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Netflix and Chill – oder: Zehn Jahre sprachlicher Flurschaden

Es gibt Momente, in denen man schlagartig begreift, dass man über Jahre hinweg mit der Souveränität einer kultivierten, halbwegs sprachmächtigen Erwachsenen durch die Welt gegangen ist – und dabei etwas gesagt hat, das in Wahrheit etwas völlig anderes bedeutete.

So einen Moment hatte ich jüngst.

Da erfährt man, eher nebenbei, fast en passant, dass „Netflix and Chill“ eben nicht das ist, wofür ich es ein ganzes Jahrzehnt lang hielt. Also nicht: gemütlicher Sofaabend, Wolldecke, Chips, Tee, Cola, vielleicht noch ein leicht dekadenter Serienmarathon mit jener Würde, die nur Menschen besitzen, die sich um 19.12 Uhr schon in Freizeitkleidung befinden und innerlich für den Tag nichts mehr vorhaben.

Nein.

Wie sich herausstellt, ist hier keineswegs primär der Bildschirm gemeint. Der eigentliche „Marathon“ spielt sich offenbar auf einem ganz anderen Feld ab. Eher körpernah. Eher zwanglos. Eher… nun ja. Nicht mit Salzstangen.

Seit dieser Erkenntnis sitzt mein inneres Wiesel in einem Zustand vollendeter Panik auf der Tischkante und hinterlässt dort seelisch bereits kleine Krallenabdrücke. Es zittert, es beißt, es läuft im Kreis wie ein überforderter Kulturkritiker auf Speed. Es ist der festen Überzeugung, dass wir unser gesamtes soziales Umfeld der letzten zehn Jahre nachträglich anschreiben und um sprachhistorische Entschuldigung bitten müssen.

Und die Wasserbüffelin?

Die Wasserbüffelin, sonst ein Monument stoischer Gelassenheit, sitzt daneben mit kugelrunden Augen und hat vor Schreck sogar aufgehört, an ihrem Grashalm zu kauen. Das allein sagt alles. Wenn selbst die Büffelin ihre Contenance verliert, dann ist die Lage nicht mehr unerquicklich, sondern ausgewachsen prekär.

Denn natürlich beginnt man augenblicklich zu rekonstruieren.

Wem, um alles in der Welt, habe ich in den vergangenen Jahren harmlos und treuherzig „Netflix and Chill“ vorgeschlagen?

Wem schrieb ich in bester Absicht, man könne doch mal „Netflix and Chill“ machen, während ich an Tee, Snacks und schlechte Synchronstimmen dachte – und mein Gegenüber womöglich kurz innehielt und sich fragte, ob ich neuerdings sehr forsch geworden sei?

Wie oft stand dieser Ausdruck in meinem Status, alldieweil ich schlicht einen gepflegten Lümmelabend meinte, während andere eventuell annahmen, bei Frau Krümelkuchen herrsche frivole Abendgestaltung mit offenem Ausgang?

Man möchte rückwirkend jedem einzelnen Satz eine Fußnote beifügen.

Eine saubere, amtlich beglaubigte Fußnote.

Anmerkung der Verfasserin: Gemeint war ausschließlich horizontales Verweilen auf Polstermöbeln in Verbindung mit audiovisuellem Konsum und Salzgebäck. Keine anzügliche Konnotation intendiert. Wirklich nicht.

Es ist ohnehin bemerkenswert, wie viele dieser harmlos klingenden Wendungen in Wahrheit semantische Falltüren enthalten. Man tritt mit guten Absichten auf vertrautes Vokabular – und rauscht direkt in die gesellschaftliche Doppeldeutigkeit wie eine pensionierte Internatsleiterin auf Glatteis.

Und ich?

Ich bin offenbar exakt die Art Frau, die zehn Jahre lang redlich „Netflix and Chill“ sagt und dabei tatsächlich Netflix und chillen meint. Also echtes Chillen. Mit Tee. Mit Decke. Mit Knabberzeug. Mit der festen Absicht, nach der zweiten Folge ohnehin halb einzuschlafen und den Rest der Handlung am nächsten Tag nicht mehr rekonstruieren zu können.

Kurzum: Ich bin, was man wohl mit milder Selbstironie eine Frau der Übergangsgeneration nennen könnte. Alt genug, um Worte noch wörtlich zu nehmen. Jung genug, um sie arglos zu benutzen. Und sprachlich gerade flexibel genug, um mich regelmäßig in den Fallstricken moderner Euphemistik zu verheddern.

Liebe Leserinnen und Leser, sollte ich also jemals euch oder sonst irgendwem „Netflix and Chill“ angeboten haben,

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