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Über Wut und Nüchternheit

In der Süddeutschen las ich, dass die last-chance-Wut unter den Reisenden grassiert, also dass man in Zeiten des Klimawandels schnell noch zu Gletschern und Korallenriffen reist (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), bevor es zu spät ist. Man muss kein Umweltexperte sein, um zu wissen, dass die Logik dahinter nicht nur zerstörerisch, sondern auch dämlich ist. Genau von dieser Logik werden seit Jahrhunderten übrigens auch viele (nein, nicht alle) Besucher von Venedig getrieben, die Venedig sehen wollen, bevor es untergeht. Nun, wie in diesen Tagen zu beobachten, müssen wir darauf nicht mehr allzu lange warten: So kam es in den letzten zwei Wochen zu 28 ungewöhnlichen Hochwassern in nur zwei Wochen - in denen der Gezeitenstand “normalerweise” so extrem niedrig ist, dass manche Kanäle gar kein Wasser führen. Indes sah es jetzt während des Karnevals auf dem Markusplatz so aus:

Wie jetzt?, hieß es, warum steht hier das Wasser, wenn dagegen doch Milliarden für den Bau der berühmten MOSE-Schleuse ausgegeben wurden?

Tatsache ist, dass MOSE das Hochwasser am Markusplatz nicht bekämpfen kann, weil das hier die niedrigste Stelle in ganz Venedig ist: Schon bei einem niedrigen Gezeitenstand, bei dem MOSE gar nicht eingesetzt wird, steht der Markusplatz unter Wasser, weshalb unter ihm ein System von Ventilen installiert wurde, das ihn trocken halten soll - und das jetzt noch nicht funktionierte, weil das ungewöhnliche Hochwasser das Ventilsystem blockierte. Ähem. Kurz: Wenn nicht wirklich wirksame Maßnahmen ergriffen werden (Fundamente erhöhen, keine weiteren Kanäle ausbaggern, sondern viel mehr auffüllen, den Hafen am besten schließen, was angesichts der dahinter stehenden Interessen natürlich nicht geschehen wird), wird Venedig nicht nur vom immer höher steigenden Meeresspiegel überflutet, sondern auch vom Salz im Mauerwerk aufgefressen.

So viele deutsche Medien hatten sich die Mühe gemacht, Meloni schönzuschreiben, "ja Faschistin, aber nicht so schlimm", Merz hatte schon die dicke Freundschaft beschworen und kaum spricht er mal ein paar klare Worte zu Trump&Kumpanen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (»Der Kulturkampf der MAGA-Bewegung ist nicht unserer«), fällt ihm Meloni in den Rücken: Ob sie denn in Bezug auf Maga mit Merz einer Meinung sei: "Nein, ich denke gewiss nicht! (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)", antwortete Meloni entschieden und fügte hinzu, dass es sich bei Merz' Urteilen über Maga "um die politische Meinung von Parteien" handle. Mit Europa habe das wenig zu tun. Sie bleibt sich und Trump eben immer treu - was man auch daran sehen konnte, dass Italien jetzt eine “Beobachterrolle” in Trumps “Friedensrat” einnimmt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Dem armen Tajani, Italiens Außenminister, wurde in Washington bei diesem Treffen diverser Autokraten eine rote MAGA-Kappe in die Hand gedrückt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die er verschämt zu verbergen versuchte.

Angesichts des weltweit grassierenden Irrsinns war mir mein Besuch im nüchternen Ruhrgebiet mal wieder ein Trost. Ich habe die bewegende Trauerfeier für das Grubenunglück von Grimberg in Bergkamen besucht, wo vor 80 Jahren, am 20.Februar 1946 auf der Zeche Grimberg in Bergkamen 405 Bergmänner ums Leben kamen.

Es ist das größte Grubenunglück in Deutschland. 350 Leichen konnten nie geborgen werden, 283 Frauen verloren ihre Männer, 483 Kinder ihre Väter.

Mein Onkel war noch ein Kind und stand im Garten in Kamen, als er die Explosion hörte und eine kilometerweit entfernte Stichflamme in den Himmel schießen sah.

Ursache für das Grubenunglück war eine Schlagwetterexplosion, vor allem aber die Tatsache, dass die britischen Verwalter, die 1946 Kontrolle über die Zeche hatten, die Erfüllung der Produktionsziele über die Sicherheit der Bergleute stellten.

Besonders berührt hat mich das Schicksal von Hans-Peter Mause, der heute 80 Jahre alt ist und kurz nach dem Unglück auf die Welt kam, bei dem sein Vater ums Leben gekommen ist.

Auch er wurde später Bergmann - verlor bei einem Unfall mit nur 17 Jahren seinen rechten Arm, nicht aber seinen Lebenswillen: Er begann ein Studium, wurde Betriebswirt und schließlich ein engagierter Betriebsratsvorsitzender bei der Bergbau AG.

Es sind Tage wie dieser, an dem ich auch an meinen Vater denke, der 1960 auf der benachbarten Zeche Monopol als Bergmann unter Tage ums Leben kam. Wir alle hier in Deutschland stehen auf den Schultern dieser Männer und Frauen, die einst den Wohlstand Deutschlands begründeten.

In diesem Zusammenhang möchte ich Ihnen auch diese “Ode an den Westen” (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ans Herz legen, die gestern in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht wurde.

Vom Weg zurück nach Venedig grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski

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