Von Hasnain Kazim - Odyssee nach München / Schönes Kircherl / Zuckerfest / Buchmesse / Neues von Frau Dr. Bohne
Liebe Leserin, lieber Leser,
vergangene Woche hatte ich angekündigt, dass ich am heutigen Sonntag mit den „Erbaulichen Unterredungen“ aussetze, weil ich derzeit auf der Leipziger Buchmesse bin. Aber da ich mit einem anderen Text früher fertig war als geplant und nun im Zug nach Leipzig Zeit habe, schreibe ich sie doch.
Im Moment rollt der Zug dahin, die Landschaft braust vorbei, anders als in der Bahn nach München am Dienstag, als wir den Bahnhof in Wien gerade verlassen hatten und ein großflächiger Stromausfall - Oberleitungsschaden! - nahezu den gesamten Schienenverkehr aus Wien raus Richtung Westen lahmlegte.
Zweieinhalb Stunden saßen wir auf freier Strecke fest, die Stimmung blieb dafür erstaunlich gut. Dann wurde der Zug evakuiert. Die Reisenden mussten weitere Zeit auf Busse warten, die sie zurückbringen sollten zum Startbahnhof, aber ich hatte zum Glück mein Faltrad dabei und radelte zurück.
Am Bahnhof: Nichts ging mehr. Es hieß, möglicherweise gehe noch ein Zug aus Wien-Meidling raus. “Fahren’s da mal hin und schauen’s, ob da was geht”, sagte mir ein Mitarbeiter der Bahngesellschaft. Also bin ich wie blöde nach Meidling geradelt – und siehe da, dort stand ein abfahrbereiter Zug, der gleich starten sollte. Zwar nicht nach München, sondern nach Salzburg, aber egal, die Richtung stimmte. Ich sprang also hinein, mein Ticket war leider nicht gültig, da andere Bahngesellschaft, aber auch das: egal.
Relativ knapp habe ich es nach München geschafft, rechtzeitig zur Lesung in der wunderbaren Buchhandlung Lehmkuhl (Si apre in una nuova finestra). Neun Stunden von Wien nach München, dafür war die Lesung dann ausverkauft und ich war froh, dass alles geklappt hatte.

Das schöne Kircherl
Auch die Fahrt nach Leipzig, zur Buchmesse, ist eine Odyssee, da habe ich es zehn Minuten zu spät zur Veranstaltung geschafft, zu einem Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit, aber ich will Sie nicht mit weiteren Bahnverspätungsdetails langweilen. Eine rasante Taxifahrt von Halle nach Leipzig am Ende war jedenfalls der krönende Abschluss.
Konzentrieren wir uns lieber auf das Schöne.
Ich fahre ja regelmäßig mit dem Zug von Wien nach Deutschland. Jedes Mal nach dem Grenzübertritt und einem kurzen Halt für die Bundespolizei, die Ausweise kontrolliert (oder auch nicht), fahre ich an einer sehr hübschen Kirche auf einem Hügel vorbei. Und jedes Mal denke ich mir: Da gehst du irgendwann einmal hin und schaust dir das an.

