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Über Hahnenkämpfe und Spezialoperationen

Wie sich doch die Zeiten ändern - in unserer Küche hängt immer noch ein Ausstellungsplakat der Biennale 1993: The Red Pavillon (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)des russisch-ukrainischen Künstlers Ilja Kabakow (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Ich hatte mir das Plakat damals gekauft, weil mich die Ironie dieser Installation so begeistert hatte: Kabakow hatte seinen “Red Pavillon” wie einen lächerlichen Pappkameraden außerhalb des eigentlichen Pavillons aufgestellt - und damit die Luft aus der pompösen Ästhetik des Sowjetregimes gelassen.

Etwas anderes wäre von dem Dissidenten Kabakow, der die Sowjetunion in seinen Werken stets parodiert hatte und seit 1988 im Exil lebte, auch nicht zu erwarten gewesen.

Heute aber rühmt sich der Leiter der Biennale, Pietrangelo Buttafuoco (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), die Freiheit der Kunst zu retten - dank der Teilnahme Russlands an der Biennale, vertreten durch handverlesene Kreml-Künstler: Kuratiert wird der russische Pavillon von der Tochter eines ehemaligen Generals des russischen Geheimdienstes, die mit der Tochter von Außenminister Sergej Lawrow zusammenarbeitet.

Russlands Pavillon stand seit Beginn des Ukraine-Kriegs leer - weil es die russischen Künstler und der Kurator waren, die 2022 großen Mut bewiesen, als sie sich aus Protest gegen Putins Angriffskrieg von der Biennale zurückgezogen haben. 2024 vermietete Russland seinen Pavillon an Bolivien.

Jetzt aber, wo sich der Wind in der Welt gedreht hat, fand Buttafuoco (Nomen est Omen: Buttafuoco heißt so viel wie Feuerspucker), dass der Moment gekommen sei, die Teilnahme Russlands als Zeugnis für die Freiheit der Kunst zu preisen. Dagegen protestierte Kulturminister Alessandro Giuli (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) und blieb der Einweihung des mit (EU-Geldern) restaurierten Zentralpavillons fern.

Nun ist es so, dass eigentlich jedes Land, das einen Pavillon auf dem Biennale-Gelände betreibt, selbst darüber bestimmen kann, wer darin was präsentiert. Weshalb viele Kunstfreunde im russischen Pavillon schon vor dem Ukraine-Krieg nichts als eine Art Pravda sahen. Die Frage ist jetzt nur, wie die jetzige, von einem Moskauer Oligarchen gesponserte Teilnahme Russlands mit den Sanktionen gegen Russland zu vereinbaren ist.

Im Grunde verbirgt sich hinter Russlands Teilnahme, dem vom Leiter der Biennale gerühmten Bekenntnis zu Freiheit der Kunst und der Ablehnung durch den Kulturminister nichts als ein Hahnenkampf zwischen zwei Männern mit großem Hang zur Selbstdarstellung. Beide sehen sich als Vertreter der reinen rechten Lehre, wobei der eine intellektueller wirken möchte als der andere: Zwei rechte Dandys, der eine mit Fliege, der andere mit spiritueller Erleuchtung (Buttafuoco ist zum Islam übergetreten, weshalb er, wie die venezianischen Zeitungen ausführlich berichteten, das opulente Mahl nach der Einweihung des Zentralpavillons wegen des Ramadans verschmähte). Beide möchten als eine Art Gabriele D’Annunzio (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)daherkommen, dem Schriftsteller und Spiritus Rector des Faschismus. Und Putin reibt sich mit seiner “Spezialoperation” Biennale die Hände.

Natürlich hat niemand etwas gegen russische Künstler, die sich dem Putin-Regime nicht beugen – nur sind sie entweder tot, im Gefängnis oder im Ausland. Und wer behauptet, Putins Regime sei mit dem anderer, auf der Biennale vertretenen Ländern vergleichbar, hat die letzten Jahrzehnte unter einem Stein verbracht: Es gibt einen kleinen Unterschied zwischen Russland, einer seit Jahrzehnten gefestigten Diktatur, und den Ländern, in denen Autokraten noch immer von einer demokratischen Opposition bekämpft werden.

