Echt jetzt. Kaum kündigt man an, dass Reskis Republik nur noch alle zwei Wochen erscheint, passiert wieder was.
„Ihr habt die Mafia, wir haben die CSU“, sagte der bayerische Ministerpräsident Söder bei dem Empfang im italienischen Generalkonsulat, so berichtet von der Süddeutschen Zeitung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Echter Schenkelklopfer. Ja klar, denn Spaß muss sein! Besonders, wenn es um die Mafia geht. Was kann man dem italienischen Generalkonsul denn auch anderes sagen, beim „Countdown zum Wiesnstart“?
Italienern würde eine Menge einfallen. Nicht nur die Ermordung der beiden Antimafia-Staatsanwälte Giovanni Falcone und Paolo Borsellino, nicht nur das Mafia-Attentat 2007 in Duisburg, das die Deutschen kurz aus ihrem langjährigen Schlaf aufschreckte. Die plötzlich damit konfrontiert wurden, dass die Mafia ihre blendenden Geschäfte seit den 1960er Jahren in Deutschland macht, als sie im Gefolge der Gastarbeiter nach Deutschland kam und sich zuerst in den industriellen Zentren ansiedelte: im Ruhrgebiet, in Baden-Württemberg, in Bayern.
Auch Eureka (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) wäre erwähnenswert, eine der letzten großen Antimafia-Operationen der italienischen Ermittler gegen die ‘Ndrangheta in Europa. Im Mai 2023 wurden Haftbefehle gegen etliche Mafiosi ausgestellt, die in Bayern – und speziell in München – ihre Geschäfte betrieben. Alle Verhafteten gehören im Wesentlichen zu den zwei großen ‘Ndrangheta-Clans aus San Luca und Africo, den tonangebenden Mafiagruppierungen in Deutschland, die seit Jahrzehnten auch in München angesiedelt sind. Einer der Verhafteten war mein Kläger (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Ein anderer betrieb seit 2005 in München Autowaschanlagen in Einkaufszentren – könnte für Söder auch so ein Schenkelklopfer sein: Ein Mafioso wäscht Geld in einer Autowaschanlage, haha.
Gleichwohl konnte selbst bei Eureka keineswegs von einem gewichtigen „Schlag gegen die Mafia“ (in Deutschland) gesprochen werden. Nicht weil die deutschen Ermittler zu lasch wären, nein. Das Problem sind die fehlenden Gesetze. Offenbar betrachten viele deutsche Politiker die Investitionen der Mafia immer noch als ein Konjunkturankurbelungsprogramm: Geld stinkt nicht.
In der Regel werden Mafiosi in Deutschland nur festgenommen, wenn man ihnen ganz konkret den Handel mit Drogen nachweisen kann. In Italien reicht schon die Zugehörigkeit zu einem Clan. Auch Geldwäsche kann in Italien leichter nachgewiesen werden: Die Beweislast, dass es sich um sauberes Geld handelt, liegt in Deutschland bei den Behörden – in Italien beim Investor. (Und um in Deutschland den Ursprung der Finanzen überhaupt ermitteln zu können, muss ein “begründeter Anfangsverdacht” vorliegen, etwa Ermittlungen wegen möglicher anderer Verbrechen.) Die Mafia investiert seit Jahrzehnten schmutzige Millionen in deutsche Immobilien, Firmen und Energieanlagen, um am Ende saubere, legale Gewinne einzustreichen. Und sie verfügt über ganz andere finanzielle Mittel um Konkurrenten ausstechen. All das sagte ich in einem Interview in der Abendzeitung (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Wogegen das bayerische Innenministerium pflichtgemäß protestiert hat - wohl weil ich die Behauptung des bayerischen Innenministers kritisiert hatte: Nach den Verhaftungen von Eureka hatte er - ernsthaft - behauptet, dass Bayern ein Ruheraum sei für die Ndrangheta. „So etwas zu behaupten – nachdem die Mafia seit 60 Jahren in Deutschland aktiv und aktenkundig ist … Ich würde sagen, er ist am falschen Platz“, sagte ich. Was wohl auch für den ach so witzigen Ministerpräsidenten gilt.
Zumal die Mafia in München ja nicht nur ein Schenkelklopfer für Söder ist – sie ist ja auch, wie bereits in Reskis Republik (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) berichtet, ein Partyhit.
Und ja, wenn die Mafiaverharmlosung vom Ministerpräsidenten selbstbetrieben wird, kann sich die Mafia bei ihm nur bedanken.