Gerade sah ich sie wieder, und zwei ältere Herren saßen auf einer Bank davor und unterhielten sich. Ich schaute auf Google Maps, wo wir uns eigentlich befinden. Wir hatten gerade Traunstein hinter uns gelassen. Dies war also die Kirche St. Vitus und Anna in Ettendorf, auch bekannt als Ettendorfer Kircherl. Ich las im Netz, dass die älteste Erwähnung von Ettendorf und seiner Kirche aus dem Jahr 1120 stammt. „Bis in das 19. Jahrhundert war St. Vitus und Anna Ziel einer Wallfahrt, zurückverfolgbar in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts“, steht auf „Wikipedia“. (Si apre in una nuova finestra) „Der heute noch sichtbare Bau stammt aus der Spätgotik des 15. Jahrhunderts.“
Ich sehe Bilder vom Hochaltar und von einem Wandfresko und lese, dass zu dieser kleinen Kirche eine der ältesten Orgeln Bayerns gehört: erbaut 1669 von Hans Vogl und von 2001 bis 2005 von der Orgelbaufirma Linder auf den Urzustand restauriert.
Es gibt eine Konzertreihe: „Musik im Kircherl“, und eigentlich wollte ich mir eh immer mal Traunstein anschauen, es liegt eh auf dem Weg nach München. Blöd nur, dass weder der ICE noch der Railjet von Wien dort hält. Aber irgendwann schaffe ich es auf jeden Fall einmal dorthin!
Ein Wort zu Eid
Vergangene Woche ging der islamische Fastenmonat Ramadan zu Ende, es wurde Eid gefeiert, von manchen auch Zuckerfest genannt. In Deutschland leben viele Muslime. Menschen, die Teil unserer Gemeinschaft sind, ihrer Arbeit nachgehen, ihre Kinder erziehen, unsere Werte teilen, deren Sprache Deutsch ist, die ihren Beitrag leisten.
Einige Spitzenpolitiker gratulierten. Es ist, finde ich, völlig selbstverständlich und wünschenswert, dass Bundespräsident, Bundeskanzler et cetera ihnen jetzt, zum Ende des Fastens, “Eid Mubarak” und “Frohes Zuckerfest” wünschen. Wir wollen, dass sie, die sie hier leben, von denen wir Integration fordern und die oft längst integriert und deutsche Staatsbürger sind, den Bundespräsidenten auch als ihren Bundespräsidenten, den Bundeskanzler auch als ihren Bundeskanzler, dieses Land auch als ihr Land, die Gesellschaft als unsere gemeinsame Gesellschaft sehen. Dann ist es folgerichtig, dass man ihnen auch zu Festen gratuliert. Das als “Islamisierung” zu bezeichnen oder als “Unterwerfung”, ist absurd und falsch.
Das wiederum heißt nicht, dass man nicht unbedingt kritisieren muss, was zu kritisieren ist. Aber doch nicht so, doch nicht, wenn es ums Gratulieren geht und um gute Wünsche zu einem fröhlichen Fest! Wichtig ist vielmehr, immer differenziert zu kritisieren, das aber dann auch unbedingt zu tun und nicht zu schweigen, wenn etwas zu kritisieren ist.
Warum fällt das vielen so schwer?
Kritikwürdig finde ich übrigens, dass vergangene Woche der australische Premierminister und sein Innenminister eine Moschee in Sydney besucht haben zu Eid. Anstatt sie willkommen zu heißen und freundlich zu behandeln, wie man Gäste eben behandelt, wurden sie von den Gläubigen beschimpft und ausgebuht. Plötzlich ging es um Gaza, vom Hamas-Terror natürlich kein Wort. Vom islamistisch motivierten Terror am Bondi Beach kürzlich auch nicht.
Die Leibwächter, die in Socken herumstanden, wie man es in einer Moschee eben macht, wirkten irritiert und hilflos. Dann brach das übliche “Allahu Akbar”-Geschrei aus, und den Politikern und ihrer Entourage gelang es, die Moschee heil zu verlassen, obwohl es einiges an Gedränge und Geschubse gab. Während sie das Gelände der Moschee verließen, schrien einige ihnen “Dreckige Hunde!” und “Schweine!” hinterher.
Im Netz kursierte einiges an Häme, weil die australische Regierung nach Meinung von manchen zu freundlich gegenüber Muslimen aufgetreten sei, wie es hieß. “Jetzt kriegen die mal die Folgen am eigenen Leib zu spüren”, schrieb einer.
Ich finde jedenfalls das Verhalten jener Muslime, die dort herumgeschrien, gepöbelt, geschubst haben, würdelos, beschämend, unanständig, primitiv und peinlich. Ich wünsche dieser islamischen Gemeinde in Sydney politische Folgen dafür.
Allen anderen natürlich: Eid Mubarak!
Ein paar Worte zur Buchmesse
Ich mag Buchmessen. Sowohl die Frankfurter als auch die Leipziger. In Leipzig ist für meinen Geschmack ein bisschen zu viel “Cosplay”-Event (Si apre in una nuova finestra), aber das ist, wie gesagt, Geschmacksfrage. Was ich mag, ist, dass es Orte der Büchermenschen sind, man trifft alte Bekannte und gute Freunde, natürlich auch Kolleginnen und Kollegen, Literaturagenten, Lektorinnen, Verleger, Übersetzerinnen. Und klar, als Autor tritt man hier und da auch auf. Am heutigen Sonntag zum Beispiel um 14.05 Uhr auf der Deutschlandradio-Bühne, was auch live auf DLF-Kultur zu hören ist.
Man lernt auch neue Menschen kennen. Meike Winnemuth, die Autorin, kannte ich bisher nur vom Lesen. Klar, die Geschichte, dass sie mal bei Jauch 500.000 Euro gewonnen hat und daraufhin einfach losgezogen ist um die Welt und darüber ein Buch geschrieben hat. Zuletzt hat sie längere Zeit nichts mehr verfasst, um jetzt mit einem neuen Buch zu überraschen. Wie ich bei Penguin Random House, und so lernte ich sie am Freitagabend beim Abendessen der Penguin-Random-House-Autoren kennen. Wir sprachen über Gott und die Welt, unter anderem über Schreibgeräte und Notizbücher (mein Lieblingsthema), über Hunde (mein anderes Lieblingsthema), über Lübeck (wo sie lebt) und Wien (wo ich lebe) und Tokio (was wir beide lieben).
Was für ein toller Mensch!
Das Buch, das sie jetzt geschrieben hat: eins übers Lesen - unser gemeinsames Lieblingsthema. Ich lese sehr gern übers Lesen! Ich habe mir also gleich ein Exemplar mitgenommen, in dem ich in der Nacht zu heute gelesen habe. Ich kann es Ihnen nur empfehlen:


