Ein Blick in die Berliner Subkultur der 80er-Jahre und in das Leben von Außenseitern: Im Mittelpunkt steht eine bunte Truppe von US-amerikanischen Migranten und Transpersonen, die in einer Berliner Pension leben und von einer Karriere als Cabaret-Darsteller im Showgeschäft träumen. Zwischen Slapstick, Varieté-Nummern und provokanten Dialogen ringen die Protagonisten nach sozialer Anerkennung und beruflichen Perspektiven. Es ist ein Kampf gegen gesellschaftliche Ausgrenzung und die Sehnsucht nach Liebe in einem kalten Land.
Stadt der verlorenen Seelen ist ein avantgardistischer Musicalfilm von Rosa von Praunheim aus dem Jahr 1983. Besetzt ist der Film mit schillernden Underground-Ikonen wie Jayne County, Angie Stardust, Joaquín La Habana, Tara O’Hara, Judith Flex und Tron von Hollywood. Der Soundtrack des Films stammt von Jayne County und Angie Stardust.
Am 17. Dezember 2025 starb Rosa von Praunheim. Ich möchte den genialen Regisseur daher mit einem seiner kultigsten Filme - und er drehte eine Menge kultige Filme - würdigen. Rosa von Praunheim war eine echte Ikone der queeren Bewegung und kämpfte mit seinen antibürgerlichen Filmen für die Befreiung aller Menschen (auch der von Heterosexuellen).
Sein sogenanntes "Transpunkmusical" schuf damals ein neues Subgenre und wurde zum Vorläufer von z.B. Hedwig and the Angry Inch (2001) von John Cameron Mitchell. Ab den 2010er-Jahren hatte das Werk, das in der Community zum Kultfilm wurde, ein großes Revival in US-amerikanischen Arthouse-Kinos und auf queeren Filmfestivals weltweit.
Stadt der verlorenen Seelen ist ein zeitloser, bahnbrechender Film, ein Stück Zeitgeschichte, das beweist, dass transsexuelle Menschen nicht erst existieren, seit rechte Politiker sie zum Sündenbock gemacht haben. Hier werden die Erfahrungen und Geschlechtsidentitäten der Menschen mit Punk-Attitüde und ohne erhobenen Zeigefinger verhandelt; hier sehen wir Drag-Kunst ohne kapitalistische Vereinnahmung. Der Film diskutiert auf unterhaltsame Weise Themen wie Nationalsozialismus, Kommunismus, die DDR, Antisemitismus und amerikanischen Patriotismus. Auch die deutsche Mentalität - charakterisiert durch Rassismus und Kälte - wird beleuchtet, ebenso wie die eigentliche Nebensächlichkeit von Identitäten gemäß dem Motto "We are human".
Stilistisch mäandriert Stadt der verlorenen Seelen zwischen Interviews, Voice-Overs, Liedern und Performance-Kunst. Diese bizarre Struktur ist zunächst gewöhnungsbedürftig, unterstreicht aber mit ihrer Formenvielfalt die Queerness dieser filmischen Extravaganz. Der Film ist radikal, inklusiv, provokant und irre komisch. Vergleiche mit John Waters´ Werken drängen sich auf, doch von Praunheims Transpunkmusical ist viel politischer und bietet queeren Menschen, Migranten, Außenseitern, Untergrundbewegungen und marginalisierten Gruppen eine Art von Zufluchtsort. All jenen verlieh Rosa von Praunheim eine Stimme und machte sie sichtbar.
https://www.imdb.com/de/title/tt0084724/ (Abre numa nova janela)