Falls du wie ich als Kind jede Naturdokumentation, die im linearen Fernsehen lief, aufgesaugt hast wie ein Schwamm, dann bist du vermutlich auch bestens informiert über die großen Tierwanderungen in der afrikanischen Savanne. Millionen Huftiere ziehen jedes Jahr kreisförmig durch das kenianische Naturschutzgebiet Masai Mara und die tansanische Serengeti. Sie folgen dabei dem Regen und dementsprechend der Nahrung. Auch in der Luft sind uns die großen Wanderungen der Zugvögel bekannt. In jedem Herbst sammeln sich riesige Schwärme vieler Vogelarten, um wie auf ein für uns lautloses Kommando in den Süden zu ziehen. Dort verbringen sie den Winter in milderem Klima während uns die Vögel aus Skandinavien für ihren Winterurlaub auswählen. Zum heutigen Meer-Montag widmen wir uns Wanderungen, die unter Wasser stattfinden. Denn auch hier gibt es sich widerholende Bewegungen verschiedener Tierarten, die an Jahreszeiten und das Nahrungsaufkommen gebunden sind.
Tatsächlich findet jeden Tag im Meer die größte regelmäßige Wanderung von Tieren statt. Jedoch ziehen die Lebewesen hier nicht vom Pol zum Äquator oder von einer Küste zur anderen. Es ist eine vertikale Wanderung, bei der unzählige Organismen, die wir unter dem Begriff Zooplankton beschreiben, nachts zur Wasseroberfläche aufsteigen, um pflanzliches Plankton zu fressen. Noch vor Sonnenaufgang lassen sie sich wieder absinken, um den Fressfeinden am Tag zu entgehen. Für den Nahrungskreislauf hat diese Wanderung eine große Bedeutung: die Meereslebewesen transportieren durch ihr Auf- und Absteigen Kohlenstoff von der Oberfläche in die Tiefe. Außerdem zieht das Zooplankton auch in der Nacht jede Menge Räuber mit sich nach oben. Auch Laternenfische, Kalmare und sogar Riesenmaulhaie vollziehen ähnliche Bewegungen in der Wassersäule. Die Leistung des Planktons ist hierbei enorm: manche tauchen aus 1000 Meter Tiefe auf und sind dabei kaum größer als ein Reiskorn. Spannend ist, dass einige Organismen ihre Wanderung nicht nur am zeitlichen Tagesverlauf ausrichten, sondern auch bei einem wolkigen Himmel oder Vollmond Teilwanderungen unternehmen.[1]

Andere Tiere unternehmen saisonale Wanderungen, bleiben also mehrere Wochen oder Monate in einer Region. Die meisten Blauwale halten sich im Sommer in kühlen und nährstoffreichen polaren Gebieten auf. Dort fressen sie so viel Krill, dass ihre Speckschicht unter der Haut wächst und ihnen als Reserven für die anstehende Reise dient. Im Spätherbst machen sich die bis zu 33 Meter langen Tiere auf den Weg in tropische Gewässer, wo die Weibchen ihre Jungen zur Welt bringen. Den genauen Weg der Wale kannst du auf einer interaktiven Karte anschauen, die ich dir unten verlinke. [2]
Blauwale sind wirklich erstaunlich und gehören zu den größten Tieren, die jemals auf der Erde gelebt haben. Ihr bis zu 20cm dicke Aorta transportiert ca. 7000 Liter Blut! Dass sich solch ein riesiges Lebewesen von solch winzig kleiner Nahrung satt wird, ist für mich nur schwer vorstellbar. Aber ihr großes Körpervolumen verliert weniger Wärme an die Umgebung und ihr stromlinienförmiger Körper ermöglicht eine sehr effiziente Fortbewegung ohne zu viel Energie zu verschwenden.

Auch von manchen Haien sind Wanderungen über weite Strecken bekannt. In jedem Jahr zwischen Februar und April ziehen tausende männliche Schwarzspitzenhaie entlang der Ostküste Floridas nach Norden, um sich mit den dort gebliebenen Weibchen zu paaren. Doch während früher Gruppen von bis zu 15.000 Tieren gemeinsam schwammen, werden es nun von Jahr zu Jahr weniger. Es wird vermutet, dass das am durch die Klimakrise verursachten wärmeren Wasser im Norden liegen könnte. Auch die Nahrung der Haie, die aus verschiedenen Fischarten besteht, verlagert sich immer weiter in den Norden. [3]
Doch wie können sich die Tiere im scheinbar unendlichen Blau überhaupt zurecht und ihren richtigen Weg finden?
Dafür gibt es viele verschiedene Möglichkeiten. Viele Tiere nutzen das Erdmagnetfeld. Sie haben besondere magnetithaltige Nervenzellen, die das Magnetfeld “lesen” und zur Navigation nutzen können. Eine Gruppe Forschender fand im Jahr 2020 heraus, dass Sonnenstürme, die hohe elektromagnetische Strahlung der Erde nahe bringen, die Wahrnehmung der Tiere stören und zum Beispiel zu Walstrandungen führen können. [4]
Doch auch der Hör-, Seh- und Geruchssinn helfen beim Finden der richtigen Richtung. Jede Bucht und jedes Riff klingen oder riechen anders und lassen die Tiere damit wissen, wo sie sich grad befinden. Zusätzlich können sie sich an Landmarken, wie z.B. Inseln oder Unterwasservulkanen orientieren. Deshalb sieht man dort manchmal große Ansammlungen verschiedenster Tierarten, die nacheinander vorbeiziehen. So ist zum Beispiel die Princess Alice Bank, ein Seeberg im Atlantik, ein beliebtes Ziel für Tauchende und Forschende. Denn hier lassen sich Haie, Wale und Rochen beobachten.
Wie immer, wenn wir über Meerestiere sprechen, ist vieles noch unerforscht. Es gibt noch so viel zu lernen und selbst, wenn ein paar Mysterien ungelöst bleiben, verhindern sie nicht unser Staunen darüber, wie man sich in einem scheinbar unendlichen Blau zurechtfinden kann.
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[1] Melissa M. Omand, Deborah K. Steinberg, Karen Stamieszkin, 2021, Cloud shadows drive vertical migrations of deep-dwelling marine life (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[2] Interaktive Karte zur Darstellung von Walwanderungen, Blue Corridor (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[3] National Geographic, Eric Niler, 2025, Immer mehr Haie setzen jährliche Wanderung aus (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
[4] Jesse Granger, Lucianne Walkowicz, Robert Fitak, Sönke Johnson, 2020, Gray whales strand more often on days with increased levels of atmospheric radio-frequency noise (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)