Teil 1 einer dreiteiligen Serie zur geopolitischen Neuordnung der Energiesysteme
Liebe Leserinnen und Leser,
sind wir in einem “ökologischen Kalten Krieg”? Was bedeutet das für Deutschland und Europa? Diesen Kernfragen gehe ich exklusiv in diesem Newsletter in einer dreiteiligen Serie nach.
Ich freue mich sehr über Feedback dazu an mj@cleanthinking.de. Bei Gefallen: Senden Sie den Newsletter gerne weiter und verweisen Sie auf die Möglichkeit der kostenlosen Registrierung (Abre numa nova janela). Danke.
Ihr Martin Jendrischik
In Kenia kostet ein elektrisches Zweirad heute weniger als ein Benzin-Motorrad. Das klingt wie eine Randnotiz. Für Hunderte Millionen Menschen in den Schwellenländern ist es eine Zivilisationswende.
Denn der entscheidende Punkt ist nicht, dass Menschen von Benzin auf Strom umsteigen. Der entscheidende Punkt ist, dass Menschen, die sich fossile Mobilität nie leisten konnten, zum ersten Mal überhaupt ein Fahrzeug besitzen. Nicht Petrol zu Electric – sondern Nichts zu E-Bike. Das ist ein Unterschied, den man verstehen muss, um zu begreifen, was gerade auf der Welt passiert.
Kingsmill Bond (Abre numa nova janela) vom Think Tank Ember (Abre numa nova janela) hat Anfang April zusammen mit den Analysten Daan Walter (Abre numa nova janela), Sam Butler-Sloss (Abre numa nova janela) und Antoine Issac (Abre numa nova janela) eine Analyse veröffentlicht, die dieses Muster auf globaler Ebene dokumentiert. Bond nennt es den „Electric Fast-Track" – den elektrischen Schnellweg für Schwellenländer. Seine These: Hunderte Millionen Menschen, die das fossile Zeitalter nie erreicht hat, überspringen es jetzt einfach. Direkt von Biomasse zu Elektrizität. Ohne den fossilen Umweg, den die Industriestaaten über hundert Jahre gegangen sind.
Was ist Electrotech?
Um zu verstehen, was hier passiert, braucht es einen Begriff, der über „Erneuerbare Energien" hinausgeht. „Erneuerbare" klingt nach Klimapolitik, nach grünem Gewissen, nach Subventionen. Das wird dem, was gerade passiert, nicht gerecht.
(Abre numa nova janela)Der passendere Begriff ist Electrotech. Gemeint ist das Zusammenspiel aus Solarenergie, Windkraft, Batteriespeichern und elektrischen Endverbrauchstechnologien – von E-Bikes über Wärmepumpen bis hin zu elektrischen Kochern und Kühlsystemen. Einzeln betrachtet sind das Technologien. Zusammen bilden sie ein neues System, dessen Eigenschaften sich nicht aus den Einzelteilen ableiten lassen: Null Grenzkosten nach der Installation. Dezentralität. Skalierbarkeit ohne Staatsapparat. Unabhängigkeit von Importen. Und vor allem: Niemand kann die Sonne boykottieren.
Der letzte Satz stammt nicht von einem Klimaaktivisten. Er stammt von Jimmy Carter, 1979. Es hat nur 47 Jahre gedauert, bis die Technologie so weit war, dass er Recht bekommt.
Die Zahlen hinter der Revolution
Die Internationale Agentur für Erneuerbare Energien IRENA (Abre numa nova janela) hat Ende März ihre aktuellen Daten veröffentlicht (Abre numa nova janela). Sie zeigen das Ausmaß dessen, was gerade passiert.
Ende 2025 lag die weltweit installierte Leistung erneuerbarer Energien bei 5.149 Gigawatt. Der Zubau allein im Jahr 2025 betrug 692 Gigawatt – der höchste jemals gemessene Wert. Drei Viertel davon entfallen auf Solar. China hat im vergangenen Jahr rund 315 Gigawatt neue Solarleistung installiert – das entspricht ungefähr der gesamten installierten Kraftwerksleistung Deutschlands.

Aber die wirklich bemerkenswerten Zahlen stehen nicht bei den großen Volkswirtschaften. Sie stehen bei den Ländern, die niemand auf dem Radar hat. Der Nahe Osten verzeichnete mit 29 Prozent das stärkste Wachstum aller Regionen. Afrika erlebte mit 11,3 Gigawatt Zubau sein bislang größtes Wachstum.
Und die Daten von Ember zeigen: In 8 von 10 der sogenannten klimavulnerablen Staaten sind die kumulierten Solarimporte seit 2017 mindestens dreimal so hoch wie die offiziell installierte Kapazität. Die Revolution passiert unterhalb der Statistik. Kleine Solarpanels auf Balkonen und Dächern, die in keiner offiziellen Erhebung auftauchen.
