
Den Weg zu Universal Music kenne ich noch gut. Diesmal bin ich dort mit skuth verabredet, der eigentlich Niklas Skutta heißt. Wäre er heute nicht in Berlin, würde er seine Zeit vermutlich im Studio in Köln verbringen – oder in Amsterdam, denn dort ist seine neueste EP Panik entstanden. Darin erzählt er von Momenten, in denen das Herz zu laut schlägt und der Kopf nicht mehr hinterherkommt. Sechs Songs über große Gefühle und die Hoffnung, dass es irgendwie gut wird. Im April 2026 startet seine erste Tour: Alles wird skuth – ein großer Schritt nach einem spannenden Weg, über den ich heute mehr erfahren möchte.
Interview & Fotos Florian Saeling
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Du hast gerade einen Festivalsommer hinter dir. Deine erste Tour steht an. Wie geht‘s dir jetzt in der Zeit dazwischen?
Mir geht es blendend! Das ist das erste Mal, seit ich angefangen habe mit der Musik, dass ich einfach Zeit habe – und es tut mir gut. Ich mache gerade viel Musik im Studio. Wahrscheinlich arbeite ich sogar noch mehr als sonst, aber es fühlt sich freier an. Das ist ganz gut, mal durchatmen zu können. Es war ein wunderschöner Sommer, aber ich bin jetzt auch froh, wieder Zeit für das Schreiben und Produzieren zu haben.
An welchem Punkt im Leben hast du gemerkt, dass die Musik deine Welt und dein Weg ist?
Das war extrem früh. Wenn man wirklich ganz zurückgeht, hat das damit angefangen, dass ich Klavier gespielt habe. Da hatte das aber noch nichts mit einer Musikkarriere zu tun. Das ging dann erst los, als ich mit zwölf Jahren angefangen habe zu produzieren.
Damals hatte ich einen Kumpel, der das auch schon gemacht hat und mein Musiklehrer hatte damals FL Studio auf dem Rechner. Als der einmal zum Kopieren gegangen ist, meinte mein Kumpel so: „Guck mal, ich zeig dir das mal hier“ und dann konnte er damit kleine Beats programmieren. Das fand ich faszinierend und habe mir das zu Hause auch direkt heruntergeladen und angefangen, Musik zu machen. Ob man das damals Musik nennen konnte, weiß ich nicht, aber kleine Beats und kleine Liedchen, die dann auch immer ein bisschen besser wurden.
Mit 14 Jahren fing das auch an, dass diese ganzen DJs wie Hardwell, Martin Garrix und Avicii auf einmal so groß wurden. Da hat sich das so festgesetzt in meinem Kopf, dass ich das auch machen wollte.
Ich habe da extrem viel Zeit reingesteckt, weil es das Einzige war, was mir so richtig Spaß macht, was mich so richtig erfüllt hat. Das musste ich irgendwie machen.


Gab es dann einen Punkt, von dem du jetzt rückblickend sagst: Das war der Start von etwas Größerem?
Ja, also ich komme aus Nordhorn in der Nähe der niederländischen Grenze – und in Enschede in Holland gibt es jedes Jahr am 5. Mai zum Befreiungstag ein Gratisfestival. Da stand ich dann mit 14 und habe diese ganzen DJs gesehen. Das war, glaube ich, der erste Moment, in dem ich wusste, ich möchte nicht studieren gehen. Ich möchte Musik machen. Direkt danach bin ich nach Hause gefahren, habe meinen Laptop angeschmissen und Songs reproduziert, die ich da gehört habe. Nach drei Wochen ist daraus ein eigener Song entstanden und den habe ich dann auf YouTube veröffentlicht.
Zwei Jahre später war ich in Bulgarien im Urlaub. Dort lief in einem Club auf einmal dieser Song und mein Kumpel hat den
DJ gefragt, woher er den hat. Der sagte: „Habe ich auf YouTube gefunden“.
Da dachte ich: Okay, ich muss das wirklich machen. Das hat es noch mal bestätigt.
Wurde der Song auch generell viel gestreamt und in Club gespielt?
Nein, null. Also, der hatte auf YouTube vielleicht 1.000 Aufrufe, aber dieser DJ hat ihn gekannt und er meinte, er spielt den jeden Abend.
Verrückt – auch, dass du ausgerechnet in diesem Club warst und zu der Zeit dein Song lief, ohne, dass du davon wusstet. War das für dich das Zeichen, damit weiterzumachen?
Ja, ein Zeichen dafür, dass es auf jeden Fall kein Quatsch ist und vielleicht nicht nur eine Träumerei ist.
Wie hast du dann weitergemacht?
Ich habe weiter Musik produziert und auf YouTube hochgeladen. Das hat dann auch immer mehr mehr Anklang gefunden und irgendwann habe ich dadurch Anfragen bekommen, ob ich Songs für andere Künstler produzieren möchte und so ist es dann irgendwie gewachsen.
