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Was ist Sexuelle Kultur?

Ich denke schon lange über Sexuelle Kultur nach:

Was meinen wir damit genau? Warum benutzen wir diesen Begriff? Und welches Adjektiv muss ich ihm hinzufügen, damit er das beschreibt, was ich mir wünsche und für das ich mich einsetze?

Hier habe ich meine wichtigsten Erkenntnisse für dich zusammengefasst.

Sex ist nicht natürlich

Ganz allgemein bezeichnet „Sexuelle Kultur“ alle Arten und Weisen, wie Menschen ihre Sexualität ausdrücken und ihre sexuellen Bedürfnisse befriedigen.

Den Begriff „Kultur“ benutze ich hier in einer umgangssprachlichen Form, so wie sie in dem Wort„Esskultur“ vorkommt.

Also die

  • Gewohnheiten

  • Werkzeuge

  • Künste und Fertigkeiten

  • Werte und Rituale

  • Erkenntnisse und Kreationen

die von Menschen hervorgebracht wurden und nicht dem bloßen Überleben dienen.

Kurz: Wie gehen wir damit um, dass wir Sehnsucht nacheinander haben?

Menschen, die von Sexueller Kultur sprechen, sind davon überzeugt, dass

  • Sexualität nicht nur „natürlich“ ist, sondern zum großen Teil kulturell geformt

  • Sexualität gelernt und kultiviert werden kann

  • sexuelles Leid nicht rein individuell und selbstverschuldet ist, sondern eng mit der kulturellen Einordnung von Sexualität zusammen hängt

Sie erkennen an, dass

  • Sex weder einfach noch harmlos ist und es auch niemals sein wird

  • jede*r einzelne von uns unsere Sexuelle Kultur mitgestalten und zum Positiven verändern kann.

Apropos „positiv“ …

Was wollen wir wirklich?

Hier in Deutschland leben wir wohl in einer der sexuell liberalsten Gesellschaften weltweit. Vieles ist möglich, was anderswo undenkbar wäre.

Nichtsdestotrotz dreht sich der öffentliche Diskurs über Sexualität mehrheitlich um Probleme:

  • Incels und „Pornofizierung“

  • Missbrauch und Trauma

  • sexuelle Störungen und Dysfunktionen

  • Normativitäten und Diskriminierung sexueller Minderheiten

  • Sexarbeit

  • ...

Gleichzeitig wurden Scham und Schuld von Performancedruck und Selbstoptimierungswahn abgelöst – daran ist die sex-positive Bewegung vielleicht nicht ganz unschuldig („Sex ist wichtig, gesund und gut für dich“, „Sex macht dich frei!“, „Im Sex findest du zu deinem authentischen Wesen!“, „Jede*r kann ganz viel tollen Sex haben!“)

Das Konzept der Sex-Positivität ist selbstredend nützlich und wichtig. Wie herrlich, dass es zum Beispiel immer selbstverständlicher wird, sich in Blogs, Podcasts, auf Youtube, in der Buchhandlung oder auf Workshops sexuell weiterzubilden und zu amüsieren!

Ich befürchte allerdings, dass die sex-positive Bewegung, die in ihren Anfängen zur Zeit der Sexuellen Revolution noch sehr politisch motiviert war, sich nicht mehr bewegt, sondern zu einem gut gefüllten und lukrativen Eventkalender verkommt:

Unzählige Parties, Festivals, Workshops, in denen die Lust befeuert und gefeiert wird – ohne weitere Konsequenzen.

Aber Individualität ist nicht dasselbe wie Freiheit.

Schnöder Hedonismus reicht mir nicht.

Es macht keinen Sinn, Sex isoliert zu betrachten und zu „promoten“, als würde mehr und gelungenerer Sex allein irgendwas besser machen.

Was wir brauchen, ist eine Vision.

