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Die Grammatik der Selbstfürsorge

Eine satirisch-essayistische Betrachtung über Ernährung, chronische Erkrankung und die gesellschaftliche Zumutung des „Ach, stell dich nicht so an“

Es gibt im Leben eines Menschen jene stillen Zäsuren, die nicht mit Pauken und Trompeten auftreten, sondern mit Nährwerttabellen, Zutatenlisten und der plötzlichen Fähigkeit, Verpackungsrückseiten in Rekordzeit zu dekodieren. Chronische Erkrankung gehört zu diesen Einschnitten. Sie kommt selten spektakulär daher, eher als schleichende Revision des bisherigen Lebensstils – mit dem unmissverständlichen Hinweis, dass der Körper fortan nicht mehr als robuste Selbstverständlichkeit zu behandeln ist.

Essen, so lernt man rasch, ist dann keine Nebensächlichkeit mehr.

Und Ernährung erst recht kein folkloristisches Freizeitvergnügen.

In jungen Jahren war Nahrung ein beiläufiger Akt. Man aß, weil man hungrig war, weil etwas verfügbar war, weil es schmeckte oder weil es spät war. Der Körper schwieg dazu. Dieses Schweigen wurde fälschlicherweise als Zustimmung interpretiert. Rückblickend betrachtet war es weniger Gelassenheit als kulante Nachsicht eines Systems, das noch über ausreichend Kompensationsreserven verfügte.

Mit chronischer Erkrankung jedoch verändert sich die innere Dramaturgie.

Der Körper verabschiedet sich aus seiner Rolle als stiller Statist und betritt die Bühne als flamboyante Diva mit ausgeprägtem Mitteilungsbedürfnis. Jede Abweichung vom vereinbarten Skript wird kommentiert. Mit Nachdruck. Mit Nachspiel. Und gelegentlich mit einem ganzen Orchester an Symptomen, die keinerlei Interesse an höflicher Zurückhaltung zeigen.

An diesem Punkt endet die Phase des kulinarischen Laissez-faire abrupt.

Sie wird ersetzt durch eine epistemologische Neuordnung des Alltags: Nährwertdichte, Makronährstoffverteilung, Verarbeitungsgrad, biochemische Reaktionen, individuelle Trigger. Man wird zur Expertin wider Willen. Nicht aus Ehrgeiz, sondern aus Notwendigkeit. Die Küche mutiert zum Labor, der Einkauf zur strategischen Mission, das Etikett zur primären Literaturquelle.

Diese Form der Selbstfürsorge ist präzise, stringent, oft unromantisch.

Und genau darin liegt ihr gesellschaftliches Irritationspotenzial.

Denn während man selbst lernt, den eigenen Körper mit wissenschaftlicher Akribie zu lesen, erwacht im Umfeld ein bemerkenswerter Mitteilungsdrang. Kaum ein anderes Thema mobilisiert derart zuverlässig ungefragte Expertise wie Ernährung. Jeder kennt jemanden. Jeder hat einen Onkel, eine Bekannte, einen Nachbarn zweiten Grades, dem „das Gleiche“ passiert ist – und der dank eines bestimmten Tees, Pulvers oder einer spirituell aufgeladenen Knolle nunmehr symptomfrei durchs Leben tanzt.

Besonders beliebt ist die rhetorisch verkleidete Distanzierung:

„Also ich könnte das ja nicht.“

Ein Satz von erstaunlicher semantischer Elastizität. Er gibt sich bewundernd, transportiert jedoch eine subtile Abwertung. Konsequenz wird als Extremismus gelesen, Selbstdisziplin als asketische Übertreibung. Wer konsequent ist, gilt als jemand, der „sich nichts gönnt“ – als läge Genuss ausschließlich dort, wo Alkohol und Kohlenhydrate in trauter Eintracht den Abend begleiten.

Der Klassiker folgt meist wenig später:

„Man muss ja auch mal leben.“

Eine bemerkenswerte These. Sie impliziert, dass Leben offenbar dort beginnt, wo man gegen besseres Wissen handelt. Dass Genuss zwingend mit Kontrollverlust korreliert. Und dass Rücksicht auf den eigenen Körper ein vorübergehendes Projekt sei, das man gesellschaftlich gefälligst zu unterbrechen habe – zugunsten des Gruppenkonsenses.

Wenn ich dann erkläre, dass ich sehr wohl lebe.

Dass ich Abende genieße. Gespräche. Atmosphäre. Nähe.

Auch ohne Alkohol. Auch ohne kohlenhydratlastige Beilagen.

Dann folgt er, fast immer, dieser eine Satz. Gesprochen mit mildem Achselzucken, als handle es sich um eine charmante Schrulle:

„Mei, des musst du wissen.“

Ja.

Eben. Das tue ich.

Dieses Wissen ist nicht theoretisch. Es ist verkörpert. Es speist sich aus Erfahrung, aus Rückschlägen, aus jenen Auswüchsen, die auftreten würden, ließe ich meine angebliche „Extremität“ fahren. Mein Nein

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