Neue psychotherapeutische Ansätze bei ADHS im Erwachsenenalter - Die Rolle der Schematherapie
Ich selber bin mir da nicht immer so ganz sicher, ob man die bisherigen Ansätze der Verhaltenstherapie wirklich so 1:1 bei Neurodiversität anwenden kann bzw. soll. Denn es sind ja häufig eher "funktionale" = sehr notwendige Anpassungsmuster, die dann wie beim Masking der Autisten quasi sich entwickeln mussten. Aber irgendwann passt dieses Schema bzw. dieser Bewältigungsmodus dann einfach nicht mehr. Und sei es, dass schlicht und ergreifend die Kraft zum Durchhalten fehlt. Aber wie auch immer : Auch ich beschäftige mich halt mit der 3. Welle der Verhaltenstherapie und damit auch mit der Schematherapie in der klinischen Anwendung bei Neurodiversität. Auch wenn man bisher noch nicht so wirklich viel dazu finden kann. Eine der Studien stelle ich hier vor....
In zwei Studien wurde eine erhöhte Prävalenz von maladaptiven Schemata bei ADHS im Erwachsenenalter nachgewiesen. Daher könnte die Schematherapie ein vielversprechender Ansatz für die Behandlung von ADHS sein, insbesondere im Hinblick auf sekundäre Probleme wie schlechte Bewältigungsstrategien oder eine gestörte Selbstwahrnehmung.
Die pharmakologische Therapie mit Methylphenidat gilt als Erstlinientherapie bei ADHS im Erwachsenenalter und ist sehr wirksam bei der Linderung der Kernsymptome von ADHS.
Ein gemeinsames Merkmal der bestehenden psychotherapeutischen Behandlungen von ADHS ist, dass der Schwerpunkt auf den ADHS-Symptomen und ihren unmittelbaren Folgen im täglichen Leben liegt, während verinnerlichte sekundäre Probleme wie ein geringes Selbstwertgefühl oder ein depressiver Bewältigungsstil in der Regel nicht im Mittelpunkt dieser Programme stehen.
Bei der Schematherapie geht es also eher darum bzw. die Auswirkungen auf die Interaktion miut anderen Menschen und das schwierige Thema Selbstfürsorge.
Das oft laute und störende Verhalten von ADHS-Patienten führt zu harschen und unangemessenen Reaktionen von Eltern und Betreuern, und viele Kinder mit ADHS werden von Gleichaltrigen wegen ihres Verhaltens abgelehnt.
Übertragen auf Youngs Theorie der Schematherapie könnten ADHS-Merkmale als Temperamentsfaktoren betrachtet werden, die im Zusammenspiel mit anderen biografischen Umständen zur Entwicklung maladaptiver Schemata beitragen.
Bereits vor mehr als einem Jahrzehnt erörterten Ramsay & Rostain die Bedeutung verinnerlichter Kernüberzeugungen, die auch als Schemata bezeichnet werden, im Zusammenhang mit ADHS bei Erwachsenen und ADHS-spezifischer Psychotherapie und schlugen vor, die mit den Schemata verbundenen "Kompensationsstrategien" eines Patienten durch CBT gezielt anzugehen. Dieselben Autoren schufen das Konzept der ADHS als "Achse 1.5-Störung" und betonten den grundlegenden Einfluss der ADHS-Merkmale auf die persönliche Entwicklung des Patienten.
Kürzlich haben zwei Studien das Vorhandensein früher maladaptiver Schemata bei ADHS im Erwachsenenalter systematisch untersucht: Miklosi et al. untersuchten eine Stichprobe nichtklinischer Erwachsener anhand der Adult ADHD Self-Report Scale18 auf ADHS-Symptome und anhand von vier Unterskalen des Young Schema Questionnaire auf die Manifestation maladaptiver Schemata.
Teilnehmer, die auf der ASRS erhöhte Werte für mehr als 8 ADHS-Symptome aufwiesen, was auf eine mögliche ADHS-Diagnose hindeutet, hatten auf dem YSQ signifikant höhere Werte für alle untersuchten Subskalen.
Obwohl diese Studie einige Einschränkungen aufwies, darunter das Fehlen einer klinischen, beobachterbasierten ADHS-Diagnose bei den "Patienten", die geringe Anzahl von Personen mit ADHS-Symptomen und die Untersuchung nur eines kleinen Anteils maladaptiver Schemata, lieferte sie erste Hinweise darauf, dass maladaptive Schemata bei ADHS-Patienten erhöht sein könnten.
Die ADHS-Diagnose wurde klinisch durch eine sorgfältige Bewertung der ICD10- und DSM-IV-Diagnosekriterien gesichert, einschließlich einer retrospektiven Bewertung der ADHS in der Kindheit anhand der Wender Utah Rating Scale.
Die Teilnehmer wurden mit dem vollständigen YSQ-S2 auf das gesamte Spektrum der von Young et al.10 definierten maladaptiven Schemata untersucht. ADHS-Patienten wiesen im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen signifikant höhere YSQ-Werte für alle maladaptiven Schemata auf, mit Ausnahme von "Vulnerabilität gegenüber Schaden oder Krankheit".
Wie aufgrund der typischen biografischen Erfahrungen von ADHS-Patienten zu erwarten war, waren die Schemata "Versagen", "Defektheit/Scham", "Unterwerfung" und "Emotionale Deprivation" bei ADHS-Patienten am stärksten ausgeprägt.
Insgesamt stützen die beschriebenen Fälle und Studien die Theorie von maladaptiven Schemata als relevantem Faktor in der Psychopathologie erwachsener ADHS-Patienten und ermutigen zu weiterer Forschung über Schematherapie bei diesen Patienten als potenziell vielversprechendem Ansatz.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Schematherapie oder ähnliche Therapieformen, die sich auf die potenzielle Belastung durch die persönliche Geschichte des Patienten konzentrieren, interessante und vielversprechende Ansätze für die Psychotherapie von ADHS bei Erwachsenen zu sein scheinen. Da sich der Schwerpunkt dieser Ansätze stark von der Standard-Psychotherapie, der CBT, unterscheidet, sollten sie als Erweiterung oder Ergänzung und nicht als Alternative zur CBT betrachtet werden. Insbesondere Patienten, die unter einer pharmakologischen und/oder psychotherapeutischen Standardbehandlung weiterhin unter erheblichen Sekundärproblemen wie Depressionen oder Angstzuständen leiden, können von stärker biografieorientierten Ansätzen wie der Schematherapie profitieren.
Quelle :
https://www.jneurology.com/articles/new-psychotherapeutic-approaches-in-adult-adhd--acknowledging-biographical-factors.html (Abre numa nova janela)