Immer wenn ich diesen Film gucke, geht es mir besser. Und ich weiß jetzt, wie er das macht.
Wie kann ein Männerfilm, der 0 Punkte beim Bechdel-Test (Si apre in una nuova finestra) erreicht, der Verbrechen, Glücksspiel und die USA in den 2000ern romantisiert, 25 Jahre nach Release Teil meiner kulturellen Identität sein? Lange habe ich das nie hinterfragt, letztens dann doch und jetzt weiß ich, was diesen Film (für mich) so außergewöhnlich macht.

Wie man einen Wohlfühlfilm macht
Genauso wie es Comfort Food gibt, gibt es auch Comfort Filme. Nennen wir sie Wohlfühlfilme, das klingt schöner. Filme, die man schon mitsprechen kann, so oft hat man sie gesehen. Die häufig mit Kindheitserinnerungen verbunden sind, Unbeschwertheit und fantastischen Welten, in denen man sich verlieren kann. Wenn die Welt zu kompliziert, zu schnell, zu überwältigend wird, guckt man also einen Wohlfühlfilm und holt sich damit ein kleines Stück Wohlbefinden zurück. Ein Wohlfühlfilm ist überschaubar und absolut überraschungsfrei.
Mein Wohlfühlfilm ist Ocean’s Eleven, auf den all das zutrifft. Aber es ist mehr als Nostalgie für die 2000er (in denen ich ein Kind und größtenteils sorgenfrei war). Ich würde sogar behaupten, dass Ocean’s Eleven der perfekte Wohlfühlfilm ist, weil er Zuschauende erst als Außenseiter positioniert und sie dann Teil der Gang werden lässt, denen die Genugtuung von Wissen vergönnt ist.
Worum geht’s?
Ocean’s Eleven ist ein Remake des 1960 erschienenen Films Frankie und seine Spießgesellen, in dem Mitglieder des Rat Pack Rollen übernahmen. Dieser Film wiederum basierte auf der Romanvorlage von George Clayton Johnson, der auch die erste Folge von Raumschiff Enterprise und mehrere Folgen Twilight Zone schrieb. Schon hier zeigt sich die Amerika-heit des Films, dazu gleich mehr.

Danny Ocean ist professioneller Dieb und wurde gerade aus dem Gefängnis entlassen. Er plant bereits den nächsten Coup und weiht, off screen, seinen besten Freund Rusty ein. Die Crew wird zusammengestellt und gemeinsam planen sie, drei Casinos gleichzeitig auszurauben. Spannung entsteht, weil uns im Detail die angeblich unüberwindbaren Sicherheitsvorkehrungen erklärt werden. Weitere Spannung entsteht, weil wir erfahren, dass Casinobesitzer Terry Benedict mit Tess zusammen ist, die vorher mit Danny liiert war. Noch mehr Spannung entsteht, weil die ersten Ideen scheinbar fehlschlagen und improvisiert werden muss. Erleichterung entsteht am Ende, als wir sehen, dass jedes scheinbare Hindernis einkalkuliert war, dass jedes Problem, das spontan aufzutauchen schien, berechnet war und der Crew letztendlich zum Sieg verhalf. Wir sind die meiste Zeit fast so ahnungslos wie Terry Benedict und am Ende ebenso erfreut wie beeindruckt — und verwirrt, denn so wirklich Sinn ergibt der Film erst beim zweiten Mal ansehen.
Dabei sein ist alles
Rusty und Danny verstehen sich ohne Worte, Sätze gehen in vielsagenden Blicken unter. Das fördert einerseits die Coolness, beide geben sich nonchalant und selbstsicher. Andererseits schließt es Zuschauende aus. Gleiches gilt für die aneinandergereihten Szenen, in denen zwar Korrelation, aber keine Kausalität zu erkennen ist. Während ein Teil der Gruppe gerade einen Lieferwagen kauft, wird dem anderen ein Anzug maßgeschneidert. Wieso? Wir wissen es nicht.

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Erst ab dem zweiten Schauen sind wir als Zuschauende Teil der Gruppe. Eingeweihte, die die Szenen in ihrer Gesamtheit zuordnen können und wissen, wieso etwas passiert. Zusammenhänge erschließen sich und in dem Moment, in dem der Groschen fällt, fühlen wir uns ein bisschen schlauer als vorher.

Wenn wir nun zum Beispiel sehen, wie Danny Ocean gefangen genommen und von Benedicts Handlangern verprügelt wird, bangen wir nicht mehr, sondern lehnen uns in freudiger Erwartung zurück, fast schon feixend. Denn es ist ja alles Teil des Plans. So viel wissen wir und außerdem, was als nächstes passiert.
Wir dürfen uns freuen, Teil der schelmischen Ausführung zu sein, die ein nunmehr imaginäres Publikum genauso hinters Licht führt wie Terry Benedict.
Subversiv oder faul?
Das Ding ist aber nun: Das ist nichts Besonderes. Kein nie vorher gesehener Kniff des Filmemachens, kein Meilenstein der Filmgeschichte. Ocean’s Elven ist ein Hollywood-Popcorn-Film, kein Geniestreich. Damit der Film aber als Massenprodukt funktioniert, braucht er Elemente, die Zuschauende wiedererkennen — wie eine traditionelle Spannungskurve.
Eine Spannungskurve beschreibt Meilensteine eines Plots, die in ihrer Gesamtheit und Anordnung Spannung erzeugen:
Exposition: Wir lernen Danny und die Crew kennen, erfahren von ihrem Vorhaben.
Intensivierung: Wir sehen die Vorbereitungen (Lastwagen, Maßanzug), erfahren von Hindernissen und Motivation.
Höhepunkt: Der Plan wird umgesetzt und weitere Probleme tauchen auf.
Retardierendes Moment: Die Lage spitzt sich zu.
Auflösung: Der Plan geht auf und das Geheimnis wird gelüftet.

