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#92 #Forschung #Artenvielfalt #Wandel
Die fünf entscheidenden To-Dos bis 2050
Forscher*innen haben über 7.000 Studien ausgewertet. Das Ergebnis ist eine Anleitung, wie wir das Leben auf diesem Planeten retten. Hier sind die fünf wichtigsten Strategien. ~ 11 Minuten Lesezeit

Ich habe mir angewöhnt, unter dem Hagel an Hass und Hiobsbotschaften jeden Tag nach Lichtblicken zu suchen. Wenn die Rechten unsere Aufmerksamkeit kolonisieren – mit ihrer berüchtigten Strategie „flood the zone with shit (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)“ – dann müssen wir eben in dem Meer aus Mist die Inseln der Gerechtigkeit ansteuern.
Du hast sicher vom Project 2025 (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) gehört. Die fossile Lobbyorganisation „Heritage Foundation“ hat diesen Plan für Trumps Präsidentschaft entworfen. Der Regierungsapparat soll radikal umgebaut und die Macht beim Präsidenten gebündelt werden. Die Anfänge dessen erleben wir gerade.
Die Rechten organisieren sich weltweit. Genau das müssen wir auch tun – und „wir“ sind alle, die sich zu demokratischen Werten bekennen. Was die Rechten wollen, ist klar. Sie schreiben es unverhohlen in ihren faschistischen Plänen auf.
Aber was wollen wir?
Ich fürchte, wir vergessen es gerade. Während wir der rechten Diskursverschiebung hinterherrennen, verblassen unsere Visionen für eine schöne und gerechte Zukunft.
Dabei gibt es Gegenstücke zum Project 2025. Die Pläne, die uns den Weg in eine solche Zukunft ziemlich genau aufzeigen, sind bereits geschrieben. Von ihnen haben nur leider viel zu wenig Menschen schon einmal gehört. Zeit, dass sich das ändert.
Industrielle Revolution, Part II
Ein solches Gegenstück hat der Weltbiodiversitätsrat der UN (IPBES) kürzlich veröffentlicht. Der Bericht (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) ist nicht weniger als eine Anleitung zur Rettung des Lebens auf unserem Planeten. Eine Anleitung, die wir dringend brauchen.
Laut Schätzungen sind in den kommenden Jahrzehnten etwa eine Million Arten vom Aussterben bedroht. Ohne intakte Natur und stabiles Klima können auch unsere Gesellschaften nicht bestehen – was wir jeden Tag ein bisschen mehr zu spüren bekommen.
(S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)Für den Bericht hat ein internationales Forschungsteam mehr als 7000 Studien aus verschiedensten Fachgebieten ausgewertet. Das Ergebnis: Wir brauchen nicht weniger als eine sozial-ökologische Transformation.
Sozial-ökologische Transformation. Klingt nach einem Begriff, den Markus Söder am liebsten auf den Index setzen würde. Aber was genau soll das eigentlich sein?
Dahinter steckt nichts anderes als ein allumfassender Wandel. Er erstreckt sich nicht nur über alle Gesetze, Sektoren und Systeme hinweg, er passiert auch in unseren Köpfen. Wie wir denken und die Welt wahrnehmen, wie wir mit der Natur interagieren – all das müssen wir laut IPBES grundlegend umkrempeln, wenn wir das Artensterben aufhalten wollen.
Die Autor*innen des Berichts schreiben, dass die Dimension des benötigten Wandels der industriellen Revolution gleichkommt. Nur mit einem erfreulicheren Ausgang für das Leben auf dem Planeten, versteht sich. Ach ja, und es muss diesmal natürlich alles viel, viel schneller passieren.
Könnte nicht unrealistischer klingen, oder? Zum Glück liefert der Bericht die Lösungen gleich mit.
Die Krisen an der Wurzel packen
Der allererste Schritt: Wir müssen erkennen, warum die ökologischen Krisen überhaupt entstehen. Und das ist das Neue an dem Bericht: Er befasst sich zum ersten Mal mit den grundlegenden Ursachen für das Sterben der Natur.
Für mich war das ziemlich bemerkenswert. Wenn ich bisher von den Gründen des Artensterbens gelesen habe, drehte es sich meist um die direkten Treiber: Zerstörung von Lebensraum, invasive Arten, Jagd, Verschmutzung und Klimakrise.
Viel tiefer sitzen aber ganz andere Gründe: nämlich unsere Entfremdung von der Natur, die Konzentration von Reichtum und Macht und der Fokus auf kurzfristige, materielle Vorteile.
Häufig wird nur versucht, die Symptome zu bekämpfen, nicht aber die eigentlichen Ursachen, schreiben die Autor*innen des IPBES-Berichts. Wenn es blöd läuft, kann das den wirklich wichtigen Wandel sogar hemmen, weil wir uns vorgaukeln, dass wir bereits genug tun, während die tieferliegenden Gründe verschleiert bleiben.
Die grundlegenden Ursachen sind zwar schwer zu überwinden. Ein tiefgreifender Wandel kann uns aber nur gelingen, wenn wir es versuchen.
