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New York, Rio, Gelsenkirchen – Was wir von Zohran Mamdani lernen

Der Sieg von Zohran Mamdani war vielleicht kein Überraschungssieg, er fühlte sich dennoch an wie ein Rausch. Ein Rausch, der sich erst langsam legt: Auch eine Woche nach der Bürgermeisterwahl in New York (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ist die Freude im progressiven Lager weiterhin ungebrochen. Noch nie hatte eine lokale Wahl so eine immense politische Strahlkraft, nicht nur über die Stadtgrenzen New Yorks, sondern über die US-amerikanischen Landesgrenzen hinaus. In Zeiten des globalen Rechtsrucks wirkt es in der Tat wie ein Wunder, dass ein in den 1990er Jahren geborener Migrant die vielleicht berühmteste Stadt der Welt für sich gewinnt, mit einem dezidiert linksprogressivem Programm (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (Nahverkehr gratis, Kitas kostenlos, Mietendeckel – das alles finanziert durch höhere Steuern für Unternehmen und Reiche). Nachdem sich nun die erste Aufregung gelegt hat, möchte ich mir anschauen, was in New York passiert ist und was wir daraus lernen können.  

Zohran Mamdanis Sieg ist zunächst ebenso eine Niederlage, und zwar für Donald Trump. Zwar ist die Welt entgegen republikanischer Befürchtung nach dem Linksruck in NYC nicht untergegangen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dennoch: Der orange geschminkte Autokrat im Weißen Haus, der die US-amerikanische Demokratie seit Jahresbeginn durch Gleichschaltung und Gewalt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) radikal demontiert, steht für das genaue Gegenteil Mamdanis. Trumps Amerika, das heißt christlicher Ultranationalismus statt Multikulturalismus (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Politik für Superreiche statt Politik für einfache Bürger und Bürgerinnen, das Recht des Stärkeren statt Solidarität, Umverteilung von unten nach oben (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), Meerestierbuffets (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) für das reichste Prozent während gleichzeitig in Deutschland stationierte US-Soldaten, zeitweise shutdown-bedingt ohne Sold, die Tafel besuchen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) sollen. Die New Yorker Bürgermeisterwahl gibt insofern progressiven Kräften weltweit die Hoffnung zurück, dass Politik auch in Krisenzeiten nicht automatisch den Autokraten und Antidemokraten in die Hände fallen muss. Es geht auch anders – ob in New York, Rio oder Gelsenkirchen.

Was heißt das für uns?

Lust auf Zukunft

Ich denke, wir sollten vor allem drei Dinge aus Zohran Mamdanis New Yorker Erfolg lernen. Erstens: Zur Zukunft gehört der Mut zur Veränderung. Während Friedrich Merz und Teile seiner CDU mit ihrer „Probleme-im-Stadtbild“-Debatte den Eindruck erwecken, sie würden am liebsten in eine Zeitmaschine steigen und in jene Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts zurückreisen, in denen die Bundesrepublik vornehmlich nicht-migrantisch, weiß und christlich war, verkörpert der Aufstieg von Zohran Mamdani das exakte Gegenteil: Lust auf Zukunft, Mut zur Veränderung. Ein Gesellschaftsbild, das nicht am Bestehenden klammert (oder die Vergangenheit vergöttert), sondern das Mögliche möchte. Eben das, wofür wir Politiker und Politikerinnen eigentlich wählen – nämlich um die Gegenwart zu verbessern im Sinne einer Zukunft, in der idealerweise alle einen Platz haben (und nicht nur Reiche, Weiße, Christen etc.) und in der es sich zu leben lohnt (und in der man es sich zu leben leisten kann). Das Motto lautet: Utopie statt Retrotopie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Ein gemeinsamer Weg ins Morgen.

Der englische Politiker Harold MacMillan soll mal gesagt haben:

Die Vergangenheit ist ein Sprungbrett, kein Sofa.
(„The past must be a springboard, not a sofa”).

