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Sichtbarsein – oder die stille Kunst, sich nicht mehr zu verstecken

Wenn jemand wie ich ein Restaurant betritt – schwer bewaffnet mit Zutatstechnik, Antennchen und Funkverbindungen –, dann kann es schon vorkommen, dass man gemustert wird. Länger, als einem lieb ist. Es sind diese Blicke, halb Neugier, halb Faszination, manchmal auch jene feine Irritation, die Menschen befällt, wenn etwas nicht in ihr vertrautes Ordnungssystem passt.

Man wird beobachtet. Länger, intensiver, als es die gesellschaftliche Etikette eigentlich vorsieht. Und oft merke ich erst nach vielen Minuten, dass sich irgendwo ein Blick an mir festgekrallt hat – hartnäckig wie ein Gedanke, der nicht loslassen will. Anfangs denke ich noch, vielleicht kennt man sich. Vielleicht habe ich sie irgendwo gesehen – im Supermarkt, in einer Arztpraxis, auf einer Tagung. Doch dann dämmert mir: Nein, diese Frau erkennt mich nicht. Sie studiert meinen Hörlibert, meinen sichtbar am Kopf thronenden Außenprozessor. Ein Stück Technik, das man in Prospekten bewundert, aber selten am lebenden Objekt.

Und während sie weiter starrt, gleitet ihr die Gabel aus der Hand, das Schnitzel segelt theatralisch auf den Teller zurück – und ich überlege, ob ich höflich klatschen oder einfach nur schmunzeln soll.

Ich weiß, sie meint es nicht böse. Und doch bin ich in diesem Moment nicht Person, sondern Phänomen. Schaustück einer akustischen Evolution, die an mir sichtbar wird.

Und dann frage ich mich: Warum tue ich das eigentlich – dieses Sich-Zeigen, wo mir doch genau diese Blicke unangenehm sind?

Vielleicht gerade deswegen. Weil jedes Sichtbarwerden ein stiller Akt der Aufklärung ist. Weil Normalität nur entsteht, wenn man sie sichtbar lebt. Je häufiger Menschen Hilfsmittel sehen – Prothesen, CIs, Rollstühle, Krücken, Hörtechnik –, desto weniger werden sie starren. Desto mehr wird Vielfalt zum Selbstverständnis – so, wie es längst sein sollte.

Ich bin dabei keineswegs heroisch. Ich ziehe nicht mit der Fahne der Inklusion durch die Innenstädte. Ich tue es für mich. Weil Verbergen auf Dauer schwerer wiegt als Sichtbarkeit. Weil ich es leid bin, mich kleiner zu machen, als ich bin.

Ich zeige, um aufzuklären. Ich frage nach, wenn ich etwas nicht verstanden habe. Ich bitte um Wiederholung, nicht aus Nachlässigkeit, sondern, weil Hören für mich kein Automatismus ist. Es ist Konzentration, Training, Dauerdisziplin – und manchmal schlicht Überforderung.

Ich möchte Bewusstsein schaffen – dafür, dass Miteinander Rücksicht braucht, aber auch Hinsicht: dieses genaue, respektvolle Wahrnehmen des Anderen, das weder bemitleidet noch ausgrenzt.

Mein Wieselchen, dieser innere nervöse Begleiter, tat sich anfangs schwer mit allem, was sichtbar anders war. Es hasste Wartezeiten, hasste Hilfsmittel, hasste alles, was Geduld verlangte oder nach Einschränkung roch. Es wollte funktionieren, schnell, unauffällig, effizient – wie die Welt da draußen.

Die Wasserbüffelin hingegen – stoisch, ruhig, weise – störte sich nie an Hilfsmitteln. Für sie waren sie Werkzeuge der Teilhabe, Ausdruck gelebter Freiheit, kein Symbol des Mangels.

„Eine Wartezeit“, sagt sie gelassen, „ist keine Strafe. Sie ist Me Time. Trink Tee, lies ein Buch, atme.“

Und so sitze ich zwischen Arztpraxen und Cafés, während das Wiesel zappelt und die Büffelin in ihrer Tasse Gelassenheit rührt – zwei Temperamente in einem Körper, die sich täglich neu auf einen gemeinsamen Takt einigen müssen.

Wenn mein Körper wieder einmal streikt, sagt sie ruhig: „Das ist kein Untergang, das ist ein Hinweis. Jetzt darfst du auf dich schauen. Und wenn du mit Krücken unterwegs bist, meine Liebe, dann sieht man wenigstens, dass man auf dich Rücksicht nehmen sollte.“

Ich wünschte, ich könnte das immer so sehen. Denn meine Hörprothese wird oft übersehen – buchstäblich. Mein Sprachverstehen im direkten Gespräch ist exzellent, beinahe trügerisch. „Man merkt gar nicht, dass du etwas hast“, höre ich dann. Und schon galoppiert die Welt weiter, hinein in akustische Höllenkammern aus Stimmen, Besteckgeklirr und klimpernden Gläsern.

Dann muss ich mein Gegenüber bremsen. Ja, es freut mich, wenn niemand das Gefühl hat, meinetwegen Mühe aufbringen zu müssen. Aber Hören ist nie mühelos. Nicht im 1:1, nicht face to face. Es ist Konzentration, Filterarbeit, simultane Übersetzung. Und in einem vollen Restaurant mit klirrenden Tellern und dem fünften Gabel-Fall wird Verstehen zum Hochleistungssport.

Umso wertvoller sind die Menschen, die das begreifen. Die auf den richtigen Platz achten, auf Licht, auf Raumakustik. Die – wenn’s zu laut wird – einfach gemeinsam mit mir flüchten, ohne Worte, ohne Pathos, aber mit einem Blick, der sagt: Ich hab’s verstanden.

Und was mich tief berührt: Immer mehr Menschen in meinem Umfeld beginnen, selbst bewusster zu hören. Sie lassen sich Gehörschutz anpassen, drehen die Musik leiser, achten auf die Raumakustik – und sind verblüfft, wie laut unsere Welt eigentlich ist, wenn man einmal wirklich hinhört.

Und so zeige ich weiterhin meinen Hörlibert. Nicht als Makel, nicht als Schwert, das ich im Kampf schwinge, sondern als Teil von mir.

Ich schäme mich nicht für ihn. Nicht für Prothesen. Nicht für Krücken. Nicht für Rollstuhl. Nicht für zitternde Hände. Nicht für meinen Körper, der den Erwartungen der Gesellschaft nicht entspricht.

Ich möchte mich lösen von diesen Maßstäben, die Funktion mit Wert gleichsetzen.

Ich will mich annehmen – vollständig.

Mich lieben, auch an jenen Tagen, an denen ich wackele, schwanke oder falle.

Denn vielleicht ist genau das der Inbegriff von Stärke:

nicht zu funktionieren,

sondern zu bestehen –

sichtbar, verletzlich,

und dennoch unerschütterlich da zu sein.

Bleibt's xund - achtet auf euer Gehör.

Eure Frau Kruemelkuchen

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