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Medizin aus der Boutique und Mathematik aus der Backstube

Könnten Sie sich vorstellen, in eine Boutique zu gehen, um sich den Blutdruck messen zu lassen? Kaum jemand dürfte auf die Idee kommen, in Köln in eine Boutique zu stapfen und nach Erkältungsmedizin plus einer Einlösung eines E-Rezepts zu fragen. Oder nicht? Und warum schickte meine Oma Mathematiker an den Backofen?

Eine Apotheke auf der Hauptstrasse des wunderschönen Nea Artaki auf der Insel Euboea

 

Nun, es ist alles eine Definitionssache. In Deutschland, Österreich, der deutschsprachigen Schweiz, in Luxemburg, in Liechtenstein und im deutschsprachigen Teil Belgiens gehen die Menschen wenn sie krank sind in die Apotheke. In Schweden, Norwegen und Dänemark nennt man die Geschäfte „Apotek“. Die Russen sagen  „apteka“. Auch bei den Polen und ebenso in Serbien und sogar der Ukraine gibt es Medizin in der „Apteka“. In den Niederlanden sagt man „Apotheek“ und in Finnland „Apteekki“. Und ja, das hat sehr viel mit „Boutique“ zu tun – mit dem Wort und nicht mit der heutigen Bedeutung.

 

In Boutiquen erwartet man modische Kleidung, Accessoires, Schmuck oder Kosmetik. Mit einer Boutique verbindet man im Gewöhnliches exklusives Einkaufen und erlesene Dienstleistungen. Der Begriff wurde so sehr mit Exklusivität verbunden, dass es auch Boutique-Anwaltskanzleien, Boutique-Verlage und Boutique-Agenturen gibt. Wer was auf sich hält, geht in ein Boutique-Hotel, statt in einem unpersönlichen Haus einer weltweiten Kette abzusteigen.

 

Auch die Griechen kennen das Wort Boutique. Sie schreiben es naturgemäß im griechischen Alphabet etwas anders. «Μπουτίκ» (Mpoutik, das „Mp“ wie ein „b“ gesprochen) ist ein klassisches Lehnwort. Es stammt aus dem Altgriechischen, verbreitete sich über die europäischen Sprachen und gelangte schließlich über das Französische zurück ins Neugriechische.

 

Altgriechisch? Wie kommt das? Nun „Boutique“ stammt zweifelsfrei vom französischen Wort „boutique“. Das wiederum hat seine Wurzeln im altokzitanischen Wort „botica“. Okzitanisch ist eine galloromanische Sprache, die heute noch als Dialekt in Gebieten von Frankreich, Spanien und Italien gesprochen wird. In Katalonien hat sie den Status einer zweiten Amtssprache. In Frankreich wird sie als Minderheitensprache anerkannt. Die Sprache ist eine Geschichte für sich. Festzuhalten ist, dass das Altokzitanische als Sprache der Troubadours im Mittelalter sehr zur Verbreitung des Wissens in Europa beigetragen hat.

 

Die galloromanische Sprache hatte die „botica“ als Form des im Lateinischen üblichen „apotheca“ übernommen. Und da sind wir wieder bei unserer Apotheke. Die Lateiner wiederum nahmen ihre „apotheca“ aus dem Lager der altgriechischen Vokabeln, hier dem « ἀποθήκη» (apothiki). Das Wort existiert auch im Neugriechischen weiter und wird vereinfacht als «αποθήκη» geschrieben. Ein Wort, in dem sich nichts Exklusives versteckt. Es setzt sich zusammen aus dem Präfix «ἀπο-», das schlicht die Entfernung vom aktuellen Ort angibt. Dazu kommt das Substantiv «θήκη», das vom Verb «τίθημι» stammt. Das Verb bedeutet etwas zu platzieren oder zu setzen. Auch die Theke als Ablageort für irgendetwas hat diesen etymologischen Ursprung.

