Liebe Leser:innen,
Heute machen wir mal einen kleinen Ausflug in die Welt der Techbros. Dort passiert ja mittlerweile derart viel Bedenkliches, dass man leicht den Überblick darüber verliert, wer gerade die krudesten Ideen ausbrütet und auf unsere Gesellschaft loslässt.* Weltherrschaftsansprüche, Abschaffung der Demokratie und das Ende von Wahlen - das Angebot der Techmänner ist reichhaltig. Im Folgenden nun soll der Fokus auf einem liegen, der ausschließlich dafür lebt, nicht zu sterben. Die Rede ist von Bryan Johnson.
Der Unternehmer und Investor fokussiert sich seit ein paar Jahren nur noch auf seinen Körper und ist damit berühmt geworden. Unter dem Namen “Project Blueprint” hat er sich voll und ganz einem Anti-Aging-Selbstversuch verschrieben, der beweisen soll, dass Sterben optional ist, oder wie er sagt: “Der Tod ist bloß ein technisches Problem, das sich lösen lässt”. In einer Art modernisierten Version des Benjamin Button tut Johnson alles dafür, sich zu verjüngen. Dazu zählen Bluttransfusionen, exzessives Tracking von Körperfunktionsdaten, regelmäßige Darmspiegelungen, die Einnahme von 100+ Pillen pro Tag und so weiter und so fort.
Johnsons Obsession endet allerdings nicht bei den aufwendigen (und äußerst fragwürdigen) Maßnahmen, die er an sich selbst setzt. Auch sein mitmenschliches Umfeld wird vermessen.
Partnerin im Schaufenster
“Ich hatte gerade Sex mit Kate”, schrieb der Techmillionär vor ein paar Wochen auf X und postete dazu jede Menge Trackingdaten über Prolaktinspiegel, Schlafverhalten und Dauer seines Geschlechtsverkehrs. Was seine Partnerin Kate Tolo von dieser öffentlichen Zurschaustellung ihres Intimlebens hielt oder ob sie zuvor eben dieser zugestimmt hatte, ist nicht bekannt. Aber wer kümmert sich schon um solche Kleinigkeiten, wenn es um die Offenbarung der vitalen Männlichkeit eines egomanischen Techbros vor einem Millionenpublikum geht.
Vor wenigen Tagen ließ Johnson dann wieder mit einem ähnlichen Posting aufhorchen. Diesmal ging es um “Oralsex mit Kate”. Johnson veröffentlichte Daten zur Vaginalflora seiner Partnerin und sprach von einem “100/100 Score” ihrer Mikrobiome. Es handle sich um das “Top 1 Prozent aller Vaginas”, schrieb er und verwies auf ihren - seiner Ansicht nach - außergewöhnlich fantastischen “L. crispatus”-Wert (ein Laktobazillus). Diesmal stieg auch Tolo selbst in die Debatte ein und versuchte zu beruhigen. Sie sei mit dem öffentlichen Posting durchaus einverstanden, ja sogar stolz darauf. Johnson legte noch ein paar Postings nach.

Druck auf Frauen
Was die beiden im Nachgang als Versuch der Aufklärung über Geschlechtskrankheiten zu framen versuchten, darf man jedoch als fadenscheiniges Eigenmarketing betrachten. Johnson will schließlich nicht nur niemals sterben, sondern bietet seinen Lifestyle auch als App an und verkauft Hunderte Produkte (Supplements, Haarpflege, Cremen, Olivenöl and what not) über seinen “Blueprint”-Shop.
Nun kann man das (wenn man will) mit wohlwollender Sicht auf den Kapitalismus noch als findiges Unternehmertum durchgehen lassen. Schlimmer ist allerdings wieder einmal, welcher Druck damit auf Frauen ausgeübt wird. Als kursierten nicht schon genug Klischees und Wunschvorstellungen auf Social Media, denen man als weibliche Person angeblich zu entsprechen habe, wird jetzt auch noch ein Rennen um die “beste Vaginalflora” eröffnet. Müssen sich Frauen nun fragen, ob sie auch zu dem “einen” Prozent gehören? Und im Vergleich zu wem und was überhaupt?
