Dieser Text ist eine Antwort auf die Frage, die mir — und ungefähr allen Memoirist:innen auf diesem Planeten — wieder und wieder gestellt wird: Wie ist es, wenn so viel von dir selbst in der Öffentlichkeit ist? Ist das nicht total komisch?!
Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man meinen, Leute, die Memoir schreiben, sind totale Exhibitionist:innen. Man könnte denken: Das ist doch ein absolut verrückter Zustand, ganz allein an seinem stillen, abgeschiedenen Schreibtisch zu sitzen und die eigene Seele zu entblättern und dann sein intimstes Innenleben mit Millionen (hahaha, you wish!) Menschen zu teilen. Ist es vielleicht auch, keine Ahnung.
Die Memoiristin Leslie Jamison hat mal auf die Frage, wie sie eigentlich damit umgeht, so offen über ihr eigenes Leben zu schreiben, mal diese Metapher gemacht, an die ich seither ungefähr dreimal in der Woche denken muss. Sie sagte
Memoir schreiben ist, als ob du jemanden in dein Haus lässt, und dem alles zeigst, den Inhalt eines jeden Schrankes, jeder Schublade, den Dreck unter dem Teppich, und die Kellertreppe und was im Kühlschrank ist. Du zeigst alles. Aber nicht das obere Stockwerk. Die Person, die intensiv in deine Schränke geguckt hat, hat am Ende das Gefühl, sie hat alles gesehen. Aber da oben ist eine ganze Welt, von der sie keinen blassen Schimmer hat.
Lesungen Rausch und Klarheit
11/08 — Bad Aibling | Buchladen momo & frieda | 19:00
21/08 — Zwickau | Alois Fußballkneipe | 19:00
25/09 — Alsdorf | Stadtbücherei | 19:30
13/11 — Lübeck | Aktionstag Suchtberatung | Hansemuseum
Jamisons letztes Memoir, Splinters, die Geschichte ihrer Scheidung, scheint ein lückenloser Bericht zu sein, die Rezensent:innen sparen nicht mit dem Adjektiv schonungslos, es spart so wenig an erschreckenden Details über die Jamisons Trennung, dass ich beim Lesen ständig dachte: Wow, es ist erstaunlich, dass ihr Ex, der Schriftsteller Charles Bock, keinen blutigen Rachefeldzug gegen sie fährt. Denn er kommt echt nicht gut weg.
Wahrscheinlich liegt es daran, dass er selbst Autor ist. Er kennt das Game. Er hat selbst ein Buch über den Tod seiner ersten Frau geschrieben. Er weiß, wie wenig die Buchversion am Ende mit dem realen Leben zu tun hat. Und fühlt sich deswegen vermutlich nicht bedroht von den Fiktionalisierungen seiner Ex. Oder, wie Melissa Febos mal über ihre Frau geschrieben hat: »Als Schriftstellerin versteht sie, dass ein Unterschied in individuellen Wahrheiten nicht immer ein Konflikt ist. Solange wir nicht versuchen, füreinander zu sprechen, gibt es in unserem Haus Raum für mehr als eine Geschichte.«
Charles Bock hatte für das Buch nur eine Bitte an Leslie Jamison: Sein Kind aus erster Ehe sollte darin keine Rolle spielen, es sollte in dem Buch einfach nicht existieren. Und so ist es eine vollständige, und sich vor allem vollständig anfühlende Trennungsgeschichte, in der aber das Kind fehlt, das in der Realität natürlich eine Hauptrolle gespielt hat. Man könnte denken: Da müsste eine Lücke sein, man müsste doch spüren, dass da was fehlt. Und bei einer weniger begnadeten Autorin als Jamison wäre da wahrscheinlich auch eine Lücke. Aber nicht bei ihr. Sie hat das Kind sicher im ersten Stock untergebracht und auch keine Spielsachen im Erdgeschoss rumliegen lassen.
Und so halte ich es auch, oder ich versuche, es so zu halten mit meinen Lücken. Wenn Lesenden in meinen Texten nicht auffällt, dass etwas fehlt, dann liegt das daran, dass ich mein Handwerk gut gemacht habe. Und nicht daran, dass ich alles erzähle.
Hier ist eine Liste, mit Dingen, über die ich nicht schreibe: