00:00:01 Forethought
00:01:06 Kritische Theorie: die alte Frankfurter Schule und die Shoa
00:10:20 Religion: Religion und meine Arroganz
00:17:54 Erste Notiz: Über Privatisierung von Leid, Dichotomien und die Logik der Auslöschung
00:22:16 Zweite Notiz: Übersetzung und Unlesbarkeit
00:33:38 Dritte Notiz: Nochmal über Religion und Tradition
00:33:26 Abmoderation
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Diese Folge wurde produziert, recherchiert und moderiert von Steven Xavier Cassimo. Die Intro- und Outro-Musik wurde komponiert und produziert von Jason Shaw (Creative Commons Music by Jason Shaw on Audionautix.com (Abre numa nova janela))
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Eine neue Folge Black History! Heute der zweite: kein Nachruf, sondern ein Verlernen. Ich werde heute weiter in den aufgesprungenen und abgeplatzten Gewissheiten graben. Die Post-its weiter ausformulieren. Reflektieren, wer in diesem Podcast wieso, weshalb und warum spricht. Die letzte Episode war der Versuch, mir meine Politisierung, sofern ich sie erinnere, vor Augen zu halten. Ich habe das Echo der 68er-Bewegung als auch die Frankfurter Schule wiederentdeckt. Jürgen Habermas, Repräsentant dieser Denkschule und gleichsam Vertreter der kritischen Theorie, formte mit seiner Idee des kommunikativen Handelns und meinem Erkennen, inwiefern jene Idee mich geprägt hat, den wesentlichen Teil dieser Folge ||
~ die alte Frankfurter Schule und die Shoa || Sicherlich trug auch die alte Schule, die Gründergeneration, jene, die ja den Zivilisationsbruch des Westens, also den Holocaust und die Abgründe des Faschismus durchlebt hat, einen beträchtlichen Teil zu meiner Politisierung bei. Etwa Theodor W. Adorno, Max Horkheimer und Herbert Marcuse. Horkheimer und Adorno kreisten in ihrer Dialektik der Aufklärung die desillusionierende Einsicht ein, dass der Westen, anstatt in einen befreiten, rationalen Zustand, inspiriert von Geschwisterlichkeit, Gleichheit und Verantwortlichkeit, einzutreten, in eine völlig neue Prägung der Inhumanität abzugleiten droht.1 Das, was ich unbeirrt als sogenannte ‘Zivilisation’ für gegeben genommen habe wandelt sich, graduell also in Abstufungen, zu einem System der instrumentellen Vernunft. Für die Studierenden der 68er-Bewegung galten Denker wie Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, ebenso wie Herbert Marcuse, als intellektuelle Außenseiter; als ‘Treibgut der Geschichte’,2 in einem Meer der Konformität. Und doch war es ihre radikale Kritik an dem kapitalistischen Ausbeutungssystem, die den theoretischen Stoff für die politische Revolte vermengte.3 In den nachfolgenden Generationen verschob sich der Fokus vehement, da die Hoffnungslosigkeit der Gründergeneration einen Ausweg forderte. An dieser Stelle tritt für mich Jürgen Habermas. Habermas erkannte die Resignation der alten Frankfurter Schule und versuchte, ihr normatives Defizit durch sein Konzept der ‘Verständigung’ und die Idee des ‘kommunikativen Handelns’ aufzulösen.4 Er suchte nach Strategien, um das für ihn unvollendete Projekt der Moderne nicht aufzugeben, sondern es vor allem gegen neokonservative Kritiker*innen und irrationale Strömungen zu verteidigen.5 Ich blicke in meine Gegenwart, auf Rahel Jaeggi, welche im stetigen Diskurs mit Axel Honneth, der die Theorie der sozialen Anerkennung prägte,6 zu einer maßgeblichen Stimme der neuen Kritischen Theorie avancierte. Jaeggi bringt die Theorie zurück zu einer Kritik von ‘Lebensformen', die zu mir herausgreift und mir verdeutlicht, wie sozialer Wandel als ein anreichernder Lern- und Erfahrungsprozess gelingen kann oder eben als gesellschaftliche Regression in Gewalt und Macht, Verrohung oder Herzlosigkeit und Autoritarismus scheitern kann.7 Insofern bin ich von den Lehren der Shoah; der systematischen, industriellen Vernichtung der europäischen Jüd*innen sowie der Sinti und Roma;8 aber eben auch von dem Völkermord an den Herero und Nama in Namibia, dessen koloniale