In Namibia liegt der Solaranteil an der Stromerzeugung bereits bei 35 Prozent. In Nepal sind 70 Prozent der neu importierten Autos elektrisch. In Jordanien und Kirgisistan explodieren die Batterieverkäufe. Etwa die Hälfte der klimavulnerablen Staaten hat die USA bereits beim Solaranteil überholt.
Warum das fossile System diese Länder nie erreicht hat
Das ist kein Zufall. Es liegt in der Natur des fossilen Systems selbst.
Jede Zivilisation seit Sumer basierte auf dem gleichen Prinzip: Extraktion. Ressourcen aus der Erde holen, verbrennen, verbrauchen, nachbestellen. Das fossile Energiesystem ist die jüngste und mächtigste Variante dieses Modells. Es braucht Pipelines, Raffinerien, Tankstellennetze, zentrale Kraftwerke, Hochspannungsleitungen – alles kapitalintensiv, alles zentralisiert, alles abhängig von funktionierenden Staatsapparaten. Und alles darauf ausgelegt, dass jeden Tag neuer Brennstoff fließt.
Genau das macht es für Schwellenländer unbrauchbar. Länder mit begrenzter staatlicher Kapazität und hohen Kreditkosten konnten sich diesen Weg schlicht nicht leisten. Mehr als 700 Millionen Menschen haben bis heute keinen Stromanschluss. Weitere 500 Millionen haben zwar einen Anschluss, aber die Versorgung fällt regelmäßig aus. Diese eine Milliarde Menschen hat das fossile System schlicht übersehen – weil die Margen zu gering und die Infrastrukturkosten zu hoch waren.
Extraktive Systeme haben eine eingebaute Grenze: Sie können nur dorthin liefern, wo sich die Lieferung lohnt. Wer arm ist, sitzt im Dunkeln.
Der elektrische Schnellweg
Electrotech ändert das, weil es fundamental anders funktioniert. Es extrahiert nicht. Es wandelt um. Photonen treffen auf ein Panel, und daraus wird Strom. Kein Bohrloch, kein Tanker, keine Raffinerie. Einmal gebaut, produziert das System Energie zu Null Grenzkosten – jeden Tag, solange die Sonne aufgeht.
Solar plus Batterie lässt sich in kleinen Schritten aufbauen. Ein Haushalt beginnt mit einem Panel und einer Lampe – für 20 Dollar. Dann kommt ein Ventilator, dann ein Fernseher, dann ein E-Bike-Ladegerät, dann ein elektrischer Kocher. Jede Stufe kostet 50 bis 130 Dollar. Kein Kredit nötig, kein Netzanschluss, kein Staatsprogramm. Das ist die Logik des Mobiltelefons, angewendet auf Energie: dezentral, konsumentengetrieben, skalierbar.

Und die Kosten fallen weiter. Vor zehn Jahren brauchte eine Solaranlage fünfmal so viel Anfangskapital wie ein fossiles Kraftwerk. Heute ist Solar auf reiner Investitionskostenbasis bereits billiger. Bis 2030 wird Solar plus Speicher billiger sein als jede fossile Alternative. Off-Grid-Solar-Batteriesysteme sind bereits heute günstiger als ein Netzanschluss für jede Gemeinde, die mehr als einige Dutzend Kilometer von einer bestehenden Leitung entfernt liegt. Innerhalb eines Jahrzehnts wird dezentrale Solarenergie für praktisch jeden Menschen in diesen Ländern billiger sein als der Anschluss ans zentrale Netz.
Einmalkosten statt ewige Abhängigkeit
Hier wird der Unterschied zum fossilen System strukturell. Ein Land, das sich für fossile Energie entscheidet, kauft nicht einmal. Es kauft jeden Tag. Jeden Tag fließt Geld für Öl, Gas, Diesel aus dem Land – nach Saudi-Arabien, Russland, Texas. Kingsmill Bond rechnet vor: Die klimavulnerablen Staaten gaben 2024 etwa 155 Milliarden Dollar für fossile Importe aus. In 19 dieser Länder machen Fossil-Importe mehr als die Hälfte des gesamten Handelsdefizits aus. Das ist ein ökonomischer Dauerblutverlust, der Entwicklung strukturell verhindert.
Electrotech dreht diese Logik um. Ja, das Solarpanel kommt vielleicht aus China. Die Batterie auch. Das ist eine einmalige Importrechnung. Aber danach – 25 Jahre Strom zu Null Grenzkosten. Kein Tanker muss kommen, kein Vertrag muss verlängert werden, keine Meerenge muss offen bleiben. Die Energie kommt von der Sonne, und die Sonne schickt keine Rechnung.
