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Wenn das Wiesel vor Professoren steht

Eine kleine Studie über Aufregung, Titel und die stoische Gelassenheit einer inneren Büffelin

Es gibt diese Momente im Leben, in denen man vor Menschen steht, spricht, erklärt, erzählt – und sich dabei vollkommen selbstverständlich fühlt. Die Worte fließen, die Gedanken greifen ineinander wie gut geölte Zahnräder, und irgendwo zwischen erstem Satz und abschließendem Nicken im Publikum stellt man fest:

Das funktioniert erstaunlich gut.

So geht es mir regelmäßig, wenn ich vor einem Publikum spreche, das ich liebevoll – und mit einer gewissen Solidarität – als „Normalos“ bezeichne. Menschen wie ich. Menschen mit Fragen, Erfahrungen, Humor, Skepsis, Neugier. Menschen, die nicht mit drei Titeln vor dem Namen erscheinen, sondern mit einer Geschichte im Gepäck.

In solchen Momenten bin ich erstaunlich souverän.

Fast erschreckend souverän, wenn ich ehrlich bin.

Ich betrete den Raum, werfe meine Gedanken in den Raum, erzähle aus dem Alltag mit Hörverlust, Technik, Reha, Wiesel, Büffelin und dem ganz normalen akustischen Wahnsinn eines Lebens zwischen Cochlea-Implantaten und gesellschaftlicher Erwartungshaltung. Und während ich spreche, merke ich, wie mich genau das trägt: Begegnung.

Menschen hören zu.

Sie lachen.

Sie nicken.

Manchmal sehe ich sogar diesen besonderen Gesichtsausdruck, der entsteht, wenn jemand plötzlich denkt: Ach so. So fühlt sich das also an.

Und dann gibt es die andere Sorte Vortrag.

Die Sorte, bei der man vor Fachpublikum steht.

Ärztinnen. Ärzte. Professorinnen. Professoren. Audiologen. Forscherinnen. Menschen, deren Lebensläufe so viele akademische Etagen besitzen, dass mein inneres Wiesel beim ersten Blick ins Programmheft spontan einen Fluchtplan entwirft.

Es beginnt meist harmlos.

Ich lese die Liste der Teilnehmenden.

Ein Name.

Ein Titel.

Noch ein Titel.

Manche tragen so viele davon, dass sie eigentlich einen eigenen Garderobenständer bräuchten.

Spätestens beim dritten „Prof. Dr. med. habil.“ beginnt das Wiesel zu hyperventilieren.

In solchen Momenten geschieht etwas höchst Interessantes im menschlichen Nervensystem. Ein klassischer Fall von Impostor-Syndrom mit akuter Wieselkomponente.

Das Herz rutscht nicht nur metaphorisch in die Hose – ich trete im übertragenen Sinne auch noch im linken Schuh darauf herum. Mein Gehirn beginnt, völlig unnütze Fragen zu produzieren.

Was, wenn ich mich verspreche?

Was, wenn ich etwas Falsches sage?

Was, wenn sie merken, dass ich eigentlich nur ein Mensch mit einem Wiesel bin, der über seine Erfahrungen redet?

Die Ironie an der Sache ist natürlich: Genau deshalb wurde ich eingeladen.

Niemand lädt eine Referentin ein, um anschließend festzustellen, dass ihre Perspektive irrelevant ist. Fachveranstaltungen funktionieren nicht nach dem Prinzip „Ach komm, wir setzen mal irgendwen auf die Bühne und schauen, was passiert.“

Und doch sitzt das Wiesel in solchen Momenten zitternd auf meiner Schulter wie ein nervöses Eichhörnchen auf Koffein.

Zum Glück gibt es die Büffelin.

Die Büffelin ist eine Erscheinung von stoischer Würde. Wenn das Wiesel in Panik verfällt, schreitet sie innerlich durch den Raum wie eine Zen-Meisterin mit vier Hufen.

Sie sagt nichts Dramatisches.

Sie rollt auch nicht mit den Augen.

Sie hebt nur langsam den Kopf und denkt einen einzigen Satz:

Beruhig dich. Atmen wäre jetzt eine Option.

Während das Wiesel also hektisch an meinem Nervensystem herumzerrt, beginnt die Büffelin ihren ruhigen Gegenzauber. Sie erinnert mich daran, dass Titel keine Schutzschilde gegen Menschlichkeit sind.

Und sie erinnert mich an eine erstaunlich simple Wahrheit:

Auch Professoren trinken Kaffee.

Auch Chefärzte verlegen ihre Brillen.

Und auch ein habilitierter Neurootologe muss gelegentlich überlegen, wo er sein Handy hingelegt hat.

Kurz gesagt: Hinter jedem Titel sitzt ein Mensch.

Die ersten Minuten eines Vortrags vor Fachpublikum sind deshalb für mich immer eine kleine neuropsychologische Übergangsphase. Mein Nervensystem tastet sich vorsichtig in die Situation hinein.

Der erste Satz kommt.

Dann der zweite.

Das Wiesel hält kurz den Atem an.

Dann sehe ich plötzlich etwas Entscheidendes im Publikum.

Keine Titel mehr.

Gesichter.

Neugier.

Manchmal sogar dieses ganz spezielle, leicht nach vorne geneigte Zuhören, das nur entsteht, wenn Menschen wirklich interessiert sind.

Und genau in diesem Moment passiert etwas sehr Schönes.

Das Wiesel hört auf zu zittern.

Die Büffelin nickt innerlich.

Und ich beginne zu reden.

Nicht mehr gegen die Aufregung.

Sondern mit ihr.

Denn vielleicht ist genau das die Wahrheit hinter dieser ganzen Geschichte: Souveränität bedeutet nicht, keine Angst zu haben.

Souveränität bedeutet, mit einem nervösen Wiesel im Gepäck trotzdem auf die Bühne zu gehen.

Man spricht.

Man erklärt.

Man erzählt.

Und irgendwann, mitten im Vortrag, merkt man plötzlich:

Die Menschen hören wirklich zu.

Die Professorin in der dritten Reihe

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