Saltar para o conteúdo principal

Überraschungsei mit Notbremse

Über Spaziergänge, Körperwellen und erzwungene Pausen

Da war sie also wieder, diese freundlich getarnte Erinnerung.

Ja – freundlich ist hier selbstverständlich als Sarkasmus zu lesen.

Und doch war sie da. Unüberhörbar. Unübersehbar. Unverrückbar.

"Hallo", sagte sie.

"Ich bin auch noch da.

Ich bin wichtig.

Nimm mich ernst.

Vergiss mich nicht."

Und dann tat sie, was sie am besten kann: Sie nahm Platz. Raum. Präsenz.

Nicht höflich, nicht dezent, nicht im Hintergrund wartend – sondern mit jener eigentümlichen Selbstverständlichkeit, die nur chronische Erkrankungen beherrschen. Diese listigen Störfriede, die keine dramatischen Auftritte benötigen, weil sie längst Teil des Inventars geworden sind. Keine Katastrophe, kein Ausnahmezustand. Sondern Alltag. Persistenz. Dauer.

Von was ich spreche?

Von der kleinen, zähen, beinahe intimen Gegenspielerin meines Lebensentwurfs.

Ich habe versucht, sie wegzuignorieren.

Wirklich. Mit bemerkenswerter Disziplin, einer guten Portion Trotz und jener naiven Hoffnung, man könne dem Körper durch Willenskraft schon beibringen, sich gefälligst kooperativ zu verhalten.

Spoiler: Der Körper liest keine Motivationszitate. Er kennt keine To-do-Listen. Und er lässt sich schon gar nicht gaslighten.

Also war sie da. Nach wie vor. Unbeeindruckt von meinen Bemühungen.

Nachdem ich zwei Vorträge vollendet hatte – sorgfältig ausformuliert, in sich geschlossen, argumentativ tragfähig –, nachdem ich im Büro die Ordner schloss, die Fortbildung für die Mitarbeitenden konzeptuell rundete und der Workshop seine finale Gestalt angenommen hatte, beschloss ich, hinauszugehen.

Nicht aus Flucht, sondern aus Klugheit. Die Sonne nutzen. Frische Luft inhalieren. Eine Pause, die mehr ist als ein bloßes Unterbrechen von Tätigkeit.

Und ja: Es gibt diese anderen Tage.

Mit viel Glück schon wieder nächste Woche –, da ziehe ich zwanzig Kilometer quer durch Städte, ohne dass die Hüfte Einwände erhebt oder der Fuß auch nur die leiseste Beschwerde anmeldet. Keine Blase, kein Ziehen, kein Murren. Ich bin gern unterwegs. Zu Fuß. Weit. Lang. Ausdauernd. Bewegung ist mir kein Gegner, sondern ein Verbündeter.

Sie fordert mich nicht heraus, sie trägt mich.

Doch wenn sich die Störfriede der chronischen Erkrankung aufwallen – dieses zähe, kaum greifbare Ensemble aus Müdigkeit, Dysregulation und körperlicher Renitenz –, verschiebt sich die Dramaturgie.

Ich war heute spazieren.

Ein Spaziergang, wie er im Januar selten so freundlich daherkommt. Die Sonne mit erstaunlicher Autorität, der Schnee im Rückzug, die Luft klar, fast schon verheißungsvoll. Ein meteorologisches Zwinkern. Frühling auf Probe.

Und ich – dankbar, beinahe andächtig – ließ mich darauf ein. Sammelte Vitamin D, als ließe sich damit nicht nur der Knochenstoffwechsel, sondern gleich das ganze System neu kalibrieren.

Der Spaziergang selbst war herrlich. Wohltuend. Ein Geschenk. Vitamin D wie ein leiser Zuspruch, die Wärme auf der Haut tröstlich, die Luft klar und kalt, von jener Reinheit, die den Kopf ordnet. Ich habe alles genossen. Es ging mir gut.

Die fünf Kilometer marschierte ich ohne Pathos, ohne Atemnot, ohne jede Dramatik. Kein innerer Alarm, kein körperlicher Protest. Alles war gut. Wirklich gut.

Der Weg in die Stadt: Rückenwind, Gespräche verständlich, Gedanken leicht. Die Donau glitzerte, Eisreste funkelten wie letzte Argumente des Winters. Es war einer dieser seltenen Augenblicke, in denen sich der Körper nicht widersetzt, sondern mitgeht. Kooperiert. Zustimmt.

Und dann – wie so oft – der Rückweg.

Der Wind drehte. Kam von vorn. Von der Seite. Unentschlossen, aber entschieden unangenehm. Die Sonne verschwand, als hätte sie ihren Dienst quittiert. Die Kälte kroch zurück, nicht dramatisch, aber konsequent. Und mit ihr jene altbekannte Irritation im System. Reizüberflutung. Erschöpfung. Ein leises, aber bestimmtes Jetzt reicht es.

Hier meldete sie sich wieder.

Nicht laut. Nicht dramatisch.

Sondern insistierend.