Und eine Avantgarde, die sich traut, dieser Vision Ausdruck zu verleihen in

  • Worten und Taten

  • Texten und Bildern

  • Blicken und Berührungen

Wie wollen wir miteinander leben?

Es gibt sie schon: Gruppen und Netzwerke innerhalb der sex-positiven Subkulturen, die nicht nur Räume und Gelegenheiten für sinnlichen Genuss und sexuelles Lernen schaffen, sondern auch handelnd forschen.

Wie kann würdevoller, verantwortungsbewusster, gleichberechtigter und integrer Sex funktionieren?

So beschäftigen sie sich neben der Lust mit Werten, Fertigkeiten und Haltungen:

  • Kreativität und Fehlerfreundlichkeit

  • Großherzigkeit und Wertschätzung

  • Integrität und Mitgefühl

  • Neugier und Vertrauen

  • Klarheit und Wahrnehmung

  • Kunstfertigkeit und Könnerschaft

  • Wonne und Verzückung

Hier wird außerdem explizit versucht, die gesellschaftliche Haltung zu Sinnlichkeit und Sexualitäten zu verändern; hin zu mehr Wertschätzung und Selbstverständlichkeit.

Wie würde eine Gesellschaft aussehen, die ein friedliches und erfüllendes Miteinander als sexuelle Wesen fördert?

Sie erkennt an, dass sexuelle Erfüllung, emotionale Geborgenheit und soziale Verbundenheit wesentlich zum Lebensglück beitragen.

Sexuelle Kultur und sexuelle Bildung sind in ihr wichtige Werte und erhalten gesellschaftliche Anerkennung.

Sie akzeptiert alle sexuellen Identitäten und Orientierungen sowie alle einvernehmlichen Formen von Beziehung und Partnerschaft.

Sie fördert Räume, in denen körperliches und emotionales Bewusstsein, Kommunikation und Kreativität gelehrt werden und in denen zu Liebe und Beziehung geforscht wird.

Sie schafft Lernorte, an denen sinnliche und sexuelle Techniken zugänglich gemacht werden.

Ich wünsche mir eine freundliche, menschenwürdige und emanzipatorische Sexuelle Kultur.

Ich wünsche mir eine sexuelle Kultur, in der Menschen

  • die Freiheit

  • das Wissen

  • das Know-How

  • die Tools

  • das Selbstbewusstsein

haben, nach ihrem sexuellen Vergnügen zu streben und sich sexuell zu entfalten – so sie dies wollen.

Ich wünsche mir eine sexuelle Kultur, in der wir uns nichts vorschreiben lassen, sondern aus einer Vielfalt von Lebensentwürfen wählen und unsere eigenen Regeln miteinander verhandeln können.


Sexuelle Kultur - Die Webseite

Im Jahre 2019 schloss sich eine engagierte Gruppe von Menschen zusammen, denen Sexuelle Kultur am Herzen liegt.

Aus der Idee, einen Verein zu gründen, wurde nichts, oder vielmehr: Aus ihr wurde ein kollaboratives digitales Projekt, das sich als Schnittstelle sexueller Subkulturen in Deutschland versteht.

Menschen, die sich für Sexuelle Kultur interessieren, finden hier

  • Ein buntes Blog

  • Tipps und Empfehlungen

  • Bücher

  • Podcasts

  • Profis

  • Netzwerke

  • und vieles mehr

Herzlich,
deine Eva

P.S.: Um Texte wie diesen zu schreiben (geschweige denn Webseiten zu bauen und zu pflegen), braucht man Muße:
Platz im Kopf, der nicht vom Alltäglichen oder von Notwendigkeiten besetzt ist.
Zeit zum Lesen, zum Nachdenken und für Gespräche.
Und natürlich Energie.
Deshalb habe ich es so eingerichtet, dass man mich einfach und unkompliziert mit einer Mitgliedschaft finanziell unterstützen kann.
Auf dass das inspirierte, nicht-profitorientierte Schreiben niemals aufhöre…

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