Leider hat Putins Propaganda in Italien leichtes Spiel, nicht nur, weil das Land geografisch weiter von Russland entfernt ist als andere europäische Länder, sondern auch, weil diese Regierung voller Putinfreunde steckt. Noch 2018 gratulierte Meloni Wladimir Putin zu seiner vierten Wahl zum Präsidenten der Russischen Föderation: „Der Wille des Volkes scheint bei diesen russischen Wahlen klar zu sein.“

Eine Entscheidung für die Freiheit der Kunst würde darin bestehen, wenn die Biennale einen Raum für russische Künstler zur Verfügung stellen würde, die sich dem Putin-Regime nicht gebeugt haben und die – noch! – am Leben sind. Die Punkband Pussy Riot (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) hat ihren Protest schon angekündigt.

Meloni hat ihre Ziele in der Kulturpolitik (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gleich zu Anfang sehr präzise genannt: Im Wahlkampf 2022 sagte sie: „Euch wurde immer gesagt, dass die Linke in Italien eine kulturelle Vorherrschaft innehabe, aber das stimmt nicht. Die Linke in Italien hat eine Vorherrschaft der Macht: Sie haben es geschafft, auf alle wichtigen Posten Leute zu platzieren, die ihnen gehorchen. Meine große Mission ist es hingegen, eine Nation aufzubauen, in der Menschen unabhängig davon vorankommen können, welchen Parteiausweis sie in der Tasche haben. Es geht darum, ehrliche Verdienste zu belohnen.“

Und die „ehrlichen Verdienste“ sehen im Meloni-Italien so aus: Es begann mit dem Umbau der RAI - dem öffentlich-rechtlichen Sender, der zwar schon immer ein verlängerter Arm der jeweiligen Regierung war, jetzt aber als Telemeloni bekannt ist. Dann wurden zwei rechte Vertraute zu Chefinnen von Cinecittà und der Filmhochschule, Centro sperimentale di cinematografia, ernannt.

In Venedig wurde Pietrangelo Buttafuoco, rechtskonservativer Journalist und Vertrauter von Giorgia Meloni, zum Chef der Biennale ernannt. Es folgte die Ernennung von Nicola Colabianchi zum Intendanten und künstlerischen Leiter der Fenice, der Oper von Venedig. Auch er ein Favorit der Rechten: Colabianchi begann seine Karriere als künstlerischer Leiter des Teatro dell'Opera di Roma unter dem rechtsextremen, wegen Korruption und illegaler Parteienfinanzierung verurteilten römischen Bürgermeister Gianni Alemanno.

Kulturminister Giuli, Ex-Journalist und ehemaliger stellvertretender Chefredakteur des rechten (einstigen Berlusconi-Blatts) Foglio, ersetzte seinen glücklosen Vorgänger Sangiuliano, nachdem dieser über die Affäre mit einer blonden Walküre gestolpert ist. Giuli blickt auch auf eine lange Vergangenheit als jugendlicher Aktivist der römischen Rechtsextremen und auf eine enge Freundschaft mit Giorgia Meloni zurück. Seine Schwester Antonella war Sprecherin des Landwirtschaftsministers (und Schwagers von Meloni) Francesco Lollobrigida und arbeitet jetzt in der Pressestelle der Abgeordnetenkammer.

Colabianchi ernannte die Dirigentin und Melonifreundin Beatrice Venezi zur Musikdirektorin der Fenice. Kulturminister Giuli begrüßte die Ernennung von Venezi uneingeschränkt - wobei es ihr sicher nicht geschadet haben mag, Tochter von Gabriele Venezi zu sein, Immobilienunternehmer und nationaler Leiter der rechtsextremen Organisation Forza Nuova. Was sie bereits dafür qualifizierte, von Ex-Minister Sangiuliano zur “Musikberaterin” der Regierung Meloni ernannt worden zu sein.