Ein Tönchen von Böhnchen
Apropos Lieblingsthema Hund: Mein Hund, Frau Dr. Bohne, wurde, ich schrieb ja schon vergangene Woche darüber, von einem anderen Hund gebissen. Sie wurde operiert, es ging ihr nicht gut. Sehr, sehr, sehr viele Menschen schrieben mir deswegen. Für die vielen Genesungswünsche herzlichen Dank! Es kamen auch sehr viele gute und gut gemeinte Ratschläge, ich weiß das zu schätzen, aber beim 97. Hinweis, ich solle doch eine andere Halskrause besorgen, es gebe viel bessere als die, die auf dem Foto zu sehen sei, wird es doch ein wenig anstrengend. Oder welches Futter ich nun geben solle…
Wenig verwunderlich: Es waren auch Beschimpfungen unter den Zuschriften. So ist das wohl heutzutage. Wie ich so blöd sein könne, in eine Hundezone zu gehen, da sei man selbst schuld, wieso ich meinen Hund nicht schnell genug weggezogen habe, ich sei unfähig, einen Hund zu halten et cetera.
Die Dummheit ist laut und stolz, mehr denn je, seit die “sozialen Medien” ihr eine große Bühne bieten. Generell streite ich mich ja gerne und vertrete die Auffassung, sich der Dummheit entgegenzustellen, wenn es um Politisches oder gesellschaftlich Relevantes geht. Aber hier hatte und habe ich keine Lust - und habe daher angekündigt, dass es bezüglich Böhnchen in den sozialen Medien keinerlei Infos mehr zu ihrem Gesundheitszustand geben wird, erst recht keine Bilder. Mögen sich all die, die sich benehmen können, bei den Trotteln bedanken!
Daraufhin kamen noch mehr Zuschriften, mit der Bitte, ich möge doch nicht kollektiv bestrafen (doch!).
Hier aber, bei den „Erbaulichen Unterredungen“, lesen natürlich nur nette Menschen mit. Daher: Böhnchen ist auf dem Wege der Genesung. Sie hat die OP gut überstanden, zwei Tage später waren die Lebensgeister wieder da, der Schlauch zur Drainage ist raus, jetzt kommt noch eine Kontrolluntersuchung, nächste Woche werden die Fäden gezogen. Bei jedem Tierarztbesuch widersetzt die Arme sich schon drei Straßen vorher, im Wartezimmer kuschelt sie sich an mich, zittert aber dennoch am ganzen Leib. (Bitte keine Tipps, was man dagegen tun kann! Hab alles! Weiß alles! Danke!) Als Hundehalter leidet man mit. Bald ist aber, zum Glück, alles überstanden! Dann muss nur noch das Fell nachwachsen…

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und eine angenehme Woche! In München habe ich übrigens in Bahnhofsnähe diesen Golden Retriever vor einem Goldankauf-Laden gesehen, das fand ich ein sehr hübsches Motiv: bestes Goldstück überhaupt!

Herzliche Grüße von der Leipziger Buchmesse,
Ihr Hasnain Kazim
P. S.: Für das Schreiben der “Erbaulichen Unterredungen” halte ich mir Zeit frei von anderen Aufträgen. Wenn Sie das unterstützen möchten, können Sie das tun über eine Mitgliedschaft:
Denen, die das bereits tun, danke ich ganz herzlich! Ich weiß das sehr zu schätzen!