Zwei Jahre nach den Ereignissen aus Joker (2019) sitzt Arthur Fleck im Arkham Asylum ein, Gothams berüchtigter Psychiatrie, in der er erneut, diesmal von den sadistischen Wärtern, schwer misshandelt wird. Und doch darf er wegen guter Führung eine Musiktherapie besuchen, bei der er nicht nur seine Liebe zur Musik wiederentdeckt, sondern auch die Mitpatientin Lee kennenlernt. Die beiden verlieben sich in einander und Lee möchte, dass Arthur den Joker wieder hervorholt. Dann kommt die Gerichtsverhandlung, bei der Arthur wegen fünffachen Mordes angeklagt ist. Zunächst wird er noch von einer Rechtsanwältin vertreten, die versucht, Arthur als kranken Menschen mit multipler Persönlichkeitsstörung darzustellen. Doch dann kommt der Joker erneut zum Vorschein. Ab jetzt übernimmt er seine Verteidigung selbst und macht aus der Gerichtsverhandlung einen Zirkus, bejubelt von seinen Fans auf der Straße und von seiner größten Bewunderin Lee.
Nachdem Todd Phillips Joker in die Kinos kam, hatten einigen US-amerikanische Behörden Angst, dass es ausgelöst durch diesen Film zu Ausschreitungen kommen könnte. Da deutet nach langer Zeit mal wieder ein US-amerikanischer Film zart die Klassenfrage an und das Establishment hat Angst davor, die Menschen könnten die Paläste stürmen. Doch diese revolutionäre Interpretation des Films fand eher am Rande statt. Vor allem wurde der erste Joker-Film als Aufstand eines vermeintlich unterdrückten Maskulinismus gelesen und der Joker als eine Ikone für den Aufstand der Männer. Paradoxerweise waren sich in dieser Lesart radikale Feministen und Incels einig.
Für mich war der Film hingegen ein empowerndes Plädoyer für psychisch kranke Menschen, für einen humaneren Umgang mit ihnen und gegen das desolate Gesundheitssystem der USA. Hier sprach jemand mit Hilfe des ikonischen Jokers für all die von der Gesellschaft Diskriminierten, Misshandelten und Ausgestoßenen.
In Joker: Folie Deux aus dem Jahr 2024 klärt uns nun Todd Phillips endlich darüber auf, wie er seinen Joker verstanden haben will. Das macht er mit einem schnoddrig gesungenen Musical und einem Männer küssenden Hauptprotagonisten, um direkt zu Beginn des Films die Vereinnahmung seines Jokers von Seiten der queerfeindlichen und antifeministischen Manosphere zu unterbinden. Da brach Phillips wahrhaft Incelherzen.
Es wird erneut thematisiert, dass Arthur in seiner Kindheit von seiner Mutter schwer misshandelt wurde. Wer angesichts davon sich immer noch fragt, warum ein so traumatisierter Mensch seine Mutter tötet, wie ich es in einigen Rezensionen zu dem Film las, dem ist nicht mehr zu helfen. Wer die Wut eines Arthur Flecks auf seine Peiniger nicht auch nur ganz zart nachempfinden kann, hat nie selbst unter dieser Gesellschaft gelitten.
Lee ist ein großer Fan des Jokers, eine ebenso psychisch beeinträchtigte Person, die durch die Taten des mörderischen Comedians und - das ist ein ganz besonderer Kniff - von einem Fernsehfilm über Arthurs Geschichte, empowert wurde. Das fasst für meine Begriffe die Message und Intention des Vorgängerfilms perfekt zusammen: ein empowerndes Plädoyer für psychisch kranke Menschen.
Doch Todd Phillips sagt uns noch mehr zum Thema: er weist auf den Ableismus in der Gesellschaft hin, den psychisch kranke und behinderte Menschen täglich ausgesetzt sind. Wie ableistisch die Gesellschaft ist, ließ sich nicht nur im Film Joker selbst und in vielen Rezensionen über ihn beobachten, sondern zeigt sich nun auch deutlich in Joker: Folie à Deux. Die Szene, in der der kleinwüchsige Gary Puddles den Gerichtssaal betritt, spricht Bände.
Filmisch ist der zweite Teil natürlich nicht mehr so wuchtig und mitreißend wie der erste, das liegt sicher auch am gewählten Genre. Gerichtsfilme, Musicals und Liebesfilme sind jetzt nicht gerade für ihre nervenzerfetzende Spannung berühmt. Wir erleben wieder einen großartigen Joaquin Phoenix in der Rolle seines Lebens, aber auch Lady Gaga brilliert als Lee. Die beiden harmonieren, gesanglich wie schauspielerisch, perfekt. Joker: Folie Deux ist vor allem ein Liebesfilm, der zeigt, dass alle sich verlieben können. "Und dann bauen wir einen Berg."
https://www.imdb.com/title/tt11315808/ (Abre numa nova janela)