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Rollenumkehr: Wie digitale Gewalttäter sich selbst zu Opfern erklären

Stellen Sie sich vor eine Frau flaniert auf einer belebten Einkaufsmeile und wird dort plötzlich lauthals von einem wildfremden Mann beschimpft. Er stellt sich ihr in den Weg, sie kann nicht entfliehen. Minutenlang muss sie so übelste sexistische Beleidigungen über sich ergehen lassen. Sie fühlt sich sichtlich bedroht, bricht in Tränen aus.

Einige Passanten gehen einfach weiter, andere applaudieren dem Mann auch noch, manche rufen instinktiv die Polizei. Als die Sicherheitskräfte eintreffen, echauffiert sich der gewalttätige Mann lauthals: „Was soll das jetzt?", brüllt er die Polizisten an. „Warum muss man wegen so einer Lappalie ein derartiges Theater veranstalten? Jetzt muss ich mir auch noch von Ihnen dumme Fragen anhören – als hätte ich nichts Besseres zu tun!

Kein Wort der Entschuldigung. Kein Funken Reue.  Die weinende, verstörte Frau? Nebensache. Die Konsequenzen seines eigenen Handelns? Eine unzumutbare Belästigung für ihn. Das Opfer wird von ihm zur Täterin gemacht, denn schließlich müsse er sich jetzt mit der Polizei rumschlagen. So eine Frechheit!

Verschiedenste Straftatbestände

Ganz vergleichen kann man digitale Gewalt im Netz mit dieser Form von Gewalt auf der Straße natürlich nicht. Aber vielen ist wohl nicht bewusst, dass digitale Gewalt auch Verletzungen verursacht. Mitunter sogar solche, die über Jahre nicht heilen. Und in ganz schlimmen Fällen treibt sie manche in den Tod. Stichwort Lisa-Maria Kellermayr.

Weil digitale Gewalt oftmals vor einem riesigen Publikum stattfindet. Weil geschriebenes Wort ganz anders wirkt. Und weil die Hasskommentare in vielen Fällen dauerhaft abrufbar bleiben, mit jedem Like und jeder Teilung sogar noch weiter verbreitet werden, also eine sich andauernd wiederholende Verletzung darstellen.

Die digitale Gewalt ist strafbar, denn das Internet ist kein rechtsfreier Raum. Das Strafgesetz kennt viele Tatbestände: Nötigung (§105), Gefährliche Drohung (§107), Verleumdung (§297), Üble Nachrede (§111) oder Beleidigung (§115), um nur einige Paragraphen zu nennen, die bei Hass im Netz zur Anwendung kommen können.

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Das Lachen ist uns vergangen

Trotzdem wird die digitale Gewalt nach wie vor als eine Art „Kavaliersdelikt“ betrachtet, vor allem von den Tätern. Und auch bei jenen, die ein hochprofitables Geschäftsmodell mit dem Hass entwickelt haben. Weil der Likes, Shares und Klicks und damit Reichweite bringt. Oder Wählerstimmen, Werbekunden und Mandanten.

Anfangs war es für uns einfach nur skurril: Von der ersten Sekunde weg, in der wir öffentlich machten, dass wir uns nach Jahren der Verdrängung nun gegen Drohungen, Gewaltaufrufe und Beleidigungen mit rechtlichen Mitteln wehren werden, setzte diese Rollenumkehr ein. Und zwar in einer Stärke, mit der wir nie gerechnet hätten.

Wir haben inzwischen dutzende Nachrichten erhalten, in denen

Ein „Netzwerk“ organisiert sich

Personen, die Post vom Gericht erhalten, weil sie einen der oben genannten Straftatbestände erfüllt haben, sehen sich selbst als Opfer. Sie tauschen sich in Gruppen aus, wie sie einer Verurteilung entgehen können, wenn sie die Justiz belügen. Sie prahlen damit, wie sie sich in der Vergangenheit dem entziehen konnten.

Sie organisieren sogar Stammtische, in denen sie sich über „rechtliche Abwehrmöglichkeiten und psychologische Strategien“ austauschen und ein „Netzwerk aufbauen“ möchten. Um das nochmal zu verdeutlichen: Das sind Menschen, die uns bedroht haben, die zu Gewalt gegen uns aufgerufen haben, die uns beleidigt haben.

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Das starke Netzwerk der „Opfer“

Wenn sie nicht über sehr einflussreiche Verbündete in Politik und Medien verfügen würden, man könnte sie einfach ignorieren und den Rechtsstaat seine Arbeit machen lassen. Doch unter den selbsternannten „Opfern“ finden sich erstaunlich viele FPÖ-Funktionäre, Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker.

Sie haben sich in den letzten Jahren eine gefährliche Parallelwelt geschaffen, die durch den Aufstieg der FPÖ mit enormen finanziellen Ressourcen ausgestattet ist. Die über bekannte „Hassfluencer“ längst auch auf anderen Medienplattformen geradezu omnipräsent sind. Und genau die haben uns jetzt den Kampf angesagt.

Der Kampf gegen „die Elite“

Wir müssen uns also nicht nur vor Gericht gegen digitale Gewalt wehren, sondern auch noch in der Öffentlichkeit gegen perfide Rollenumkehr, die von jenen befeuert wird, die vom Hass profitieren. Wir werden ungeniert zur Projektionsfläche gemacht: Die „Familie Bohrn Mena“, der übermächtige Feind, gegen den man vorgehen müsse.

Gewinnen wir vor Gericht, wie es derzeit ständig der Fall ist, dann ist die Justiz in ihren Augen „links unterwandert“ und die Gesetze müssen schleunigst geändert werden. Erschreckend oft wird in Diskussionen in geschlossenen Gruppen auch angemerkt, dass „die FPÖ schon aufräumen werde“, wenn sie erst an der Macht ist.

Die Gerichte entscheiden, nicht der Mob

Das Lachen ist uns bereits vergangen, seit wir mit den orchestrierten Kampagnen von diesen Netzwerken konfrontiert sind. Seit wir wissen, dass dutzende und teils ranghöchste Repräsentanten der stimmenstärksten Partei in die digitale Gewalt gegen uns verstrickt sind. Aber aufhören uns zu wehren werden wir nicht.

Und auch wenn es mittlerweile unsere ganze Zeit beansprucht, wir werden nicht unwidersprochen lassen, wie hier Rollenumkehr von einem digitalen Mob betrieben wird. Denn die Deutungshoheit über das Erlebte sollte nicht bei den Tätern liegen. In einer Demokratie müssen es unabhängige Gerichte sein, die Recht sprechen.

Ein erhebliches Risiko

Wir gehen das Risiko ein, dass wir vor Gericht unterliegen können. Dass eine Richterin oder ein Richter das, was wir erlebt haben, nicht als strafrechtlich relevant einstuft. Dass die Täter nicht als Täter bewertet werden und wir auf der Verletzung sitzenbleiben. Das ist der Haken an der Geschichte, weil digitale Gewalt kein Offizialdelikt ist.

Aber wir stellen uns diesem Risiko, weil wir an den Rechtsstaat glauben. Und gerade jene, die immer auf „Recht und Ordnung“ pochen, die so oft die „volle Härte des Gesetzes“ einverlangen, sind aufgefordert sich an die Spielregeln unserer Gemeinschaft zu halten, auch wenn es sie betrifft. Und wenn sie selbst etwas falsch gemacht haben.

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