Vernichtungskriege die späteren Praktiken in Auschwitz explizit vorbereiteten.9 Ich bin gezeichnet von dem Genozid an den Indigenen Amerikas, der als erster Genozid der modernen Periode absurderweise als direkte Blaupause für Hitlers ‘Lebensraum’-Politik diente.10 Die Genozide in Kuba und auf den Philippinen, wo am Ende des 19. Jahrhunderts das mörderische Instrument des ‘Konzentrationslagers’ zur Unterwerfung erfunden wurde,11 und mit der Vernichtung der Armenier*innen, vorangetrieben durch das europäische Nationalstaatsdenken der Jungtürken, das den Beginn des 20. Jahrhunderts als ein neues ‘Zeitalter der [Genozide]’ einläutete.12 Der Schmerz aus Ruanda, ein Genozid im afrikanischen Kontext, der unweigerlich aus kolonialen Rassifizierungen und in europäischen Herrschaftsstrukturen eingebettet ist.13 Ich erinnere an die Episode zu Martin Kimanis Rede, die die offenen Wunden des Nigeria-Biafra-Krieges, der als postkolonialer Genozid durch Hunger und strukturelle Gewalt in die Weltöffentlichkeit exponierte.14 Aber auch die noch offenen Wunden von Srebrenica, wo mitten in Europa vor den trägen Augen der Weltgemeinschaft 8.000 bosnische Muslime und Muslima ermordert wurden;15 bis hin zur entmenschlichenden Nekropolitik des Vietnamkriegs. All diese Risse, maßgeblich vorangetrieben von der eurozentrischen Nordhalbkugel, haben meinen Blick auf die gegenwärtigen Kriege, Interventionen, Engagements, Regime Changes; oder wie auch immer diese neokoloniale Gewalt im provinziellen globalen Norden so beschönigend genannt wird; unumkehrbar beeinflusst. Aber auch zwischen dieser Aufreibung der Neuen Linken, des deutschen Nachkriegszeitgeschehens, die in ihrem theoretischen Elfenbeinturm die zahlreichen antikolonialen Kämpfe, die ich bis hierhin mit all meinen Episoden versucht habe einzukreisen, meist nur zur Projektionsfläche ihrer eigenen Revolutionsromantik abwertete, um am Ende zwischen autoritärem Dogmatismus und dem bewaffneten Terror der Stadtguerilla zu zerschellen.16 Dies war ein Irrweg und der Abgang einer an sich selbst gescheiterten Bewegung. Ich denke an den Terror der RAF, der niemandem eine Befreiung brachte. Er riss eine Gesellschaft in eine ‘bleierne Zeit’ der staatlichen Aufrüstung hinein.17 Hierin reflektiere ich ausdrücklich nicht als ein einsamer Denker. Dieser merkwürdige Denker, der sich aus sich selbst heraus erschafft, ist allenfalls ein cartesianisches Märchen. Bewusstsein existiert ja niemals im Vakuum. Bewusstsein ist, wie Jürgen Habermas es spezifizierte, ein dichtes Gewebe, das aus den ‘Fäden der Intersubjektivität’ gesponnen ist; wir werden uns unserer selbst ja erst in jenem Moment bewusst, in dem uns der Blick eines Anderen begegnet.18 Diese Form des relationalen Bewusstseins äußert sich auch in der politischen Praxis des Miteinander-Denkens, in der wir, wie Hannah Arendt uns zeigt, selbst in der größten Stille die Stimmen und Standpunkte der Abwesenden in uns repräsentieren.19 Diese Vorüberlegung ist sehr vage, ist ein Drauflosspielen. Ich schließe den Forethought daher mit folgendem Gedanken. Wenn sich marginalisierte Leiber aneinanderbinden, entsteht immer gemeinsames Bewusstsein, das kein passiver Zustand ist oder den ihr zugeschriebenen passiven Zustand aufquellt, und es entsteht immer ein kollektiver ‘Produktionsvorgang’20. Meine und die ontologische Würde der Autor*innen in diesem Podcast funktioniert nur in Beziehung zueinander. Hierin, in dieser bewussten, von mir und den Autor*innen geteilten Erfahrung, entsteht ein Widerstand gegen eine systemische Logik (die insbesondere von einer patriarchalen, kapitalistischen, weißen, männlichen Sphäre dominiert wird), die danach trachtet, alles, was sich dem entgegenstellt, zu atomisieren, zu entfremdeten Einzelnen zu machen und zu beherrschen. Die Texte oder Autor*innen und ich, also Wir schreiben hier nicht gegen die Risse an, um die trügerische Hoffnung zu wahren, als hätten die Ideen der Freiheit niemals Berührungspunkte mit