Den Baum der Erkenntnis ernten
Für den Plan zur Rettung des Planeten haben die Autor*innen die Crème de la Crème aktueller Forschung durchkämmt und fünf Schlüsselstrategien herausgearbeitet. Sie sortierten sie in einem sogenannten Dendrogramm – eine Grafik, die an einen Baum erinnert. Quasi ein Baum der Erkenntnis, dessen Früchte wir nur noch ernten müssen.
Hier sind die fünf Schlüsselstrategien zur Rettung des Planeten:
Strategie #1: Wertvolle Orte erschaffen
Bisher ging es beim Naturschutz vor allem darum, statische Schutzgebiete zu errichten. Die gesamte übrige Fläche war damit, überspitzt gesagt, für die Verschmutzung freigegeben. Dieser Gegensatz soll nun endlich überwunden werden. Das heißt nicht weniger, als dass auf allen Flächen die Artenvielfalt und deren Schutz zum Kriterium werden muss.
Zu dieser Strategie zählt zum Beispiel auch, das Rechtssystem so umzugestalten, dass es Ökosysteme besser schützt – wie etwa in Ecuador, wo die Natur eigene Rechte besitzt, die in der Verfassung festgeschrieben sind.
Strategie #2: Fokus auf die schädlichsten Sektoren
Manche Bereiche sind für das Leben auf diesem Planeten momentan besonders schädlich: Land- und Forstwirtschaft, Fischerei, Bergbau und Energie. Hier anzusetzen, ist also besonders wirkungsvoll. Statt in einzelnen Maßnahmen muss die Natur in allen Gesetzen, Planungen und Subventionen mitgedacht werden.
Die Lebensmittelproduktion müsste beispielsweise so umgebaut werden, dass Landfläche für viele verschiedene Zwecke gleichzeitig und ökologisch verträglich genutzt wird. Das heißt, statt Monokulturen: vielfältige regionale Arten, statt Pestizide: Raum für Nützlinge wie Marienkäfer, statt Kunstdünger: organische Abfälle.
Strategie #3: Wachstum für Pflanzen statt fürs BIP
Wenn Du hier ab und zu mitliest (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), wird Dich diese Strategie wohl kaum überraschen: eine radikale Umgestaltung der Wirtschaft. Für eine stabile Zukunft führt kein Weg daran vorbei, den Konsum und die Ausbeutung der Natur weltweit auf gerechte Weise herunterzufahren. Die globale Wirtschaft wird nicht endlos weiter wachsen können.
Eine zentrale Maßnahme dabei: Wachstum und Wohlstand anders zu messen. Statt den Wert von Waren und Dienstleistungen zum Maß aller Dinge zu machen (wie wir es mit dem BIP tun), braucht es Indikatoren, die wirtschaftliche, soziale und ökologische Dimensionen mit einbeziehen.
Wie glücklich und zufrieden sind die Menschen? Wie stark ist der Verbrauch natürlicher Ressourcen gesunken? Vorschläge dafür gibt es genug, etwa den Happy Planet Index, den Inclusive Wealth Index oder die Gross National Happiness.
Strategie #4: Alle an einen Tisch bringen
Naturschutz gelingt dann am besten, wenn die Menschen vor Ort eingespannt werden – vor allem aus zwei Gründen: Indigene und lokale Bevölkerungen besitzen wertvolles Wissen über ihr Land. In vielen Projekten werden deshalb ihre Wissensformen schon mit wissenschaftlicher Forschung verknüpft.
Zweitens kann man besser abschätzen, wer welche Bedürfnisse mitbringt. So können Konflikte aufgefangen werden und die Akzeptanz von Schutzmaßnahmen steigt.
So wie es vor rund 15 Jahren im Nordwesten Spaniens passiert ist: Nahe des kleinen Dorfs Lira wurde das Meeresschutzgebiet Os Miñarzos errichtet, das der Region eine intakte Natur, Fischbestände und Tourismus beschert. Das Vorhaben funktionierte, weil kleine Fischereien involviert wurden und alle Akteur*innen von Wissenschaftler*innen bis zu Behörden und Politik zusammengearbeitet haben.
Strategie #5: Naturverbundenheit fördern
So etwas in einem UN-Bericht zu lesen, ist doch bemerkenswert. Man würde vielleicht eher nüchterne, technische Ansätze erwarten (wie man sie aus vielen Klimareports kennt). Die fünfte Strategie zielt jedoch tief in unsere Köpfe und in unsere Vergangenheit. Die Wurzeln unserer Entfremdung von der Natur reichen bis in die Kolonialzeit zurück (teilweise noch länger). Koloniales Denken steckt heute noch in uns und manifestiert unsere Trennung von der Natur.
Die Autor*innen des Reports fordern deshalb einen Paradigmenwechsel in der Mensch-Natur-Beziehung: von Dominanz und Ausbeutung hin zu Fürsorge und Gegenseitigkeit. Damit diese Kehrtwende gelingt, schreiben sie, können wir uns wunderbar an indigenen Philosophien orientieren.