Damit verbunden ist gleichwohl das Aufstiegsversprechen, dass man auch als Mensch mit Migrationsgeschichte beruflich einiges werden kann. Anstatt migrantische Menschen zum Stadtbildproblem zu deklarieren, strahlt die New-York-Wahl aus: Egal, wo du oder deine Eltern herkommen, auch du kannst Bürgermeister werden! Auch du kannst einen vermeintlich übermächtigen Präsidenten herausfordern! Auch du kannst Menschen für dich gewinnen! (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Die Botschaft: Veränderung ist möglich. Du musst nur mitmachen wollen. Und wie wir sehen, wollen das einige.

Anhand der politischen Veränderungsbereitschaft werden sich die Streitfragen der Zukunft entscheiden. Oder, wie Robert Pausch auf ZEIT schreibt: „Die neuen Lager sind nicht links und rechts, sondern: Mut und Angst“.

https://www.zeit.de/politik/2025-11/rechtsruck-parteien-afd-angst-demokratie-zohran-mamdani/komplettansicht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Der Laden muss laufen

Zweitens zeigt der Mamdani-Sieg in New York: Wer gewählt werden will, muss den Menschen zeigen, wie er ihr Leben konkret verbessert. Viele der New Yorker Verbesserungsvorschläge lassen sich direkt oder indirekt auf Deutschland übertragen. Auch in Deutschland sind es u.a. eine marode Infrastruktur (Bus und Bahn, die teuer sind, nicht oder zu spät kommen) und Wohnungsnot, die Menschen in die Arme der Rechtspopulisten treiben. Auch in Berlin frisst die reine Existenz (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) das Portemonnaie auf. Wer den Eindruck hat, dass der Laden nicht mehr läuft, elementare Grundbedürfnisse ignoriert werden und die gesellschaftliche Lage sich von Monat zu Monat eher verschlechtert anstatt verbessert, ist ein gefundenes Fressen für Extremisten (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und ihre Sündenbockrhetorik (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Statt sich also in identitätspolitischen Debatten zu verrennen (auch die Stadtbilddebatte war vor allem konservative Identitätspolitik (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und populistisches Ablenkungsmanöver (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)), muss eine erfolgreiche, zukunftsfähige Politik jene Gerechtigkeitskonflikte adressieren, die sich im Alltag der Menschen zeigen. Und das sind Lebenserhaltungskosten, Bus und Bahn, mieten und wohnen. Niedrigschwellige Teilhabe und flächendeckende Selbstverwirklichung für möglichst viele von uns, nicht, wie bisher zu oft, Exklusivpolitik für möglichst wenige (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Mehr Rückgrat, weniger Opportunismus

Der dritte Schluss aus Mamdanis Wahlerfolg: Authentizität. Wer Menschen für sich gewinnen will, braucht nicht nur eine klare Botschaft; diese klare Botschaft – z.B. Mieten runter, Vermögenssteuer rauf – muss obendrein authentisch verkörpert werden, und zwar über einen längeren Zeitraum. Viele Bürger, ich inklusive, sind Politiker satt, die ihre politischen Botschaften schneller wechseln als ihre Socken. Ein Beispiel hierfür wäre Markus Söder, der mal Bäume umarmt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), dann wieder die Grünen verteufelt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre); der früher das Verbrenner-Aus forderte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und nun das Gegenteil (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (dasselbe mit dem Atomausstieg (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)). Fabian Köster von der heute-show hat Söder selbst auf schonungslose Weise mit seiner eigenen Widersprüchlichkeit konfrontiert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre):

https://www.zdf.de/play/shows/heute-show-104/heute-show-extra-vom-8-august-2025-100 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Und, na klar: Auch auf progressiver Seite gab und gibt es politischen Opportunismus. So verweist Robert Pausch in seinem Artikel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) darauf, wie Kamala Harris, vor lauter Torschlusspanik und nervösem Blick auf ihre Umfragewerte, noch eben schnell irgendwas mit Kryptowährungen und Marihuana versprach, um Wähler zu gewinnen. Funktioniert hat das natürlich nicht, weil es nicht wirklich glaubwürdig wirkte:

In outreach to Black men, Harris to vow to legalize weed, protect crypto"titelten daraufhin amerikanische News-Webseiten wie NPR. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) „Um Schwarze Männer zu erreichen, verspricht Harris, Gras zu legalisieren und Kryptowährungen zu schützen." Ja, so stand das da ernsthaft, in nüchtern-nachrichtlicher Sprache. Das alles war allerdings kein Fiebertraum, sondern echte Politik. Beziehungsweise: ängstlicher Opportunismus im Endstadium.