kapitalistischen Logiken gehabt. Wir erkennen an, dass unsere Freiheit und unsere Solidarität überhaupt erst in diesen Rissen wachsen konnten. Sie sind die Geburtsstunde aus dem Scheitern ihrer unfruchtbaren Dogmen.21 Wenn ich, wenn wir also in diesem theoriepolitischen, philosophischen, soziologischen und literarischen Gedankengeröll wühlen, dann tun wir, dann tue ich das in dem Bewusstsein, dass dieses kapitalistische System uns in einer Art und Weise durchdringt, vom kleinsten materiellen Detail bis weit in die Affekte unseres Leibs. Wir können nicht in ein „Bar jeder Schuld“ nach außen fliehen. Wir können nicht in ein von nichts wissen flehen. Wir können nicht in ein „Mir hat keiner was gesagt“ fliehen. Stattdessen müssen wir diese Logiken von innen heraus kapern und sukzessive gegen sie selbst wenden,22 bis die systemischen Logiken angestrengt werden, vor ihren eigenen Abgründen ins Stocken zu geraten. Ich ende nun wirklich, aber mit Elísio Macamo, denn Macamo sagt auch, dass dieser Widerstand allein niemals reichen wird. Wenn wir Neues schaffen, dürfen wir uns niemals einer kolonialen und menschenverachtenden Sprache bedienen. Macamo fordert deshalb den Akt der ‘Poiesis’; also unsere eigenen epistemologischen Bedingungen zu rekonfigurieren, um etwas in die Existenz zu rufen, das unter den jetzigen systemischen Logiken nicht nur verunmöglicht, sondern auch völlig undenkbar gemacht wurde.23
~ Religion und meine Arroganz || Von welcher alten Gewissheit spreche ich eigentlich? Was bringt mich hier dazu, eine Grundfeste in mir zu erschüttern, sie zu hinterfragen, und rüttelt da noch wer außer ich selbst? Wo entstehen, wieso und weshalb, Risse in unserem Denken? Wovon, von wem verabschiede ich mich, woran, an wen halte ich fest, wen oder was begrüße ich? Zunächst ist diese Notiz eine Verabschiedung von der elitären Arroganz der westlichen Linken. Von einer klassisch-marxistisch, eurozentrisch gelesenen Überheblichkeit, mit der ich politisch denken, sprechen, sehen, hören, ja, sogar fühlen gelernt habe. Etwa die Idee, dass religiöse Praktiken (das Fasten, das Beten) von Menschen nichts weiter seien als ein mangelhaftes ‘falsches Bewusstsein’;24 einfach nur ein Trick einer herrschenden Klasse.25 Die Autor*innen sträuben sich, zu glauben, dass dieser sogenannte Fortschritt immer gleich blindlings ‘mit dem [vermeintlich] alten Sinn aufräumen’ muss.26 Ich denke, worauf ich vorsichtig hinweisen möchte, ist, dass die vulgärmarxistische Eindämmung der Religion auf ein Herrschaftsinstrument die komplexe körperliche und psychische Realität nicht vollständig berücksichtigt. Wendy Brown zufolge ist der Glaube keine Ideologie, die von dahergelaufenen Ausbeutern genutzt wird, sondern er ist die ‘Emanation [(also das unwillkürliche, organische Ausströmen und der direkte, verkörperte Aufschrei)] aller entfremdeten und unfreien gesellschaftlichen Bindungen.’27 Er ist, wie Cornel West aus dem Lateinischen ‘ligare’ herleitet, jener lebensnotwendige Akt des gegenseitig sich absichernden Aneinanderbindens verletzlicher Körper, um all das Schöne und Gerechte in uns zu stabilisieren.28 Und was sich diesem oben beschriebenen Glauben entgegenstellt, ist nichts Geringeres als eine Katastrophe. Das heißt, eine historische und allgegenwärtige Nekropolitik aus Kapitalismus an seinem höchsten Punkt, Sklaverei, Segregation, räumlichen sowie epistemischen Grenzziehungen und nun mal einer kapitalistischen Ausbeutung, die sekündlich danach trachtet, unsere ontologische Würde zu zerschlagen und uns in verwertbaren Abfall zu verwandeln.29 Mbembes Nekropolitik resümiert über einen Aspekt westlicher Souveränität als die Macht, darüber zu entscheiden, wer leben darf und wer sterben muss, wodurch marginalisierte Menschen durch den Staat strukturiert in den Status, welchen er ‘lebende[r] Tote[r]’ nennt, getrieben werden.30 Um wieder zurück zum Glauben zu kommen. Dieser ist ein ontologischer Abdruck von Unterwerfung, der jedoch zugleich eine