernichters drückte und sich dieser auf halbem Weg festklemmte. Der Rückholknopf streikte, und ich musste professionelle Hilfe holen.
Der damals gerade neue Kollege aus der Abteilung Hausbesorgung stellte schnell fest, dass uns, oder besser gesagt: ihm, nur noch eine Option übrig blieb. Er zerlegte das ganze Teil von Grund auf – nicht ohne mich zwischendurch immer wieder ungläubig anzuschauen. Aber keine meiner entschuldigenden Wortmeldungen half. Der Vibe im Büroeingangsbereich blieb angespannt.
Mittlerweile fehlten dem Shredder die kompletten Seitenwände und unzählige einzelne Schrauben kullerten über den kahlen Boden. Ich ertappte mich beim ersten Ministoßgebet und bat still und leise um die Rettung des teuren Geräts. So wie sich Ehemalsgläubige – wenn’s brenzlig wird – dann manchmal doch wieder nicht im Griff haben und automatisch mit Da Oben Kontakt aufnehmen.
Der Moment der Wahrheit war gekommen. Fanden die Schrauben zurück an ihren alten Platz? Gab der Shredder die sensiblen Daten frei? Ich hatte Glück. Erleichtert vernichtete ich Letztere – diesmal Blatt für Blatt. Hatte der Einschaltknopf seither einen Wackelkontakt? Vielleicht. Kündigte der Kollege von der Hausbesorgung kurze Zeit später? Definitiv.

Ein paar Jahre später legte ich mir einen kleinen Shredder für zuhause zu. Ich wollte – im Zuge meines Umzugs nach Berlin – nicht alle fünfzig halb beschriebenen Notizbücher mitnehmen, die ich in einem Samsonite-Koffer unter meinem Bett wiedergefunden hatte, aber gleichzeitig das Worst Of meiner privaten Gedanken aus den letzten Jahrzehnten auch nicht sich selbst überlassen.
So kam ich auf die Idee, mir einen eigenen Aktenvernichter anzuschaffen. Es fühlte sich gut an, meine nicht mehr benötigten Altnotizen säckeweise in kleine Papierschlangen verwandelt zu wissen statt sie einfach als potentielle Beute in den Hausmüll zu werfen. Zum Beispiel für Hobbyfischer:innen, die regelmäßig durch Wiener Altpapiertonnen waten – auf der Suche nach besonders rohen, autobiografischen Stoffen.
Vom „Aus Sorge Shreddern“ zum „Sorgenshreddern“
Aus dieser, zugegeben sehr speziellen Gemütslage heraus entstand jedenfalls eines meiner am regelmäßigsten betriebenen Hobbys – und vor Kurzem kam noch eine weitere Nische hinzu: Mittlerweile shreddere ich auch meine Sorgen.
Passend zum Namen dieses Newsletterprojekts habe ich dafür bunte Vorlagen gestaltet und notiere darauf Dinge, die sich gerade ungebetenerweise in meinem Kopf herumtreiben, um sie anschließend effektvoll zu vernichten. Wer das Sorgenshredderpapier ausprobieren möchte: Hier stehen die Vorlagen in mehreren Varianten zum kostenlosen Download bereit. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
Die von mir praktizierte feierliche Sorgenaktenvernichtung geht natürlich auch ganz ohne eigenen Shredder. Es ist ja mehr ein Mindset, dessen Kreativität und Form keinerlei Grenzen kennt: Hauptsache Zerstörung. Lediglich das Ausdrucken der PDFs muss irgendwie erledigt werden. Ich schlage spontan vor, dafür die Druck- und Kopiergeräte aus eurer aktuellen Anstellung ausgiebig zu nutzen. Eure privaten Sorgen im offiziellen Shredder des Arbeitsverhältnisses zu vernichten, würde ich jedoch – aus Gründen – eher nicht empfehlen.