Solche „relationalen“ Philosophien betrachten Dinge, Lebewesen und Menschen nicht als isolierte Einheiten mit festen Eigenschaften, die unabhängig voneinander existieren (wie wir es in unserer westlich-modernen Weltsicht tun). Sie sehen alles als untrennbar verbunden an, als Teil eines lebendigen Netzwerks. Identitäten und Werte entstehen erst durch die Beziehung zum Anderen. Mit einer solchen Wahrnehmung der Welt wird es schwierig, diese zur Ressource zu degradieren und auszubeuten.
Als Positivbeispiel nennen die Autor*innen eine deutsche Initiative: die GemüseAckerdemie (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), ein Bildungsprogramm für Schulen. Die Kinder legen dabei einen eigenen Garten an und erleben mit, wie das selbst gepflanzte Gemüse wächst. So begreifen sie natürliche Zusammenhänge und lernen, Natur und Lebensmittel zu schätzen. Mehr als 115.000 Kinder in Deutschland haben bei dem Programm schon mitgemacht.

Wie soll das nur klappen?
Da liegt er also, der Fahrplan in eine gerechte Zukunft für alles Leben auf diesem Planeten. Unser ganz eigenes Project 2025, oder eher: Project 2052.
Bei solchen Berichten habe ich oft widersprüchliche Gefühle: Einerseits bin ich begeistert, wie akribisch die konkreten Lösungswege ausgearbeitet wurden. Ich bin froh darüber, dass wir so vieles noch retten können. Wir könnten es ja auch einfach hinkriegen.
Andererseits ertönt beim Lesen immer wieder eine leise, gemeine Stimme in mir: Das wird doch alles niemals passieren.
Vielleicht kennst Du diese leise, gemeine Stimme auch. Und ein bisschen Recht hat sie ja. Es macht schließlich keinen Sinn, darauf zu hoffen, dass sich Merz und seine Mannschaft den Bericht in irgendeiner Form zu Herzen nehmen. Dabei müssten nicht nur sie, sondern alle Regierungen der Welt gemeinsam anpacken.
Aber auch wenn die Aufgaben vor uns riesig wirken, vielleicht unschaffbar – dieses Gefühl ist trügerisch. Es verleitet uns zum Aufgeben. Dabei geht es gar nicht darum, darauf zu hoffen, dass von unserem Project 2052 morgen schon die Hälfte umgesetzt ist.
Es geht darum, dass es diesen Plan überhaupt gibt – und dass wir über ihn sprechen. Wenn wir eine neue, gerechte Welt wollen, brauchen wir Visionen. Erst wenn wir wissen, welche Zukunft wir uns wünschen, können wir sie Wirklichkeit werden lassen.
Momentan rennen wir in unseren Debatten eher den faschistischen Visionen der Trumps und Vances hinterher. Die Rechten dieser Welt sind gut darin, einen gemeinsamen (hässlichen und hasserfüllten) Nenner zu finden, sich zu organisieren, und alles um sie herum kaputtzuhauen.
Wir dürfen uns das nicht nur trauernd mit ansehen. Holen wir uns endlich unsere Visionen und Utopien zurück!
Jedes Mal, wenn ein Musk vor Kameras tritt, müssen wir umso lauter fordern, dass es ein Ende des Wirtschaftswachstums braucht, dass Milliardäre verboten gehören, dass wir aufhören müssen, alles nicht-menschliche Leben zu unterwerfen.
Wir können uns jeden Tag dahinterklemmen, unsere Utopien wahr werden zu lassen. Und das ist das Entscheidende: dass wir immer mehr initiale Räume voller Hoffnung entstehen lassen. Oder hat es jemals eine große Vision gegeben, die global verhandelt wurde und nicht zunächst tausendfach im Kleinen entstanden ist?
Das Beste daran: Das alles passiert längst. Es gibt heute schon unzählige Initiativen, die das Project 2052 Wirklichkeit werden lassen. Weil wir in einem Meer aus Mist schwimmen, ist es leicht, das zu übersehen. Gerade deshalb ist es wichtig, nach Lichtblicken zu suchen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), jeden Tag.
Und selbst wenn wir nicht den ganzen Weg schaffen, lohnt es sich immer, loszugehen. Auch das steht im Report: Solange wir auf ein Überwinden der drei Grundursachen abzielen, zählen selbst die kleinsten Schritte.
Vielen Dank fürs Lesen!
Unser Klimasong kommt dieses Mal von den Beastie Boys. It takes time to build (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) erschien 2004, während der ersten Amtszeit von George W. Bush. Die Lyrics hätten genauso gut von 2025 sein können:
It’s time to let them know what we expect
stop building SUVs, strung-out on OPEC […]
We got a president we didn’t elect
The Kyoto treaty he decided to neglect
It takes a second to wreck it
It takes time to build
It takes a second to wreck it
It takes time to build
You gots to chill
Ah, yo, hate-filled people wanna keep us in check
Tearin' down each other is what they expect
If you want love, well, hey, that's a bet
We've got to give before we can get
Die nächste Ausgabe bekommst Du am 3. Mai.
Herzliche Grüße
Manuel
PS: Wie immer freuen wir uns über jede*n Einzelne*n, der oder die uns als Mitglied unterstützen möchte (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).
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