 

Die Apotheke ist somit profan ein vom Hauptraum räumlich abgetrenntes Lager. Wortwörtlich wäre der Treffpunk am Kamin im Boutique-Hotel damit ein Rendezvous an einem Lagerfeuer. Wieso wir heute unsere Medizin aus einem Lagerraum holen und dabei akademisch gebildete Lageristen (Apotheker) bezahlen? Ganz einfach, im Mittelalter waren besonders in Nordeuropa die Klöster die Hüter des Wissens und damit auch der Medizin. Von einem Kloster konnte man sich Heilkräuter erbitten. Und diese wurden zusammen mit den aus ihnen gebrauten Tinkturen im Klosterlager, der Apotheke aufbewahrt.

 

Die Griechen, aus deren Sprachschatz das Wort stammt, kämen nie auf so eine Idee. Bei ihnen heißt es „Pharmakeio“ (φαρμακείο). Daraus wiederum machten die Franzosen ihr „pharmacie“ und die englischen Sprachen ein „pharmacy“. Die einzige Medizin, die man dort in einer Boutique erwirbt, ist eher metaphorisch. Sie hängt mit der als „Shopping Therapy“ bekannten modernen Form des Sammelns und Jagens zusammen. Des Einkaufsbummels, den mehr oder weniger vermögende Zeitgenossen als Mittel zur Stimmungsaufhellung betreiben.

 

Heißt das, dass wir alle eine Art Griechisch sprechen? Nein. Denn nehmen wir mal eins der heute wichtigsten Wörter, den Algorithmus. Es sieht auf den ersten Blick vielleicht Griechisch aus. Aber tatsächlich geht es auf den begnadeten Mathematiker Abu Dshafar Muhammed Ibn Musa al-Khwarizmi. Latinisiert wurde der Name des Mathematikers zu Argorismi. Im 16 Jahrhundert wollte man dem Namen einen etwas griechischer wirkenden Anstrich verleihen und schrieb ihn Algorithmus. Damit wollte man es gebildeter wirken lassen.

 

Unser Mathematiker, dem wir so viel verdanken, bekam davon nichts mit. Im neunten Jahrhundert erfand er nebenbei die Algebra, als er ein Lehrbuch mit der mathematischen Erfassung von Erbschaftsregeln schrieb. Um es kurz zu machen – der Begriff „Algebra“ ist vom arabischen Titel des Buches abgeleitet. Und ausgerechnet mit diesem Wort animierte mich meine Oma, die Etymologie von Begriffen zu erforschen. Das Neugriechische war neben ihrer Muttersprache, dem pontischen Griechisch und dem an ihrem Geburtsort üblichen Türkischen, sowie dem Russischen des zwischenzeitlichen Flüchtlingsaufenthalts ihre vierte Sprache. Wenn ihre Kinder und später ihre Enkel sich mit der Mathematik, insbesondere der Algebra beschäftigten, fand sie das außerordentlich lustig. Denn Oma sagte Alevra (άλευρα) statt dem im Griechischen üblichen Aljevra. Durch den weggelassenen Laut wurde die mathematische Rechenkunst zum simplen Mehl degradiert. Wieso wir für unser „Mehl“ stundenlang starr auf Papier starren, während sie damit leckere Speisen zaubern würde, wollte Oma von uns wissen.

 

Oma genoss die Geschichten der Wörter, mit denen sie so gern spielte. Sie tat es im vollen Bewusstsein und nicht aus Unwissen. Es war das Kokettieren einer Frau, die wegen Flucht und Vertreibung kaum vier Jahre Schule genießen durfte, mit Wissen und Sprachen. Denn in den meisten Fällen kannte Oma zu meiner großen Überraschung immer die Herkunft der Worte, mit denen sie uns zum Narren hielt. Selbst, wenn die genaue Etymologie ihr nicht immer bekannt war, wusste sie, welches Wort aus dem Griechischen, Türkischen, Arabischen, Russischen oder aus sonst einer Fremdsprache stammt. Vielleicht sollte ich meine Fantasie, Oma mit ihren coolen Sprüchen in ein Boutique-Hotel zu schicken, einmal zu einer Geschichte machen. Es hätte ihr gefallen.

Tópico Kultur