Fazit

Für die deutschen Landtagswahlen 2026 – und für die politische Kultur hierzulande insgesamt – wäre es aus meiner Sicht wünschenswert, dass auch deutsche Politikerinnen und Politiker sich an diesen drei Leitprinzipien orientieren.

Politik muss, will sie erfolgreich sein:

  1. Lust auf Zukunft machen

  2. Alltagsprobleme konkret lösen

  3. Prinzipien vertreten jenseits von Umfragewerten

Bewegt sich die Berufspolitik mehr in diese Richtung, agiert sie glaubwürdiger, weckt zugleich Hoffnung und macht Lust auf die Zukunft; und die repräsentative Demokratie gewinnt idealerweise Stück für Stück Vertrauen zurück und Resilienz hinzu. So, und vermutlich nur so, lassen sich die Rechtspopulisten, die Extremisten und die Antidemokraten in Wahlen besiegen (egal ob Trump oder AfD). Wer Prinzipien hat und Probleme löst, nimmt den Populisten ihre Grundlage. Oder, um es negativ zu sagen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre): „Je schlechter es Deutschland geht, desto besser für die AfD”.

Meinung

Wie seht ihr das? Was haltet ihr von Zohran Mamdani? Ganz allgemein: Was denkt ihr, wie progressive Kräfte in Zukunft Wahlen gewinnen können? Wie können wir Probleme lösen UND zugleich die Gesellschaft resistent und resilient machen gegen Angriffe von innen und außen? Schreibt es mir gern in die Kommentare, meldet euch bei mir per E-Mail oder kommentiert es auf Bluesky oder Threads. Ich bin, wie immer, gespannt auf eure Meinungen!

Tipps

 

Zum Abschluss noch ein paar Lektüre- und Hörtipps:

Tipp 1: Wer sich fragt, was wir aus der Stadtbilddebatte lernen sollten, dem sei nochmal meine Analyse mit den Kolleginnen von Wie Rechte reden (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ans Herz gelegt ⬇️

https://steady.page/de/janskudlarek/posts/e82651fd-a2dc-4703-a526-405083f6e043 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

 

Tipp 2: Darum, dass das Bedürfnis, aus der Geschichte zu lernen, nicht naiv ist, sondern, im Gegenteil, überlebenswichtig, geht es im neuen Sammelband der Historiker Philipp Ruch & Thomas Weber ⬇️

https://www.herder.de/geschichte-politik/shop/p4/93888-wenn-das-gestern-anklopft-klappenbroschur/ (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Tipp 3: Wer dafür gerade auf Buchlänge keine Zeit hat, dem sei dieser Podcast empfohlen, wo Philipp Ruch und Jonas Stephan über den Aufstieg der Nazis reden und besprechen, was wir daraus lernen können ⬇️

https://open.spotify.com/episode/1osIXdcc1lmscFCIigeNbk?si=98b6b9eaa7f3497c (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Tipp 4: Jonas Stephan dürften einige von euch schon kennen, er war zum 1. Mai bei mir im Podcast (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) zu Gast und es wurde ein gutes Gespräch (ebenfalls mit vielen Ratschlägen und Ideen, die auch ein halbes Jahr später noch aktuell sind):

https://steady.page/de/janskudlarek/posts/2323e6cf-9bee-491a-9239-9fae136897d6 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Tipp 5: Um die spannende Frage, ob Wandel Populismus fördert, geht es in dieser Folge von Lage der Nation ⬇️

https://open.spotify.com/episode/31LJ2H8qCCysY1Az2vb0cM?si=d450c0fe6e4c4e3d (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

 

Viele Grüße,

Jan

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