eigene, unkontrollierbare Handlungsmacht hervorlockt. Jürgen Habermas erklärte, dass die reine Vernunft der Aufklärung das menschliche Bedürfnis nach Trost31 niemals stillen konnte. Es waren historisch betrachtet die religiösen Traditionen, die den radikalsten Revolten der Unterdrückten angesichts der direkt erfahrenen Ungerechtigkeiten ihre normative Sprengkraft und Solidarität an die Hand gaben.32 Übereinandergelegt mit Talal Asads Perspektive auf verkörperte Traditionen33 drückt sich religiöse Praxis weniger als rekursiver Defekt oder kognitiver Irrtum ab. Sie ist, wie Andrea Maihofer in Worte kleidet, eine zutiefst rationale, lebendige Demonstration gegen eine reale, physische Krise.34 Ich nehme mich hier selbst nicht heraus. Ich habe sehr lange Menschen jene körperliche Suche nach Wahrheit abgesprochen. Ja, sogar den Glauben meines eigenen Vaters habe ich im Stillen als etwas Diffuses und Verlustbringendes abgetan. Aber warum war das so? Ich meine, weil das Säkulare eine ziemlich starke Illusion ausstrahlt. Es ist so eng mit dem Bild des modernen, säkularen Nationalstaates als der ultima ratio, dem neutralen Ort der Freiheit, verwoben, dass ich es fast schon als etwas Naturgegebenes geglaubt habe. Ich möchte nicht diesen Kurzschluss machen und in eine Art naiven aufklärerischen Gestus verfallen und das Säkulare mal eben versuchen, ‘demaskieren’ zu wollen, als verbirgt sich dahinter eine reine, objektive Wahrheit oder Weisheit. Ich begreife diese Maskerade selbst als eine relationale, unberechenbare epistemische Praxis und Erfahrung, die ich nicht aus einer behüteten Distanz auflösen kann, sondern in die ich mich gleichsam verwickeln muss.35 Korrespondierend kann das ja unter Umständen nur in der Konfrontation gelingen. Denn das ‘Säkulare’ dient mitnichten als neutraler Raum der Befreiung, sondern als ein sehr überzeugender Herrschaftsmechanismus des Staates selbst. In seiner andauernden Ausübung werden koloniale Machtverhältnisse und aufgeschichtete Traumata ja ständig neu reguliert und gewaltvoll reproduziert.36 Der Staat hat den Begriff der Religion überhaupt erst in einen rein 'inneren, privaten Glauben' umformuliert.37 Und warum? Damit der Staat das uneingeschränkte Monopol auf die Gewalt, die Bestrafung und die Disziplinierung von Körpern im öffentlichen Raum für sich allein beanspruchen kann.38 Er hat den Glauben auf gewisse Weise ins stille Kämmerlein gesperrt, um draußen auf den Straßen ungestört herrschen zu können. Und diese Herrschaft hat einen Rhythmus. Dieser Rhythmus ist beschleunigt und ich sage es sehr drastisch, er ist die Tyrannei der Beschleunigung. Während eine Tradition, eine gelebte Solidarität, doch Zeit braucht. Sie gelingt in sich ruhend, gleichmäßig atmend, in der Erinnerung, in der Gemeinschaft.39 Aber diese Zeitlichkeit, die wir uns immer und immer wieder vorzustellen versuchen, wird letztlich durch die rasende Wachstums- und Zeitideologie des globalen Kapitalismus und des Nationalstaates Punkt für Punkt abgeräumt.40 Man wird regelrecht in eine Atemlosigkeit, in einen Erschöpfungszustand hineingepresst, weil die Logiken unseres Systems unsere Art und Weise zu wirtschaften von weißen, suprematistischen, kapitalistischen, patriarchalen, heterosexuellen Strukturen dominiert werden. Und diese Strukturen wissen ganz genau, dass Menschen, die keine Zeit mehr haben, um gemeinsam mit ihren Geschwistern und Chosen Families zu erinnern, zu denken, sich an ihren Widersprüchen zu reiben, dass Menschen dann auch keine Kraft mehr für den Widerstand haben. Jemensch hat dann auch keine utopischen Kräfte mehr, mit denen sie eine lebenswerte Zukunft gestalten könnten.
Vielleicht schrieb ich deshalb diese Post-its. Ich habe sie ja nicht angehäuft, um irgendwelche Nachrufe auf irgendetwas zu halten. Sie sind für mich da, um das Tempo zu drosseln. Um in meinem eigenen Tempo meine Irrtümer zu finden, sie zu exponieren und auszuräumen. || ~ Deshalb einatmen. polepole (langsam). Und ausatmen.