Von Energie zu Wohlstand
Das ermöglicht etwas, das im fossilen System undenkbar war: Industrialisierung auf Basis von Energieüberfluss. Wer kein Geld für Brennstoffe ausgeben muss, kann den Nutzen, den Solar, Wind und Batterien liefern, in produktive Kapazitäten investieren. Äthiopien baut E-Bus-Fabriken – nicht weil es so klimabewusst ist, sondern weil es sich den Strom dafür leisten kann. Pakistan skaliert Solar von unten, finanziert durch private Ersparnisse, ohne staatliches Programm.
Und hier beginnt ein Kreislauf, den das extraktive System nie erzeugen konnte: Überschüssige Energie ermöglicht lokale Produktion. Lokale Produktion schafft Wertschöpfung. Wertschöpfung finanziert die nächste Ausbaustufe. Und wenn in 20 Jahren die ersten Panels ihr Lebensende erreichen, werden sie recycelt – mit der Energie, die ihre Nachfolger liefern. Die Rohstoffe bleiben im Land. Jedes importierte Solarpanel ist nicht nur ein Energieprodukt für 25 Jahre. Es ist ein Rohstofflager für die Generation danach.
Das fossile System verbrennt seine Rohstoffe. Sie sind danach weg. Electrotech nutzt sie, und sie bleiben.
Und Deutschland?
Während die Schwellenländer den Electric Fast-Track nehmen, während Asien seine Erneuerbare-Ausbauziele massiv erhöht und Genehmigungsverfahren für Solarparks auf Wochen verkürzt, während selbst die Golfstaaten ihre Elektrifizierungspläne beschleunigen – diskutiert Deutschland über die Senkung von Spritpreisen.

Veronika Grimm, Wirtschaftsweise und persönliche Beraterin von Wirtschaftsministerin Katherina Reiche, hat gestern auf X (Abre numa nova janela) geschrieben: „Die Tatsache, dass hier über eine Senkung der Spritpreise diskutiert wird, zeigt, dass die Situation noch nicht verstanden wurde." Grimm fordert ein temporäres Tempolimit und weist darauf hin, dass Deutschland dem globalen Süden mit seiner Nachfrage die Energie wegkauft.
Das muss man sich vergegenwärtigen. Nicht Greenpeace sagt das. Nicht Fridays for Future. Sondern die handverlesene Beraterin der Wirtschaftsministerin.
Es sind Kurzschlüsse im Denken, die dazu führen, dass die Wirtschaftskrise als fossile Krise behandelt wird, die mit fossilen Mitteln gelöst werden muss: mehr LNG, mehr Verträge, mehr Speicher. Das ist, als würde man auf einen Herzinfarkt reagieren, indem man die Zigarettenmarke wechselt.
Der Ölpreis steht bei 110 Dollar pro Barrel. Die Internationale Energieagentur warnt, dass im April die historische Marke von 150 Dollar fallen könnte. Die IEA fordert Tempolimits, Fahrverbote, Homeoffice. Europa wird aufgefordert, Energie zu sparen. In Kambodscha ist ein Drittel der Tankstellen geschlossen. Sri Lanka erlaubt nur noch 15 Liter Benzin pro Woche.
Und Deutschland? Erwägt solche Schritte „aktuell nicht", heißt es aus der Bundesregierung.
Stattdessen verhandelt Wirtschaftsministerin Reiche in Texas langfristige LNG-Lieferverträge (Abre numa nova janela) – ausgerechnet jetzt, bei Höchstpreisen. Der EE-Ausbau wird am Netzausbau orientiert, was ihn de facto bremst. Und die Kernenergie-Debatte wird wiederbelebt, damit der politische Stammtisch sich über einen längst gegessenen Ausstieg weiter erregen kann.
Deutschland reagiert auf die größte Energiekrise seit 50 Jahren nicht mit dem, was die Welt vormacht: Electrification now. Sondern mit dem Versuch, das fossile System zu stabilisieren. Das ist nicht konservativ. Das ist fahrlässig.
Warum das kein Zufall ist
Die Frage, die sich stellt: Warum handelt die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt gegen die ökonomische Logik, gegen die eigene Beraterin, gegen das, was Dutzende Schwellenländer vormachen?
Die Antwort hat mit einem geopolitischen Konflikt zu tun, den der US-Historiker Nils Gilman kürzlich in einem Essay für Foreign Policy als „ökologischen Kalten Krieg" beschrieben hat. Es ist ein Konflikt zwischen zwei konkurrierenden Energiestoffwechseln, zwischen Elektrostaaten und Petrostaaten – und Deutschland steht mittendrin.
Dazu mehr in Teil 2 dieser Serie, am Montag.