Dann habe ich mit 17 oder 18 gesehen, dass es eine Uni in Utrecht gibt, an der gerade alle studieren, die diesen Traum haben: Das war die Herman Brood Academie. Zu dem Zeitpunkt hatte auch Martin Garrix gerade angefangen dort zu studieren und ich dachte, ich muss da hin, wenn ich das wirklich machen möchte.
Meine Eltern waren nur schwer von meinem kleinen Musikprojekt zu überzeugen und meinten: „Mach was Vernünftiges“. Ich habe mich da trotzdem beworben und wurde abgelehnt. Dann habe ich in Bielefeld Mathe studiert – also „was Vernünftiges“.
Das Mathestudium war aber immer nur ein Alibi. Ich bin nicht so oft hingegangen, wie man es hätte machen sollen. Ich habe mich jedes Jahr weiter an dieser Uni in Utrecht beworben und irgendwann nach fünf Jahren wurde ich dann angenommen. Das war auf jeden Fall die richtigste Entscheidung meines Lebens. Und vielleicht auch die wichtigste.
Das klingt jetzt so einfach und für dich war das ja auch ganz klar, dass du Musik studieren willst. Aber die Entscheidung zu treffen mit dem Wissen, deine Eltern erwarten etwas anderes, das stelle ich mir schwierig vor.
Das war ultraschwer! Ich habe das jetzt so schön dargestellt, aber du hast recht: Es gab auch wirklich richtig, richtig schwierige Phasen. Ich hatte zwei Jahre keinen Kontakt mit meiner Mutter, weil ich so sehr nicht das wollte, was sie wollte. Inzwischen ist alles wieder richtig gut und besser als vorher, aber es war schon richtig schwer.
Ich denke, man muss es wirklich wollen und dann alles dafür geben. In den meisten Geschichten, die ich gehört habe, lohnt sich das so sehr.


Das finde ich total spannend. Falls du das im Detail erzählen möchtest: Wann hast du deinen Eltern von der Entscheidung erzählt und wie haben sie reagiert?
Ich habe immer auf diese Zusage von der Herman Brood Academie gewartet. Ich war also vier Jahre in Bielefeld eingeschrieben und hatte, glaube ich, zehn Bachelorpunkte. Aber ich war auf die finanzielle Unterstützung meiner Eltern angewiesen und habe eigentlich nur in Bielefeld gewohnt und in Clubs aufgelegt. Man hätte das bestimmt schicker lösen können, retrospektiv betrachtet, aber ich habe meine Eltern im Prinzip anlügen müssen. So hat es sich auch angefühlt.
Als ich die Zusage dann hatte, habe ich ihnen an Ostern gesagt, dass ich mich dafür entschieden habe, das Mathestudium abzubrechen und nach Amsterdam zu ziehen. Weil ich wusste, dass das nicht die frohe Kunde war, hatte ich mich darauf vorbereitet und ganz viele Erfolgsgeschichten von dieser Uni gesammelt. Meine Eltern sagten: „Dann mach das halt“.
Nach einem halben Jahr an der Uni wurde das alles handfester und ich war super glücklich. Das haben sie auch gemerkt. Dann war es okay und inzwischen sind sie sehr, sehr stolz.
Voll gut und das bestätigt auch meinen Gedanken: Eltern wollen immer, dass du glücklich bist. Aber jeder hat eben eine andere Vorstellung davon, welcher Weg zum Glück führt.
Einhundert Prozent. Ganz genau. Ich will meine Eltern und vor allem meine Mutter auch gar nicht so schlecht darstellen, wie es vorhin klang, als ich erzählt habe, dass wir zwischenzeitlich keinen Kontakt mehr hatten. Weil das hatte auch noch andere Gründe und es ist so, wie du sagst: Sie hat wirklich immer aus der Motivation heraus gehandelt, dass aus mir mal was wird. Und meine Mutter ist eine unglaublich liebevolle Mutter. Es gab diesen Konflikt nur, weil wir unterschiedliche Vorstellungen von meinem Weg hatten.
Und dein Vater – wie hat er reagiert?
Lockerer, weil er ist schon sein ganzes Berufsleben selbständig. Er war nur nicht davon begeistert, dass ich Musik machen möchte. Er hätte sich meinen Weg eher in der freien Wirtschaft vorgestellt und war deshalb begeistert, dass ich Mathe studiert hatte, weil er das auch studiert hat. Aber jetzt im Endeffekt findet er es auch gut, dass ich Musik mache.
Gab es auch Reaktionen in deinem sonstigen Umfeld, die dich überrascht haben – egal in welche Richtung?
Nein, die kommen jetzt langsam erst. Ich komme ja aus einer Kleinstadt, wo das überhaupt nicht der typische Weg ist. Es gibt einen vorgezeichneten Weg, den auch die meisten meiner Freunde gegangen sind:
Du machst eine Ausbildung oder ein Studium, dann gehst du in den Konzern und arbeitest dort bis 70, kaufst dir mit 25 ein Haus, mit 27 hast du Kinder und mit 28 einen Hund.