~ Über Privatisierung von Leid, Dichotomien und die Logik der Auslöschung || Ich freunde mich zusehends damit an, die Dichotomiesierungen des Westens als das zu dechiffrieren, was sie sind. Und zwar imperiale Werkzeuge der Kontrolle. Jonathan Boyarin zeigt mir, dass die in mir eingeschärften Gegensätze, Religion versus Säkularismus, Christentum versus Islam, überhaupt mitnichten natürliche Antagonisten sind. Sie sind eine Erfindung. Sie wurden in der europäischen Moderne als ein abhängiges Zwillingspaar ko-produziert, zum Zweck, die Risse in der weißen, westlichen Identität zu verfestigen.41 Der Westen brauchte die Konstruktion des vorgeblich ‘irrationalen’, religiösen ‘Anderen’ nolens volens, um sich selbst die Krone der säkularen, rationalen Überlegenheit aufsetzen zu können. Mit anderen Worten strahlt der Westen durch diese Idee den Drang aus, sich selbst zu erfinden und dabei den ‘Anderen’ oder das Nichtwestliche vom vermeintlich westlichen ‘Wir’ zu isolieren. An dieser Erfindung haftet auch eine Wut, quasi eine Konstruktionswut, und aus ihr leitet sich eine sehr perfideste Einbildung ab. Die Ananda Abeysekara als die neoliberale Agency-Falle bezeichnet. Sie meint damit den Fetisch weißer Akademiker*innen, marginalisierten Menschen, permanent ‘Agency’; also uneingeschränkte Handlungsmacht; zu attestieren.42 Was mir die westliche, elitäre Akademie und sogar ich mir teilweise selbst als wohlwollendes ‘Empowerment’ oder individuelle Handlungsmacht suggerieren will, ist manchmal bei genauerer Betrachtung ein neoliberales Fettnäpfchen. Es ist, als würde mir ein Block aus privatisierter Verantwortung vorgelegt werden, durch den ich mich bis zur Erschöpfung allein bohren soll, um eigentlich unser Überleben zu sichern. Doch Jemensch ist meist isoliert, während die nekropolitischen Sphären des Systems unangetastet bleiben. Diese Logik wippt meistens im immer selben Takt zur folgenden Baseline: Wem universelle ‘Agency’ zugeschrieben wird, dem wird zwangsläufig auch die alleinige Verantwortung für das eigene Überleben und somit für das eigene Leid projiziert.43 Diese Logik dieses kapitalistischen Denkens schlägt sich mantraartig durch. Es will mir und so vielen Marginalisierten glauben machen, wir müssten uns schlicht an den eigenen Haaren aus einem Sumpf herausziehen. Nur der historische Zweck dieser angeblichen Aufwertung unserer Handlungsfähigkeit besteht jedoch darin, den kolonialgeprägten Staat von seiner strukturellen Gewalt zu entpflichten. Mein Leiden, dein Leiden, unser Leiden ist eng an die nekropolitischen Aspekte dieses kapitalistischen Systems gebunden. Auf diese Weise wird jegliches Versagen privatisiert und in nichts als die Frage der Eigenverantwortung übersetzt. Mit anderen Worten liegt der Triumph dieses Systems nicht nur in der Entpflichtung des Staates, sondern auch in der dezidierten Zerstörung unserer Solidarität. Indem uns das ‘weiße, suprematistische, kapitalistische, patriarchale, heterosexuelle’ System auftischt, wir seien als autonome Akteure ganz allein unseres Glückes Schmied, internalisieren wir die strukturellen Limitierungen als unsere eigenen, persönlichen Defizite.44 Vor diesem Hintergrund bemerke ich gerade, wie viel Macht eigentlich in solchen alltäglichen Sprüchen (wie jeder ist seines Glückes Schmied) eingeschrieben ist. Unser verzweifelter Überlebenskampf im Sumpf wird so in einen mörderischen, horizontalen Verdrängungswettbewerb übersetzt, bei dem wir den marginalisierten Körper neben uns nicht länger als leidende Geschwister erkennen, sondern als Konkurrenten um die wenigen, vom System abgeworfenen Rettungsringe.
