Über zehn Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitet der ehemalige SS-Offizier Max als Nachtportier in einem Wiener Hotel. Eines Tages steigt die um einige Jahre jüngere Lucia mit ihrem Ehemann, einem US-amerikanischen Dirigenten, im Hotel ab. Max und Lucia erkennen sich wieder. Sie war als junge Frau in einem Konzentrationslager inhaftiert, er gehörte zum Wachpersonal. Zwischen beiden entwickelte sich damals eine sadomasochistische Beziehung. Als Lucias Ehemann beruflich weiterreist, nehmen sie die ungewöhnliche Beziehung wieder auf. Doch Max ehemalige SS-Kameraden, die bestrebt sind, alle Zeuge von damals zum Schweigen zu bringen, belagern das Paar in Max Appartement.
Liliana Cavanis Der Nachtportier aus dem Jahre 1974 war ein teils beschlagnahmter Skandalfilm, der die italienische Regisseurin und Doktorin der Altphilologie berühmt machte. Nicht nur aufgrund der Nazithematik, sondern vor allem, weil in einer Sex-Szene die Frau oben liegt, wurde der Film zensiert und von der moralisierenden Kritik verrissen. Dirk Bogarde als Max und Charlotte Rampling als Lucia zeigen ein Level an Schauspielkunst, was man heute nur noch selten sieht. Der Film ist ein affektives, ja manieristisches Kunstwerk voller Symbole und subtiler Erotik. Der Nachtportier gilt als Ursprung einer Reihe von Naziplotation-Filmen, die ihm inhaltlich zumeist jedoch nicht das Wasser reichen konnten.
Doch wie kann man einen solch tiefsinnigen und philosophischen Film, über den bereits zahlreiche Bücher geschrieben wurden, in aller Kürze inhaltlich fassen? Ich versuche es mit den Gedanken des Filmwissenschaftlers Marcus Stiglegger, der den Film in "Grenzkontakte - Exkursionen abseits der Filmgeschichte" behandelt. Nach ihm liegen Cavanis Der Nachtportier die Theorien dreier Philosophen zugrunde: Die Transgressionsidee von Georges Bataille, denn Lucias und Max Beziehung ist geprägt von einer "Liebe im Zeichen des Todes", wie sie der französische Philosoph beschrieb. Da sich in ihren Begegnungen, die Grenzen zwischen den Kategorien Täter und Opfer, Nazi und KZ-Häftling, dominant und devot verwischen, befindet sich das Paar "jenseits von gut und böse". Das wiederum geht auf Friedrich Nietzsche zurück, der eine Art Erlösung in der Aufhebung dieses Dualismus sah. Der Film mäandriert ständig zwischen Leben und Tod, Sex und Gewalt. So lässt sich zuletzt Sigmund Freuds Lebens- und Todestrieb hineinlesen.
Wer mehr über Liliana Cavani und ihre Filme erfahren möchte, empfehle ich den 2024 erschienenen Sammelband "Liliana Cavani - Unterwerfung und Transgression". Der Nachtportier ist ein psychosexuelles und transgressives Meisterwerk, ein leidenschaftlicher und emanzipatorischer Film. "Ich bin nicht provokant, sondern frei. Der Geschmack für alles Transgressive liegt in meiner Natur." (Liliana Cavani)
https://www.imdb.com/de/title/tt0071910/ (Abre numa nova janela)