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Jeder Tag ein Frauentag!

Gestern war mein Glückstag. Denn: ICH! HABE! DEN! DELFIN! GESEHEN! Beweisfoto hier:

und hier:

Der Delfin hält sich weiterhin vorzugsweise vor der Salutespitze auf, alternativ macht er eine Runde im Giudecca-Kanal. Ich habe natürlich immer Angst um ihn, wie alle hier, denn der Anblick eines Delfins im von Lastkähnen, Wassertaxis, Vaporetti und Autofähren durchpflügten Markusbeckens ist immer so wie der einer Katze auf einer Umgehungsstraße. Wobei: Da fahren ja alle immerhin in eine Richtung, hier kreiselt alles durcheinander.

Glückstag auch deshalb, weil ich unterwegs war zur Insel Le Vignole (Plural, weil das eigentlich zwei Inseln sind), denn da ist die Trattoria wieder geöffnet - für uns Venezianer der letzte Rückzugsort. Und der war seit der Pandemie geschlossen, wir haben nicht mehr damit gerechnet, dass sie je wieder eröffnen würden. Natürlich wurde die Trattoria gestern überrannt (angelegt wurde nicht nur in Zweier- sondern auch in Dreierreihen), weil wir alle so glücklich waren, endlich wieder einen Ort zu haben, wo wir mit dem Boot anlegen können: Wie Sie vielleicht wissen, wurden fast alle Inseln der Lagune privatisiert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und verkauft, wogegen wir von der Bürgerliste Terra e Acqua seit Jahren kämpfen. Und als da in dem Gewimmel plötzlich ein Stadtrat auftauchte (remember: Bürgermeisterwahl steht vor der Tür), genauer Sebastiano Costalonga, venezianischer Stadtrat für Handel, Vertreter der Lega, blieb mir, als Kandidatin der Bürgerliste Terra e Acqua, (im Wahlkampf 2020 erreichten wir im ersten Anlauf gleich 10 Prozent der Stimmen in Venedig (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), auf dem Festland weniger, was sich immerhin auf insgesamt vier Prozent summierte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), weshalb Marco Gasparinetti in den Stadtrat einzog) nichts anderes übrig, als kurz auf unsere Präsenz aufmerksam zu machen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Der venezianische Stadtrat für Handel fiel zuletzt unangenehm auf, als er sich mit dem in Italien legendären, inzwischen vom Dienst suspendierten "Ex-General" und Europarlamentarier Roberto Vannacci zeigte, der sich für seinen politischen Aufstieg durch Aufstachelung zum Rassenhass, homophobe Aussagen und, laut Verteidigungsministerium, „mangelndes Verantwortungsbewusstsein und Schädigung des Grundsatzes der Neutralität" qualifiziert hat. All das nachzulesen in seinem Bestseller “Verdrehte Welt. Eine Bestandsaufnahme” - die deutsche Übersetzung wird von dem Rechtsextremisten Götz Kubitschek verlegt. Kaum war Vannacci ins Europaparlament gewählt, trat er aus der Lega aus und gründete seine eigene Partei: Futuro nazionale (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), für alle, denen Melonis Brüder Italiens noch nicht rechts genug sind.

Dies nur, um zu erklären, wes’ Geistes Kind die Spitzen der Gesellschaft sind, mit dem sich der venezianische Stadtrat für Handel gemein macht.

Marco Gasparinetti hat übrigens soeben eine Verleumdungsklage gewonnen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die der Transportunternehmer, Bürgermeisterfreund und Eigentümer von Alilaguna (remember: Bindfäden am Steuerhebel (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)) Fabio Sacco gegen ihn eingereicht hat. Es handelt sich dabei um eine klassische Einschüchterungsklage, vulgo Slapp (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), weil Gasparinetti auf die Interessenkonflikte (schönes Wort) des Unternehmers aufmerksam gemacht hat, der dank seiner Freundschaft mit dem Bürgermeister - und der damit verbundenen Unterstützung für den bürgermeistereigenen Baskettballcub, der Nutzung der bürgermeistereigenen Leiharbeiter-Firma und der bürgermeistereigenen Scuola della Misericordia in den Genuss etlicher bürgermeistereigener Erleichterungen kam, darunter das Monopol für die Wasserverbindung zum Flughafen.

Gasparinettis Aussagen über Alilaguna spa, die im Dossier „Scarseando a Venezia” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), das am 21. Oktober 2021 veröffentlicht wurden, seien keine Verleumdung, sondern das legitime Recht auf Kritik, stellte das Gericht fest. Im Gegenteil, Alilaguna muss auch die Prozesskosten (ca. 15.000 Euro) erstatten. So viel zur Meinungsfreiheit. In Italien. In Deutschland wäre das Urteil vermutlich anders ausgegangen.

Und da fällt mir natürlich zwanghaft sofort unser oberster Kulturpolizist ein, Kulturstaatsminister Weimer, der soeben die Streichung dreier Buchhandlungen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) aus der Liste der Kandidaten für den Deutschen Buchhandlungspreis beschlossen hat, über die der Herausgeber der FAZ Jürgen Kaube richtig schrieb (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre): „Nach dem törichten Vorgehen im Fall der Berlinale und ihrer Chefin, als Weimer um die politische Ohrfeige, die er am Ende erhielt, nachgerade zu betteln schien, ist das binnen Kurzem der zweite Unfall seiner Amtsführung im Bezirk der Meinungsfreiheit. Deren Weite liegt ihm angeblich am Herzen. Er scheint aber keinen Begriff von ihr zu haben und zerschlägt deshalb fortlaufend Porzellan. Es ist nicht die Weltkugel, die schwankt, und nicht die Verfassungstreue der Buchhändler, sondern die Gesinnung des Ministers.“

Die Meinungsfreiheit gilt auch für unbequeme oder kontroverse Meinungen, sagte einer der Anwälte der inkriminierten Buchhandlungen zu Recht - und ja, es sei denkbar, dass die bloße Kritik an der Regierung reichte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), um als auffällig zu gelten.

Erinnert mich an meine Schulzeit und den damals allüberall schnüffelnden Verfassungsschutz. Ich hatte einen Erdkundelehrer, der manchen Studiendirektoren als zu links, damit als verfassungsfeindlich gesinnt und dank des Radikalenerlasses (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) als möglicher Kandidat für ein Berufsverbot betrachtet wurde. Thema meiner mündlichen Abiturprüfung war der Putsch in Chile (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), was ich superspannend fand, als Tochter eines unter Tage verunglückten Bergmanns interessierte mich besonders die Verstaatlichung der Kupferminen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Danach wurde ich vernommen. Meine Abiturprüfung (die ich mit der Note eins bestand), galt als “Verdachtsfall”.

Heute ist ja der Tag der Frau. Ähem. Ich brauche keinen Tag der Frau, bin schließlich keine aussterbende Art. Für mich ist jeder Tag ein Frauentag!

In diesem Sinne grüßt Sie herzlich aus Venedig Ihre Petra Reski!

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