~ Übersetzung und Unlesbarkeit || Wir verweigern uns auch der Wunschträume von der linguistischen Harmonie. Übersetzung ist kein friedlicher Brückenbau zwischen Kulturen, sie ist ein imperiales Projekt. Nadia Fadil gibt zu bedenken, dass die Übersetzung zwischen dem Westen und dem Nicht-Westen immer von Machtasymmetrien saturriert ist.45 Wenn ich beispielsweise aus meiner akademischen Ausbildung heraus die Lebensrealitäten marginalisierter Menschen und Perspektiven übersetze, tue ich das häufig unterbewusst, um sie gefügig zu machen. Das bedeutet das ich Komplexe Traditionen, wie ich es etwa in der Notiz zur Religion gemacht habe, semantisch zu reduzieren beginne. Ich fange an zu zerstückeln. Ich fange an sie in nüchternde Vokabeln westlicher Diskurse zu pressen.46 Das ist ein Grund, weshalb ich mich immer mehr dafür sensibilisiere, über die Bilder, die ich reproduziere, zu reflektieren und über die Episoden, die ich hier skripte, zu resümieren, um das Bild des vermeintlich ‘Anderen’ eben nicht unhinterfragt zu reproduzieren und Menschen dadurch nicht für mich passend und lesbar machen zu wollen. Die Übersetzung von Existenzen kann doch nur im unbequemen Hin- und Herwenden, in den Tönen zwischen Moll und Dur gelingen. Die Übersetzung muss in jener Präsenz bleiben, die das westliche Denken in seinen Grundfesten anrührt.47 Dies gelingt auch nur wenn ich bereit bin die intertextuellen Fäden die mir die Texte und Auro*innen entgegenwerfen zu greifen sie weiterzuweben, mit ihnen gemeinsam an etwas neuem zu Weben. Sozusagen die dekoloniale Wissenschaft zu pflegen. Das bedeutet aber auch nicht mit der ethnologischen, soziologischen, ökonomischen, philosophischen Lupe in den globalen Süden zu reisen, um uns dort als Studienobjekte zu sezieren. Ein Grundziel besteht somit immer in der Irritation und Umschulung des westlichen Geistes selbst! Es geht, in der Tradition von Dipesh Chakrabarty, um das radikale ‘Provinzialisieren’ der westlichen Weltsicht.48 Beispielsweise zu hinterfragen, warum etwa in manchen geopolitischen oder philosophischen Diskursen die Überzeugung so vehement vertreten wird, dass jene europäischen Baupläne dezidiert die des globalen Nordens die bestmöglichsten Ideen für die komplette Erde bereithalten und dass nicht Europäisches sich immer an diffusen eurozentrischen oder modernen Vorstellungen messen lassen muss und dazu gedrängt wird, sich ständig erklären zu müssen und so weiter und so fort. Damit meine ich nicht, dass es natürlich in einer Welt wie der, die sie nun mal ist, Konflikte darum geben muss, welche Normen, Werte und Regeln federführend sind, und Menschen darüber sprechen müssen, ob das fein mit ihnen ist oder nicht. Ich meine etwas anderes und ich sage ganz vulgär: Ich meine diese Besoffenheit der 1990er-Jahre. Darüber sprach ich ja schon ausführlich in der Episode zu den BRICS-Staaten. Dieses Märchen vom Ende der Geschichte nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Diese Idee in den Köpfen der Menschen, die Geschichte sei zu Ende erzählt und der ‘Westen‘ habe gesiegt, Demokratie und reichlich Kapitalismus mit all seinen sich selbst ausschällenden Facetten für alle. Wachstum, bis alle Ressourcen und die letzten Tröpfchen Vorstellungskraft eine andere Welt überhaupt noch imaginieren, ausgewrungen sind. Modern zu sein kann doch nicht bedeuten, hysterisch nach Freiheit zu grölen, gleichwohl die Verantwortung für das Kollektiv ausgeblendet wird. Es kann doch nicht bedeuten, seinen Leib in einen toxischen Ring zu werfen, um eine individuelle Handlungsfähigkeit, in der Mitmenschen nur noch als lästige ‘Einschränkung’ der eigenen Entfaltung begriffen werden.49 Und mehr noch: Modern sein darf doch auch nicht dazu führen, das emanzipatorische Credo von der Freiheit der Andersdenkenden pervers zu kapern, um einen radikalen ‘Phantombesitz’ an Willkür zu deklarieren.50 Uns lenkt ein ohrenbetäubendes Einfordern absoluter Toleranz für jene, die offen heraus die Auslöschung des Toleranten anstreben, ab. Da ist eine entfesselte Schrumpffreiheit über uns gerollt, die sich selbst nur noch dort spürt, wo sie rücksichtslos Grenzen verletzt und etwas kaputtmachen darf.51 Wer oder was legt dieses Modernsein fest, dass jemand oder etwas modern genug ist und ja nicht inkomplett? Um was geht es da eigentlich? Europa ist eine historisch spezifische Provinz, die es durch ökonomische und militärische Herrschaft geschafft hat, ihre eigene, ignorante Vernunft als allgemeingültig anzubieten.52 Stichwort: Universalismus. Sabelo Ndlovu-Gatsheni und Katharina Schramm fordern daher ein konsequentes ‘Unknowing’; ein Verlernen jener eurozentrischen Wissensproduktion, die uns vorschreibt, wie wir die Welt zu begreifen haben.53 Also die Selbstbefragung anzuregen: Wieso, weshalb und warum fühle ich, wie ich fühle, erlebe ich, wie ich erlebe, sehe ich, wie ich sehe, spreche ich, wie ich spreche, schmecke ich, wie ich schmecke, oder rieche ich, wie ich rieche? Aber auch die Befragung in Relation zu anderen anzuregen, also voneinander zu lernen, wie man lernt, zu