Und so hatte ich heute wieder eines jener Überraschungseier, die nichts Gutes bereithielten.

Keine kleine Freude, kein versöhnlicher Beipackzettel.

Und dann – zu Hause – kam sie.

Nicht angekündigt, nicht verhandelbar.

Wie ein Tsunami. Eine Welle, die sich nicht langsam aufbaut, sondern einfach da ist.

Zack. Zu viel. Jetzt.

Notbremse ziehen.

Natürlich dachte ich, ich könne nahtlos weiterarbeiten. Die Unterlagen lagen bereit, die Handouts waren abgeschlossen, der Kopf schien zunächst klar genug, um mich an meine eigenen Lernmaterialien zu setzen.

Produktivität als Reflex.

Funktionalität als Selbstverständnis.

Dann kam er.

Der Brainfog.

Nicht plötzlich, nicht dramatisch – eher wie Nebel, der sich unaufgeregt über die Gedanken legt. Die Beine begannen zu schmerzen, nicht scharf, sondern diffus, schwer. Aufrecht bleiben wurde anstrengend. Und dann dieses Frieren. Ein tiefes, unnachgiebiges Frieren, das nichts mit Raumtemperatur zu tun hat, sondern mit einem System, das seine Regulation verloren hat. Die innere Thermodynamik außer Kraft gesetzt. Kein Maß, kein Gleichgewicht.

Mir ging es nicht gut. Punkt.

Also sitze ich nun hier. Mit Tee. Mit Hörbuch.

Nicht, weil ich es mir gemütlich mache – sondern weil selbst das Halten eines Buches zu anstrengend wäre. Die Hände ermüden, sind eisig kalt, verloren ihr Gefühl. Die Seiten wären bloß Papier, ohne Widerstand, ohne Kontakt. Lesen wird zur Überforderung, zur Zumutung.

Also höre ich.

Mit Wärmflasche. Mit Tee. Mit einer Decke, die mehr ist als Stoff – eine Barriere gegen das Auskühlen, ein stilles Zugeständnis an die eigenen Grenzen.

Ich gönne mir diese Pause nicht.

Das wäre zu schön formuliert, zu selbstbestimmt.

Ich werde gezwungen.

Es fällt mir noch immer schwer, meine Kräfte verlässlich einzuteilen. Mit ihnen zu haushalten, sie vorausschauend zu disponieren, zu wissen, was ich wann kann. Nicht aus mangelnder Einsicht, sondern weil sich die eigene Konstitution nicht linear verhält, sondern wellenförmig.

Launisch. Unberechenbar.

Sie folgt keiner Logik, die sich planen ließe, keiner Kurve, die man antizipieren könnte.

Kein Tag ist wie der andere.

Und jeder Morgen trägt das Versprechen – oder die Zumutung – eines Überraschungseis in sich. Man weiß nie genau, was man bekommt. Spielzeug oder Bruchstück. Glanz oder Ernüchterung.

Es gibt diese Tage, an denen ich morgens aufwache und alles scheint möglich. Der Körper präsent, die Gedanken klar, die Energie greifbar. Tage, an denen ich ohne Zögern zu einer Bergbesteigung aufbrechen würde – metaphorisch wie real. Weil da Kraft ist. Tragfähigkeit. Ein inneres Ja. An solchen Vormittagen wirkt Zurückhaltung beinahe wie Verrat am eigenen Potenzial.

Und dann kippt es.

Manchmal schleichend, manchmal abrupt.

Am Nachmittag ist es vorbei.

Was morgens noch selbstverständlich war, wird plötzlich anstrengend. Der Körper zieht sich zurück, die Konzentration franst aus, die innere Spannung steigt. Die Notwendigkeit einer Pause meldet sich nicht bittend, sondern dringlich. Rückzug wird nicht zur Option, sondern zur Bedingung.

Das Schwierige daran ist nicht die Pause selbst.

Das Schwierige ist ihre Unplanbarkeit.

Denn unsere Welt liebt Verlässlichkeit. Kontinuität. Berechenbarkeit. Sie belohnt jene, deren Leistungsfähigkeit stabil abrufbar ist, deren Energie nicht oszilliert, sondern konstant zur Verfügung steht.

Chronische Erkrankungen hingegen verweigern diese Form der Loyalität. Sie operieren nach eigenen Rhythmen. Und zwingen dazu, Kontrolle abzugeben – eine Disziplin, die gesellschaftlich kaum eingeübt wird.

Ich lerne noch.

Lerne, dass Kraft kein Besitz ist, sondern ein Zustand.

Dass Energie nichts ist, worauf man Anspruch erheben kann.

Und dass Pausen kein Zeichen mangelnder Disziplin sind, sondern Ausdruck von Kompetenz im Umgang mit sich selbst.

Vielleicht ist genau das die eigentliche Herausforderung:

0 comentários

Gostaria de ser o primeiro a escrever um comentário?
Torne-se membro de Frau_Kruemelkuchen, Diana - hört! Oder doch nicht? - e comece a conversa.
Torne-se membro