Was in Oceans’s Eleven den überraschenden Unterschied macht, ist, dass in jedem Akt die Hälfte der Informationen ausgelassen und zu einem späteren Zeitpunkt mitgeteilt wird. Dass Danny Benedict wegen seiner Ex-Frau ausrauben will. Dass die vermeintliche Umsetzung nur ein Schauspiel und Ablenkung ist. Wofür es Lastwagen und Maßanzug braucht. All das erfahren wir nicht dann, wenn es gezeigt wird, wodurch uns die Struktur des Films bekannt vorkommt — was wichtig ist, weil man Zuschauende sonst überfordern und verlieren würde — dabei jedoch so weit zerstückelt wird, dass wir noch überrascht werden können.
Diesen Effekt verstärken die Übergänge und Schnitte. Manchmal sehen wir mehrere Bilder nebeneinander von parallel stattfindenden Ereignissen. Kleine Informationsstücke, die zusätzlich den Eindruck von Großartigkeit erwecken, einer geölten Maschine mit elf Zahnrädern, dessen Ingenieur Danny Ocean ist.
Was uns hilft, nicht vollkommen den Überblick zu verlieren, ist ein überschaubarer Cast, in dem die Rollen klar verteilt sind: Danny ist der Drahtzieher, Rusty der Anführer, Tess das Objekt der Begierde, Terry der Antagonist, Ruben der Unterstützer/Gönner/Mentor, Linus der Lehrling. Alle Figuren sind so überspitzt, dass sie in Erinnerung bleiben, auch wenn sie manchmal Gefahr laufen auf Karikaturen reduziert zu werden.

Ein weiteres Modell, dem viele Geschichten folgen, das leider im Laufe der Jahre und dank tausender Essays, die mithilfe von Zusammenfassungen entstanden sind, verwässert und falsch dargestellt wurde, ist die Heldenreise.
Spannender als ihre Einzelteile ist aber die grobe Einteilung der Heldenreise in Aufbruch, Initiierung und Wiederkehr. Eigentlich beschreibt das den Weg, den der Held geht, aber in diesem Fall passt er vielmehr auf uns als Zuschauende. Beim ersten Schauen des Films begeben wir uns planlos auf die Reise. Beim zweiten Schauen fügen sich die ersten Puzzleteile und Szenen ergeben Sinn. Das ist unsere Initiierung als unsichtbares Mitglied der Crew. Ab dem dritten Schauen ist es wie nach Hause kommen.
Ich mach nur Spaß, das ist eine kleine Quatsch-Interpretation, die stark von meiner eigenen Rezeption abhängt. Ebenso valide ist es, die Filme als banales Unterhaltungsprodukt zu sehen, das amerikanischen Glamour aus der Versenkung holen möchte.
Geld = Leben
Das Leben ist erst lebenswert, wenn man reich ist. Oder verstehe (Si apre in una nuova finestra) ich den Kapitalismus da falsch (Si apre in una nuova finestra)?! Ocean’s Eleven zeigt eine Fantasie, die Narnia in wenig nachsteht. Wohlstand für alle, ohne dass der Hauch sozialer Ungerechtigkeit in Erscheinung tritt. Stattdessen gibt es diese grandiose Freundschaft und Loyalität, die ohne Worte auskommt. Teamwork makes the dream work. Ein Leben in einer Blase, in der überall bunte Lichter leuchten und jederzeit Selbstverwirklichung und Spaß zur Verfügung stehen. Alle sehen gut aus, die Anzüge sitzen und selbst eine Drohung trieft vor Respekt und Anmut.
Las Vegas ist Spielplatz dieser Männer, die damit aber keinen Schaden anrichten. Das kann man kritisieren, aber man kann sich auch produktiveren Dingen widmen.

Ocean’s Eleven suggeriert die Existenz dieser Welt, nach der wir uns vielleicht sehnen, und wenn nicht, dann ist sie immerhin schön anzusehen. Und genau das ist ein wichtiger Teil des Films, wie die Macher im Making Of betonen. Der Film will den Glamour eines Frank-Sinatra-Las-Vegas reproduzieren, das schon damals mehr Schein als Sein war. Dank der schönen Menschen in teuren Klamotten und einem jazzy Soundtrack, der irgendwie frech klingt (Si apre in una nuova finestra), gelingt das aber.
Ocean’s Eleven kostete 85 Millionen US-Dollar und erspielte bis heute knapp über 450 Millionen US-Dollar. Man könnte von Erfolg sprechen. Die gleiche Besetzung produzierte zwei Sequels, 2018 erschien mit Ocean’s 8 ein Spin-Off. (Ich wünschte, ich hätte hier einen Fehler gemacht und die Zahl einmal ausgeschrieben, einmal nicht — aber das hier sind die offiziellen und inakzeptabel uneinheitlichen Schreibweisen der Filme.)
Ich freu mich schon aufs nächste gucken und auf die Details, die ich dann zum ersten Mal entdecken werde. Auf eine Welt voller Selbstbewusstsein (und einem Hauch Selbstgefälligkeit).
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Christina