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Warum wir nicht in den Nachrichten leben sollten

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Eine Frau schaut auf ihr Handy, sie sieht besorgt aus.
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„Ich habe ein Geheimnis. Ich habe es länger geheim gehalten, als ich zugeben möchte. Es fühlte sich unprofessionell an, irgendwie beschämend.” Das schrieb (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) die US-Journalistin Amanda Ripley vor gut drei Jahren. Man könnte meinen, Ripley hätte ihre Doktorarbeit gefälscht, Steuern hinterzogen oder Hundewelpen auf der Straße ausgesetzt. Aber nicht doch. Ripley schämte sich, weil sie angefangen hatte, die Nachrichten zu meiden.

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Ich kann das gut verstehen. Auch mir war lange peinlich, dass es Phasen gibt, in denen ich keine Nachrichten lesen mag. Ich dachte, ich sei einfach zu empfindlich. „Reiß dich zusammen”, sagte eine kritische Stimme in mir: „Du liest diese Nachrichten nur, andere Menschen sind die Nachrichten. Das Mindeste, was du tun kannst, ist hinschauen.“

Ich sagte mir, was in jedem Artikel über Nachrichtenvermeidung steht (auch in einem, den ich selbst mitgeschrieben (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) habe): Nur informierte Menschen können sich Meinungen bilden und handeln. Also müssen wir die Informationen eben aushalten. 

Tatsache ist: Manchmal lese ich eine Schlagzeile und möchte danach am liebsten mein Handy aus dem Fenster werfen. Erst kürzlich habe ich wirklich aufgehört, mich dafür zu schämen. Weil ich etwas verstanden habe, das mir bis dahin nicht klar war. 

Erstens: Ich bin nicht zu empfindlich. Mir fehlt weder Empathie noch Interesse am Weltgeschehen. Aber mein Gehirn ist nicht dafür gemacht, Nachrichten so zu verarbeiten, wie ich es lange von ihm erwartet habe. Und zweitens: Dieses Gefühl von „Es ist alles zu viel“ entsteht nicht nur, weil die Nachrichtenlage gerade extrem ist. Das ist sie, keine Frage. Doch die Überforderung hat einen anderen, grundlegenderen Grund.

An diesen Satz erinnere ich mich seit Jahren

Bedrohliche Nachrichten gab es schon immer. Aber wer nicht unmittelbar betroffen war, bekam das nur in bestimmten Zeitfenstern mit. Man las die Zeitung und legte sie weg, schaute die Tagesschau und dann einen Spielfilm. Heute sind die News überall: auf dem Handy, im U-Bahn-Fernsehen, sogar die Wäscherei in meiner Straße hat neuerdings einen Nachrichtenbildschirm im Schaufenster. Ich kann noch nicht mal meine Daunendecke von der Reinigung holen, ohne daran erinnert zu werden, was Trump gerade wieder macht. 

Mich erinnert das an einen Satz, den der britische Journalist Oliver Burkeman einmal geschrieben (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) hat: „Wir leben nicht mehr mit den Nachrichten. Wir leben IN ihnen.”   

Als ich diesen Satz zum ersten Mal gelesen habe, kam er mir fast banal vor. Aber es ist kein Zufall, dass ich mich auch nach Jahren noch daran erinnere.  

In der Stress- und Emotionspsychologie gibt es ein ziemlich hilfreiches Konzept, um zu verstehen, warum das Leben IN den Nachrichten Menschen überfordert: Cognitive Appraisal (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Gemeint damit ist der Prozess, mit dem unser Gehirn fortlaufend bewertet, was eine Information für uns bedeutet. 

Vereinfacht gesagt stellt es dabei zwei Fragen. 

  • Erstens: Wie relevant oder bedrohlich ist das? Betrifft mich das? 

  • Zweitens:  Habe ich Möglichkeiten, damit umzugehen? Kann ich etwas tun?

Problematisch wird es, wenn wir etwas als hoch relevant einschätzen – aber gleichzeitig kaum Einflussmöglichkeiten sehen. Genau das erleben wir aber, wenn wir ständig Nachrichten über große Krisen ausgesetzt sind. Sie lösen permanent Alarm aus, ohne dass klar wäre, was wir konkret tun können. Oder wann dieser Zustand endet.

Anders gesagt: Es geht nicht darum, dass alles so schlimm ist. Sondern die Kombination aus Relevanz und Ohnmacht macht unser Stressystem fertig. 

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