verlernen, um Neues zu erlernen Welche Zugänge, Mittel, Räume und Bedingungen brauchen solche Prozesse? Ich folge damit keiner Zerstörungswut, sondern dem Gedanken, unsere eigene intellektuelle Handlungsfähigkeit, unsere ‘epistemic freedom’, zu verteidigen.54 Um auf einen dieser vielen Aspekte einmal einzugehen: Warum spreche ich in diesem Moment eigentlich so, wie ich spreche? Ich meine diesen ruhigen, besonnenen Ton. Dieses Mal tastendes, mal innehaltendes, mal vereinfachendes oder mal verkomplizierendes Sprechen. Ich glaube, ich realisiere gerade, wie drei Jahre Universität, also eine akademische Institution, durch ihre Normen, Konventionen und Regeln, durch diesen bestimmten Habitus und Duktus, den sie versprüht, mich verändert haben; das meine ich vorerst gar nicht normativ, ich stelle es nur fest. Aber es ist schon komisch zu bemerken, dass die Art, wie ich heute denke, spreche und fühle, zwar viel mit dem zu tun hat, was ich vor meiner Zeit an der Uni erlebt habe, aber gleichermaßen ganz klar von den letzten drei Jahren in dieser Institution geformt wurde. Ich merke aber auch, wie das mit meinem Männlichkeitsbild und meiner Position als Schwarzer, migrantisierter und heterosexueller Mann zusammenhängt. Ich habe, ohne mir dessen bewusst zu sein, während meiner Prüfungsvorleistungen, für die ich meist Vorträge halte, angefangen, exakt so zu reden, wie ich es gerade tue. Und das finde ich richtig merkwürdig. Nach meinen Vorträgen falle ich immer wie in mich zusammen, weil ich so steif und nüchtern spreche, wie ich es eigentlich gar nicht tue. Aber vielleicht bilde ich mir das nur ein. Vielleicht ist das meine innere Wahrnehmung und meine äußere ist eigentlich eine andere. Jedenfalls habe ich mir da irgendetwas angeeignet, das mir einredet, ich würde nur durch ein bestimmtes Verhalten, durch eine bestimmte Sprache und ein bestimmtes Auftreten wahrgenommen und ernst genommen werden. Und selbst dann noch, wenn ich Unsinn rede oder eigentlich komplett lost bin. Wie viel ich in diesen Momenten dann plötzlich reden kann und versuche, irgendwie zu brillieren! Ich denke, ich werde das in Zukunft stärker ins Auge fassen. Sowieso muss das Patriarchat mit all seinen Facetten hier auseinandergeschraubt werden. Muss ich hier auch über mein Männlichkeitsbild mehr reflektieren.
~ Nochmal über Religion und Tradition || Wie Donovan O. Schaefer in seiner Auseinandersetzung mit Talal Asad betont, muss das akademische Streben nach nur kognitiven Symbolen und verinnerlichten Bedeutungen mehr hinterfragt werden und die ‘Materialität des Körpers’ mehr in den Blick genommen werden.55 Wenn beispielsweise der Diskurs auf den Körper verlagert wird; auf unsere körperlichen Bedingungen, die Disziplinarmächte, die uns formen, und die verkörperten, unbewussten Affekte, die sich der kapitalistischen Verwertungslogik entziehen; wird greifbar,56 dass der Schwarze, queere Körper nicht nur ein Nebenprodukt einer Theorie ist, sondern der eigentliche Träger der Idee selbst. Mit anderen Worten: Wir können durch unsere Körper einen dialektischen Optimismus entfesseln. Hussein Ali Agrama postuliert, den Zwang zur lauten, performativen und westlich dominierten ‘Kritik’ zu überwinden. Stattdessen sollten wir uns auf geteilte Praktiken wie das Fasten einlassen, die Einblick in eine enorme ‘verkörperte Freundschaft’ geben.57 Diese Solidarität speist sich aus der gemeinsamen Anerkennung unserer ‘körperlichen Verletzlichkeit’;58 wenn wir unsere Wunden miteinander teilen, entsteht ein Band, das ‘unterhalb der Schwelle biopolitischer Erfassung’ wirkt und sich vom kolonialen, rassistischen Staat weder kalkulieren noch durch Gesetze erzwingen lässt.59 Ich habe jetzt viel vom Glauben und Praktiken im Sinne einer Tradition erzählt und sollte an dieser Stelle vielleicht klarstellen, dass ich keine Religion praktiziere, nicht bete oder zu bestimmten Zeiten faste. Daher muss ich hier sehr vorsichtig sein, in meiner Begeisterung für diese vielen Texte über den Glauben jene Traditionen nicht zu essentialisieren. Also den Glauben zu einer ‘One-Fits-All’-Lösung zu machen oder auch die Gemeinschaft als transzendentes Heilsversprechen zu romantisieren. Weder ist eine Tradition einfach nur deshalb ‘richtig’ oder ‘authentisch’, weil sie Tradition heißt, da sie ja immer diskursiv, brüchig bleibt und sich wandeln muss,60 noch lassen sich diese Beziehungen jemals technokratisch ‘erzwingen oder konstruieren’, weshalb sie uns auch keinerlei historische ‘Garantien’ bieten61 Der Revolutionsgeist liegt also nicht in einer fertigen Theorie, sondern in dem Gedanken, dass diese Solidarität niemals ein fixierter, abgeschlossener ‘kultureller Fakt’ ist, sondern das anstrengende, ungarantierte Resultat ‘kontinuierlicher Arbeit zwischen Freund*innen oder Liebenden’.62
Das war's mit dieser Episode. Vielen Dank fürs Zuhören und nicht vergessen: Zum Nachlesen, für den Blick auf die Referenzen zum Nachschlagen klickt einfach auf „Link zur Folgenwebsite“, dann gelangt ihr direkt zum Skript, Essay, Nitzenhaufen, wie auch immer.
