1945 in Deutschland: An der Westfront mehren sich Fälle von Fahnenflucht und die dort lebende Landbevölkerung auf deutscher Seite leidet unter den Plünderungen und Vergewaltigungen der hungrigen und vom Krieg verrohten Deserteure. Auch der junge Gefreite Willi Herold ist auf der Flucht. Als er jedoch in einem kaputten Auto eine Offiziersuniform findet, ändert sich für ihn alles. Er gibt sich ab sofort als Hauptmann mit Sondervollmacht von Adolf Hitler persönlich aus und scharrt einige verstreute Wehrmachtssoldaten um sich. Die "Kampfgruppe Herold" ist geboren. Willi Herold spielt seine Rolle so gut, dass er in einem Gefangenenlager für Deserteure weitere Unterstützer findet. Dort veranlasst er die hundertfache Ermordung von fahnenflüchtigen Soldaten und wird unter seinesgleichen als Held gefeiert.
Der Hauptmann aus dem Jahre 2017 ist eine deutsch-polnisch-französische Filmbiografie von Robert Schwentke, den ich vor allem von dem gelungenen Thriller Tattoo (2002) mit August Diehl kenne. Der Hauptmann erzählt von den Gräueltaten des Kriegsverbrechers Willi Herold in der Endphase des Zweiten Weltkriegs. Der so genannte "Henker vom Emsland" tötete zusammen mit seinen Untergebenen etwa 180 Menschen.
Der Film ist nicht leicht zu ertragen und zeigt ungeschönt, was die Basis jeder institutionalisierten Barbarei ist: Hierarchie, Gehorsam und Autorität. Zu Beginn des Films liegt noch ein seltsamer Moment von Komik in einigen Szenen, der aber rasch durch die krasse Darstellung von Menschenschlachtungen - anders kann man das nicht beschreiben - gebrochen wird.
Blasmusik, Judenwitze, Massenmord - diese nur schwer auszuhaltende Ambivalenz taucht immer wieder auf im Film. Zwei Szenen bleiben mir dabei in Erinnerung und charakterisieren das Werk maßgeblich: In einer verfällt der Soldat Kipinski in Raserei und schlägt einen Gefangenen halb tot. In einer anderen Szene, auf einer Festivität des Hauptmanns, tanzen und singen einige Frauen erotisch. Diese Widersprüchlichkeit, die die Verrohrung der Menschen zeigt, erzeugt eine verführerische Apokalyptik, wie man sie von ähnlich transgressiven und thematisch gelagerten Filmen wie Liliana Cavanis Der Nachtportier (1974) kennt.
Nicht nur inhaltlich, auch ästhetisch bleibt sich der in Schwarz-Weiß gedrehte Historienfilm dieser verführerischen Apokalyptik treu. Prominent und mit guten Schauspielern wie Max Hubacher als Willi Herold, Milan Peschel als Freytag und Frederick Lau als Kipinski besetzt, ist Der Hauptmann ein großartiges Werk, über das ich noch lange nachdenken werde.
https://www.imdb.com/title/tt6763252/ (Abre numa nova janela)