Das ist wirklich sehr auffällig. Also wirklich viele meiner Freunde und Bekanntschaften sind genau diesen Weg gegangen und wenige Leute sind überhaupt in die Großstadt gezogen oder generell raus aus Nordhorn. Aber meine Freunde sind super. Die haben nie gesagt „Mach das nicht“, aber überzeugt davon, dass so etwas klappen kann, war auch keiner.
Aber war für dich schon immer klar, dass dieser Weg, den deine Freunde gegangen sind, dich nicht zum Glück führen wird?
Ja, der hätte mich null glücklich gemacht. Aber jeder Mensch ist unterschiedlich. Letztens habe ich ein Interview gehört mit einem Fließbandarbeiter. Da dachte ich auch: Niemals könnte ich das. Aber dieser Typ hat so begeistert darüber geredet. Er baut seit 30 Jahren den Ford Fiesta und das macht ihm Spaß. Deswegen ist es so wichtig, dass man seine eigenen Erfahrungen macht und verschiedene Sachen ausprobiert. Weil nur, weil irgendjemand sagt „Das ist der geilste Job der Welt“ muss es für dich nicht auch der geilste Job der Welt sein.
Was hat dir das Musikstudium gegeben, was dir dein Mathestudium vorher nicht gegeben hat?
Gleichgesinnte. Ich denke, das ist zu 90% der Grund, weswegen das so toll war. Du bist mit 20 Leuten in der Klasse, die alle denselben Traum haben wie du. Du kriegst Bestätigung, aber auch die beste Kritik, weil alle Ahnung haben und für die Musik brennen. Chris Brown hat das auch mal gesagt:
Es ist so wichtig, dass du dich mit Leuten mit denselben Visionen umgibst, um voranzukommen. Ich glaube, Gemeinschaft ist generell das Wichtigste im Leben. Das war von Tag eins an cool.
Ich habe gelesen, du warst der erste Nicht-Niederländer an der Uni und hast sogar als Jahrgangsbester abgeschlossen.
Ja, das war so ein Kopf an Kopf Rennen!
Hat das etwas damit zu tun, dass du es dir dann so richtig beweisen wolltest?
Ich glaube schon. Auch der Gedanke „Jetzt zeige ich es allen“ spielt in meinem Leben eine große Rolle. Weil ich zu Hause in Nordhorn mit diesem Traum nie richtig ernstgenommen wurde. Ich glaube, das ist in Berlin anders. Und wenn du es anderen beweist, beweist du es dir selber ja auch.
Tief im Innern wusste ich immer: Das ist das Richtige, was ich hier mache.
Was hast du dann in deinen ersten Songs verarbeitet?
Viel unerfüllte Liebe. Das war ein zentrales Thema. Ich dachte eine ganze Zeit lang, ich wäre beziehungsunfähig. Das habe ich dann in Songs verarbeitet. Darüber konnte ich viel schreiben und das hat mir auf jeden Fall geholfen. Ich musste nicht viel nachdenken, was ich erzählen möchte, sondern habe einfach das erzählt, was mir passiert ist.
Und deine neueste EP heißt Panik. Was erzählen die Songs über dich?
Es geht um Kontrollverlust, indem man das Rationale beiseite legt und dem Emotionalen Platz gibt. Beim Wort Panik habe ich das Bild einer Menschenmenge im Kopf, in der alle emotional reagieren und nicht mehr daran denken, dass eigentlich eine geordnete Schlange Richtung Ausgang sinnvoll wäre.
Aber so ein Bild von Kontrollverlust kann ja auch etwas Gutes sein, wenn du sagst: Ich treffe keine Entscheidungen mehr, die nur rational Sinn ergeben, sondern die sich in dem Moment einfach richtig anfühlen.
Im April gehst du auf deine erste Tour. Was geht dir durch den Kopf, wenn du daran denkst?
Es fühlt sich surreal an! Ich dachte lange Zeit, ich bin gar nicht der Typ für die Bühne, weil ich habe mit Platzangst zu kämpfen und ich kann nicht in Clubs gehen oder auf Festivals.
Im Menschenmengen fühle ich mich extrem unwohl.
Auch schon, wenn im Aufzug fünf Leute sind, gehe ich lieber die Treppe. Das hatte ich dann so projiziert, dass ich auch kein Mensch für die Bühne bin. Aber letztes Jahr stand ich das erste Mal auf einer Bühne und das war das Allergeilste, was ich jemals gemacht habe! Es hat so Bock gemacht und ich bin dabei gewachsen.
Zu meinen Konzerten kommen jetzt auch immer mehr Menschen und als die Rede von einer eigenen Tour war, ist mir klar geworden: Da kommen dann nur Leute, die mich sehen wollen und im besten Fall können die auch alle mitsingen. Deswegen freue ich mich da extrem drauf! Wir gehen auch nach Nordhorn. Da ist‘s schon ausverkauft und das finde ich crazy. Ich freue ich mich einfach sehr drauf!
Was brauchst du, um deinen Traum leben zu können?
Ein paar mehr Streams und Leute, die auf die Tour kommen. Dann kann ich weitermachen. Ich brauche gar nicht so viel.
Das wünsche ich dir. Danke, skuth!

Alles wird skuth!
– Niklas Skutta aka. skuth
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