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Amazon Prime in Venedig

Alles, tatsächlich alles schien sich in den letzten Tagen um die Mutter aller Hochzeiten zu drehen - über die auch ich in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) berichtet habe.

Der Venezianer an meiner Seite, der ja anders als ich nicht in Jahren, sondern in Jahrhunderten denkt, würde sofort dem zustimmen, was der italienische Politikwissenschaftler Fabio Tonello in Manifesto schrieb (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre): “In den letzten tausend Jahren hat Venedig die Genuesen (Krieg von Chioggia, 1379), die Exkommunikation durch den Papst (1309, 1509 und 1607) und die Pest (1347, 1575 und 1630) überstanden. Sie hat sowohl die österreichische Belagerung überlebt, die von einer Choleraepidemie begleitet war (1848-49) als auch die anschließende Besatzung. Sie hat sogar die systematische Korruption Berlusconis rund um Mose überstanden, das berühmte Flutsperrwerk, das sich in einen Futtertrog für Politiker verwandelte: Dutzende Millionen Euro für den Regionalpräsidenten des Veneto Giancarlo Galan und kleinere Figuren. Sie wird auch Bezos und seine Lakaien überleben, allen voran Bürgermeister Brugnaro. (…)

Es gibt nichts „Magisches” an Venedig (das am häufigsten missbrauchte Adjektiv, wenn über Venedig gesprochen oder geschrieben wird): Es ist einfach eine Stadt, die etwa zehn Jahrhunderte lang sehr reich, sehr gut regiert und sehr glücklich war. Von dieser Glanzzeit leben wir noch heute. (…) Wenn wir heute von Bezos, seiner Frau und seinen Handlangern überrannt werden, dann deshalb, weil die Romantik die Stadt unmittelbar nach dem Ende der Republik durch Napoleon (1797) erobert hat. Die von John Ruskin (Die Steine von Venedig, 1851) geleitete Pressestelle inspirierte Generationen von Künstlern, Schriftstellern und Intellektuellen, darunter Marcel Proust, Joseph Pennell, Thomas Mann und viele andere. Dann kam Hollywood mit kitschigen Filmen wie „Sommerzeit“ (1955), dem unerträglichen „Anonimo veneziano“ (1970) und dem obszönen „Casinò Royale“ (2006) (…)

Heute ist die Stadt eine Bühne für die Zurschaustellung der Macht des Geldes, aber was sie braucht, sind keine Oligarchen, die die Massen beeindrucken wollen, sondern die Fähigkeit, den Tourismus zu kontrollieren und zu besteuern. Eine wiedergewonnene Fähigkeit, mit Weitblick zu regieren, die Schwächsten zu schützen und die Lebensqualität in der Stadt zu verbessern. All das fehlt den lokalen Politikern natürlich.”

Und so wurden wir in den letzten Tagen von komisch angezogenen amerikanischen B+C-Promis …

diversen Riesen-Bannern …

ziemlich überforderten Gemeindepolizisten …

unzähligen Patrouillen auf Wassermotorrädern …

und sonstigem Irrsinn heimgesucht. Als die Promisause im Klostergang der Madonna dell’Orto begann, durften die Bewohner der umliegenden Häuser niemanden zu sich nach Hause nehmen, der dort nicht gemeldet war. Die Rennruderin Nena Almansi schrieb in ihrem Facebook-Post (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre): “Ich habe nichts gegen Hochzeiten, Beerdigungen und so. Ich bin aber der Meinung, dass die Freiheiten des einen durch die des anderen begrenzt sind. Wenn ich mit einer Bewohnerin von Madonna dell'Orto zu ihr nach Hause gehen will, darf ich nicht mit, weil ich nicht dort wohne. Man muss einen Wohnsitznachweis vorlegen, um sich als Bewohner von Venedig auszuweisen, ich habe aber nur einen Führerschein und einen Reisepass, da steht keine Adresse drauf, also könnte ich nicht mit, selbst wenn ich dort wohnen würde. Ich frage den Unteroffizier der Carabinieri (etwa zwanzig patrouillieren in der Gasse, dazu noch Staatspolizei und die Gemeindepolizei), ob es meiner Freundin den ganzen Abend lang verboten ist, zu sich nach Hause einzuladen, wen sie will, und er antwortet mir mit: Ja. Ich weise darauf hin, dass das ein Verstoß gegen die Verfassung ist, und der Carabiniere schaut mich an, als wollte er sagen: „Was soll ich denn da machen?“. Also gehe ich nach Hause. (…)

Es gab eine Anordnung, die Kanäle in der Gegend der Madonna dell’Orto ab 18 Uhr zu sperren, aber sie sind schon seit 16 Uhr gesperrt. (…) Ein Generator an Bord eines Motorboots läuft seit gestern nonstop, mit verschiedenen Kabeln, die zur location führen, bevor die Kabel verlegt wurden, musste die Gemeindepolizei überall klingeln, um den Anwohnern zu sagen, dass sie sich nicht in den Kabeln verheddern sollen, wenn sie ihr Haus verlassen. (…) Ich meine: Wenn die Verfassung mir sagt, dass ich aus Sicherheitsgründen daran gehindert werden kann, mich frei zu bewegen, dann hoffe ich doch, dass es um die öffentliche Sicherheit geht und nicht um eine private. (…)

Bezos geht's gut, er ist Milliardär, er zieht eine Million aus der Tasche, um die Protestierenden zum Schweigen zu bringen (das ist wohl der Preis für einen Tag Miete der location), und gut ist's. Aber verdammt noch mal. Eine gute Stadtverwaltung würde helfen, all diesen Rummel zu vermeiden: Sie hätte eine Liste der städtischen Restaurierungsarbeiten und die dafür benötigten Mittel übergeben: Ausgrabung von Kanälen, Konsolidierung der Fundamente, Restaurierung von Gebäuden - benutze sie als deine Hochzeitsliste.

Zumindest wäre ich weniger sauer nach Hause gegangen, wenn ich gedacht hätte, dass meine Rechte zwar vom Geld übertrumpft wurden, aber wenigstens die Abtei da hinten auf Kosten des Oligarchen restauriert und der Kanal ausgegraben wird.”

Die Gasse von San Gregorio, wo die Gondelfähre nach Santa Maria del Giglio führt, war ungefähr von sechzig Fotografen verstopft, die alle ein Bild von den B+C-Promis machen wollten, wenn die das gegenüberliegende Hotel Gritti verließen. Weil es sehr heiß war, ließ Bezos den Fotografen per Boot ein paar Tüten Speiseeis bringen. Da soll noch einer sagen, Bezos hätte kein Herz.

In diesem Sinne grüßt Sie herzlichst, Ihre Petra Reski

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