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đź“– Vom Behalten und Loslassen

Hier ist die Nachtpost von Entspannung wirkt. Letzte Woche habe ich über Ordnung im Archiv und digitale Traumreisen geschrieben – wie ich alles an seinen Platz bringe. Heute geht es weiter: um Bewahren und Loslassen.

Als mein Vater starb, flog ich in den Semesterferien spontan mit der Gandhi Peace Foundation nach Indien. Ich hatte mich dem sechswöchigen Programm angeschlossen, weil ich hoffte, dort zur Ruhe zu kommen. Zuerst waren wir als große Gruppe in Delhi, dann wurden wir auf Dorfgemeinschaften verteilt, die nach den Prinzipien Gandhis lebten. So saß ich irgendwann im Nirgendwo von Rajasthan: kein elektrisches Licht, morgens um fünf Haferbrei auf einem grünen Blatt.

Anschließend zerstieß ich Blüten und Heilkräuter für ayurvedische Medizin. Am Nachmittag zirpten Grillen, ein Tempelglöckchen läutete.

Nach fünf Tagen merkte ich, dass ich dieser Erfahrung nicht gewachsen war, und packte meinen Rucksack, um auf eigene Faust durch das Land zu reisen. Mit im Gepäck: ein kleiner Pokal mit Namensgravur.

Den hatte ich an der Bal Bhavan Public School (Abre numa nova janela) in Delhi bekommen. Wir Besucher:innen traten einzeln nach vorne, bekamen eine orangefarbene Blütenkette um den Hals gelegt, und der Schulleiter überreichte uns unter Applaus den Pokal. Eine Auszeichnung ohne jegliche Leistung – in einer Stadt, in der es an jeder Straßenecke Armut gab. Es beschämte mich und rührte mich zugleich.

Beim Ausmisten fiel mir der Pokal wieder in die Hände. Er liegt in einer Schublade, neben Schmuck, alten Scheckkarten und einer runden Blechdose aus dem Iran. Bei beiden muss ich nicht lange überlegen:

Sie dĂĽrfen bleiben.

Von vielem anderen trenne ich mich mit Leichtigkeit – Bücher, die ich nicht zweimal lese, Kleidung, die ich nicht mehr trage. Schwer wird es bei den Dingen meiner Tochter. Wenn ich ihre Spielsachen ins Sozialkaufhaus trage, muss ich mich zusammenreißen, sie nicht wieder mitzunehmen. Währenddessen ziehen all die schönen Jahre an mir vorbei.

„Wie ist das für Sie?“,fragte ich einen Mitarbeiter auf dem Recyclinghof. „Verändert Ihr Job den Blick aufs Loslassen?“

Er überlegte kurz. „Eigentlich nicht – es ist einfach mein Beruf. Aber bei Familiensachen fällt es mir auch schwer.“

Manchmal überlege ich, was wäre, wenn ich den Pokal und andere Lieblingsstücke loslassen würde. Würde ich sie vermissen? Ein Freund erzählte mir einmal, er habe sogar seine Tagebücher ins Altpapier gegeben. Damals war ich entsetzt und dachte: Das könnte ich nie. Inzwischen bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Für den Moment aber dürfen all die ganz persönlichen Dinge bleiben. Ich habe auch so genug gefunden, das weg kann.


Wie ist es bei dir?

Und damit einen schönen Sonntag und herzliche Grüße, Carola

TĂłpico Nachtpost / Themen-Guide

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