Tschüss, Tschau, Tschau, Tschüss.
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ebd., S. 141. ↩
Honneth, 1989. ↩
Jaeggi, 2023, S. 16. ↩
Atshan & Galor, 2020, S. 11; Piketty, 2020, S. 38. ↩
Zimmerer, 2011, zitiert in Özyürek, 2023, S. 241; Bridgman, 1981, zitiert in Caro, o. J., S. 69. ↩
Mamdani, 2020, S. 10. ↩
Tone, 2006, zitiert in Mbembe, 2019, S. 18. ↩
Kermani, 2018, S. 356, 360. ↩
Burnet, 2008, S. 146; Mamdani, 2020, S. 352. ↩
Getachew, 2019, S. 198. ↩
Kermani, 2021, S. 583. ↩
Scherer, o. J. ↩
ebd. ↩
Habermas, 2004, S. 235. ↩
Arendt, 2017. ↩
Negt & Kluge, 1972, S. 23. ↩
Jaeggi, 2023, S. 138. ↩
Butler, 2023, S. 215. ↩
Macamo, 2025, S. 34, 40. ↩
Asad et al., 2020, S. 5. ↩
Siehe in Brown, 2013, S. 261. Wendy Brown bespricht in ihrem Essay ‘Wie säkular ist Marx’ Kapital?’, wie orthodoxe, westliche Marxisten den Begriff der Religion über Jahrzehnte hinweg missbraucht haben. In der vulgärmarxistischen Lesart wurde Religion fast ausschließlich auf das berühmte Zitat vom ‘Opium des Volkes’ verknappt. Die säkulare Linke etablierte die elitäre Vorstellung, Religion sei nichts weiter als eine von oben herab kalkulierte Illusion; ein strategischer, billiger Betrug, den sich die herrschende Klasse (die Ausbeuter) ausgedacht hat, um die Arbeiterklasse ruhigzustellen. Die Logik hinter diesen vermeintlichen Tricks ist die folgende: Versprich den Unterdrückten das Paradies im Jenseits, damit sie die Hölle der Ausbeutung im Diesseits ohne Rebellion ertragen. ↩
Jaeggi, 2023, S. 187. ↩
Brown, 2013, S. 264–265. ↩
Dartmouth, 2020. ↩
Dartmouth, 2020; Mbembe, 2019, S. 28. ↩
Mbembe, 2019, S. 66, 92. ↩
Habermas, 1985, S. 249. ↩
ebd., S. 191–192. ↩
Asad et al., 2020, S. 4. ↩
Maihofer, 2013, S. 180. ↩
Schramm & Ndlovu-Gatsheni, 2025, S. 2. ↩
Asad et al., 2020, S. 5; Schramm & Ndlovu-Gatsheni, 2025, S. 1. ↩
Asad et al., 2020, S. 5. ↩
ebd. ↩
ebd., S. 6. ↩
ebd. ↩
ebd., S. 9. ↩
ebd., S. 26. ↩
ebd. ↩
Rosa, 2013, S. 404. ↩
Asad et al., 2020, S. 13. ↩
ebd. ↩
ebd. ↩
Daniel et al., 2022, S. 17. ↩
Marx, zitiert nach Jaeggi & Loick, 2013, S. 365. ↩
von Redecker, 2024. ↩
ebd. ↩
Daniel et al., 2022, S. 17. ↩
Schramm & Ndlovu-Gatsheni, 2025, S. 14. ↩
Daniel et al., 2022, S. 13. ↩
Asad et al., 2020, S. 22. ↩
ebd. ↩
Asad et al., 2020, S. 17. ↩
ebd. ↩
ebd., S. 18. ↩
ebd., S. 22. ↩
ebd. S. 18. ↩
ebd. ↩