Unwissenschaftlich und rassistisch
Johnsons Behauptungen sind in diesem Fall (wie in den meisten anderen seiner Longevity-Exzesse) wissenschaftlich nicht haltbar oder zumindest unvollständig. Es ist grundsätzlich schon richtig, dass Laktobazillen zu einer gesunden Vaginalflora beitragen (können). Es gibt jedoch kein “Top 1 Prozent” und “mehr” bedeutet auch nicht gesünder oder normaler oder besser. Es gibt bei völlig gesunden Frauen zum Beispiel große Unterschiede je nach Ethnie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Es kann auch vorkommen, dass überhaupt keine Laktobazillen vorhanden sind, was tendenziell eher bei Schwarzen oder Hispanischen Bevölkerungsgruppen der Fall ist.
Frauen zu suggerieren, sie müssten sich optimieren oder mit ihren Geschlechtsorganen stimme etwas nicht, weil sie diesen und jenen Wert nicht vorweisen können, ist also einerseits misogyn und andererseits auch rassistisch. Hinzu kommt, dass ein hoher L. crispatus-Wert bzw. Supplementierung in dem Bereich sich negativ auf Spermien auswirken kann. Das bedeutet, Paare, die aufgrund der Spermienbeschaffenheit des Mannes ohnehin schon Probleme mit der Kinderzeugung haben, sollten darauf jedenfalls verzichten.
Die Hure
Psychische Belastungen durch Schönheits- und Selbstoptimierungswahn (online wie offline) betreffen Mädchen und junge Frauen ganz besonders stark. Aktuelle Daten aus Deutschland und aus Österreich zeigen, dass Frauenhass (im Netz) zuletzt weiter zugenommen hat Vor allem im rechtsradikalen Millieu findet zunehmend eine Vermischung mit Hass aus der Incelszene statt. Niemand braucht also den xten Techbro, der Bewertungen zu Frauenkörpern vornimmt und damit sein testosterongeladenes Publikum füttert.
Man konnte übrigens auch in dem konkreten Fall sehr gut beobachten, wohin sich der Hass kanalisiert. Den bekam nämlich vorwiegend Kate Tolo ab und nicht ihr Partner, der mit seinem Oralsex-Posting alles losgetreten hatte. Zwar wurde auch er mit Häme und Kritik bedacht, doch über seine Partnerin waren Beleidigungen ganz anderer Qualität zu lesen: Sie sei eine Hure, eine dreckige Schlampe. Witze über ihre Intimsphäre wurden gerissen und sie als Frau insgesamt auf sexualisierte Weise herabgesetzt.
Diese Art des Online-Hasses hat System. Es ist belegt, dass Frauen vor allem in Bezug auf ihr Geschlecht beschimpft und beleidigt - also in ihrem Frausein angegriffen werden. Eine vergleichbare Tonalität gibt es in Bezug auf Männer so nicht. Der Mann, egal welchen Unsinn er treibt, steigt nach einem Shitstorm sogar oft wieder als der “coole Typ” aus. Der Innovator. Der Guru. Der Bro. Übrig bleibt ein patriarchales Diktat, das Frauen und ihre Körper bewertet und als mangelhaft darstellt.
Lassen wir uns nicht von millionenschweren Blendern und Möchtegerns mit zu viel Tagesfreizeit einreden, wie wir zu sein haben. Und schon gar nicht, ob wir gesund sind oder nicht. Unsere Körper gehören immer noch uns.
In diesem Sinne, alles Liebe.
Wir verlassen uns auf die Wissenschaft!
*Dazu hier gerne der Verweis auf eine regelmäßige Kolumne (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die ich an anderer Stelle schreibe.