In Italien ist gerade auf La 7 eine Sendereihe mit dem Titel “Lezioni di Mafia” angelaufen: Der kalabrische Staatsanwalt Nicola Gratteri (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), der auch die Ermittlungen rund um das Duisburger Mafia-Massaker leitete, erklärt jungen Studenten der Universität Rom, was Mafia überhaupt bedeutet.
Die Sendung dauerte unfassbare zwei Stunden (!) - zwei Stunden lang wurde die Mafia und ihre Helfershelfer erklärt (die Unterstützung durch Politik und Wirtschaft wurde nicht ausgespart) und die Zuschauer blieben dran. Warum? Weil Gratteri authentisch ist - als jemand, der an das glaubt, was er sagt und das auch durchsetzt.
In Deutschland wo immer noch unvorstellbare Wissenslücken herrschen, was die Mafia betrifft, wäre eine solche Sendung sicher auch sehr bereichernd.
https://www.la7.it/lezioni-di-mafie/rivedila7/lezioni-di-mafie-18-09-2025-610929 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Überhaupt Aufklärung. Da haben wir gegenwärtig ja ohnehin ein Defizit. Gestern hat Claudius Seidl in der Süddeutschen Zeitung sehr schön erklärt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), warum Donald Trump so schwer zu widerlegen ist: Einem zu widersprechen, dessen intellektuelles Niveau sich auf dem eines Fünfjährigen bewegt, und der dessen ungeachtet (oder gerade deshalb) von einer Mehrheit gewählt und unterstützt wird, ist eine Herausforderung. Das wusste schon Ludwig Wittgenstein, der forderte: „Steige immer von den kahlen Höhen der Gescheitheit in die grünenden Täler der Dummheit.“
In Amerika wird ein Trump-kritischer Moderator nach dem anderen abgesetzt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Das will ich auch, mag sich unser venezianischer Mini-Trump gesagt haben. Und so kam es mal wieder zu Ausfällen gegenüber Journalisten.
In diesem Fall löste eine Nachfrage auf einer Pressekonferenz rund um die Schließung (und der damit verbundenen Kündigung der fünfzig Angestellten) des 4-Sterne-Hotels Venezia Laguna Palace - einem Prestigeobjekt in Mestre - den Wutanfall des Bürgermeisters aus: “Ihr seid der Bodensatz der Stadt”, brüllte er und tönte: „Seit dem Sommer greift ihr uns an“, “Ihr gebt anonymen Briefen eine Stimme“.
Anwesend waren die Kollegen der beiden venezianischen Lokalzeitungen Gazzettino di Venezia und der Nuova di Venezia. Die von Brugnaro bereits als “Abschaum Italiens” verhöhnte Investigativsendung Report und die Präsidenten der italienischen Journalistenvereinigung erklärten sich mit den venezianischen Kollegen solidarisch.
Fun Fact: Uns wunderte der Angriff Brugnaros auf den Gazzettino etwas, gilt die Zeitung doch als Lautsprecher des Bürgermeisters. Die Redaktion des Gazzettino war denn auch gleich mit einer Erklärung zum Kotau bereit (“Dass Mestre sich in vielerlei Hinsicht verbessert hat, ist unbestreitbar, dass es noch zahlreiche Probleme gibt, ebenso.”)
Wenn sich der Zustand von Mestre - wo an nahezu jeder Straßenecke ein Drogenhändler lauert und sich nachts keiner mehr auf die Straße traut, weil Einbrüche und Überfälle die Regel sind - verbessert haben sollte, dann wollen wir uns einen verschlechterten Zustand von Mestre gar nicht erst vorstellen.
Aber es ist schön zu sehen, wie nun auch der Gazzettino die Pressefreiheit verteidigen will: “Die Aufgabe der Presse, auch im Interesse der Stadtverwaltung, ist, Probleme aufzudecken, Hinweise zu sammeln, sie zu vertiefen und zu überprüfen. Nicht, sie zu vertuschen oder zu verbergen.” In diesem Sinne können wir uns nur wünschen, dass unser Mini-Trump weiter wütet.
Sie werden es gemerkt haben: Die Zwei-Wochen-Regel lässt sich nicht durchhalten, denn dann müsste ich zu viel schreiben. Und eigentlich soll die Würze eines Newsletters ja in der Kürze liegen.

In diesem Sinne grüßt Sie herzlichst aus Venedig, Ihre Petra Reski
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