Ein Markenzeichen dieser Regierung: Wenn man hier was werden will, sollte man mit Giorgia Meloni am besten verwandt sein (ihre Schwester Arianna Meloni ist Parteisekretärin der Fratelli d'Italia) oder mindestens befreundet, wenn man nicht gar in Jugendzeiten mit ihr im neofaschistischen Movimento Sociale Italiano (MSI) aktiv war.

Die Kulturpolitik ist die einfachste Möglichkeit, um die identitäre Ausrichtung, die ja sehr wichtig für die Rechten ist, zu bestätigen. Das kostet sie im Grunde nichts - bringt aber viel ein. Hat sich unser Kulturstaatsminister Weimer auch gedacht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Alles andere gestaltet sich für Meloni und ihre rechten Brüder schwieriger. Das albanische Auffanglager ist eine Pleite (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), wo fünfzig Beamte drei Migranten bewachen - die nicht abgeschoben werden können, sondern nach Italien zurückgebracht werden müssen, weil Gerichte bestätigten, dass „die Herkunftsländer der inhaftierten Personen nicht als ‚sichere Länder‘ anerkannt werden können.”

Und heute (und morgen) steht das Referendum noch an, bei dem ich gleich mit NO stimmen werde. Auch weil ich es wenig überzeugend finde, wenn Mafiosi dafür werben, mit SI zu stimmen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Und die Kabinettschefin des Justizministers fordert: „Stimmt mit Ja, dann werden wir die Justiz aus dem Weg räumen, die aus Exekutionskommandos besteht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ Natürlich wird diese Botschaft von der Mafia perfekt verstanden, und es ist besonders zynisch, von „Exekutionskommandos“ zu sprechen, wenn es um eine Justiz geht, von der 28 Vertreter von „Exekutionskommandos“ ermordet wurden. Und da überrascht es nicht, dass sich unter den Fürsprechern des „Ja“ Leute wie der wegen Mafiaunterstützung verurteilte, Berlusconifreund und Gründer von Forza Italia, Marcello Dell'Utri (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), der wegen Mafiaunterstütung verurteilte ehemalige Regionalpräsident Salvatore Cuffaro (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder der wegen Richterbestechung verurteilte ehemalige Anwalt und Ex-Verteidigungsminister Cesare Previti (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) befinden.

In München (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) hat der Antimafia-Staatsanwalt Nino Di Matteo darüber gesprochen, was es bedeutet, wenn die Staatsanwälte - wie von der Meloni-Regierung gewünscht wird, in Zukunft nicht mehr unabhängig sein werden, sondern vom Justizministerium abhängen. (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Und damit die Gewaltenteilung eingeschränkt wird.

Wir alle erinnern uns daran, dass in Italien viele mutige Staatsanwälte gegen Politiker ermittelt haben, darunter gegen Silvio Berlusconi oder Andreotti. Prozesse dieser Art wird es in Zukunft nicht mehr geben, wenn die Staatsanwaltschaft direkt vom Justizministerium abhängt.

Und jetzt der Fun-Fact: In Deutschland sind die Staatsanwälte weisungsabhängig: Sie hängen direkt von der Politik, vom Justizministerium und damit von der jeweiligen Regierungspartei ab. Ermittlungen gegen Minister? Ähem.

Und zum Schluss noch eine Filmempfehlung - die etwas Licht in diese düsteren Zeiten bringen soll: Für mich ist Sorrentinos “La Grazia” ein wunderbar versponnener, poetischer Film über die Standhaftigkeit unter widrigen Umständen – nach der wir uns besonders heute so sehr sehnen.

https://www.zeit.de/feuilleton/film/2026-03/la-grazia-paolo-sorrentino-politiker-sterbehilfe-filmfest-venedig (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Aus Venedig grüßt Sie Ihre Petra Reski, die gerade erst wieder den Delfin! gesehen! hat! Zum! dritten! Mal!

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